Der Peter Stein des Underground – „Karamasow“ in den Sophiensaelen

© Arwed Messmer

Natürlich ist Thorsten Lensing nicht wie Peter Stein. Und natürlich sind die Sophiensaele in Berlin auch kein Underground. Trotzdem gingen meiner Begleitung und mir an diesem Sonntagabend im Dezember die Fragen nicht aus dem Kopf: Wer ist denn dieser Regisseur, dessen sechs Aufführungen in den Sophiensaelen binnen kürzester Zeit so ausverkauft waren, dass unsere beiden Eintrittskarten uns regelrecht euphorisierten? Was macht denn dieser Regisseur, so dass sich regelmäßig ein imposantes Aufgebot von Tatort-Kommissaren und Sprechtheater-Profis verpflichtet, mit ihm und seinen Stückbearbeitungen durch die Halb-Off-Koproduktionsstätten des deutschsprachigen Raums zu touren? Und wer ist denn diese eingeschworene Fangemeinde, die sich schon Wochen vorher um Karten bemüht?

„Karamasow“, so der schlanke Stücktitel, erzählt eine mikrokosmische Variante des berühmten letzten Romans „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojewskij. Thorsten Lensing, der sich schon seit Mitte der 90er Jahre in der unabhängig(er)en Theaterszene hervortut, trat zuletzt mit Interpretationen von Anton Tschechows „Onkel Wanja“ sowie „Kirschgarten“ an. Bei der Textfassung von„Karamasow“ unterstützte ihn der Theaterkritiker Dirk Pilz. Im November hatte das Stück einige Voraufführungen im Pumpenhaus Münster, nun feierte es Premiere in Berlin. Die Romanvorlage erzählt von einer Familienkonstruktion um Fjodor Karamasow und dessen drei Söhne. Im Zentrum steht ein Kriminalfall (Vatermord!), um den herum Dostojewskij das Panorama einer russischen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts entstehen lässt, die facettenreich krankt: verworrene Liebesbedürfnisse, soziale Probleme, moralisches Fehlverhalten, und allmählicher Verlust des Gottesglaubens schwächen die Charaktere.

„Liebt die Tiere, liebt die Kinder – sie sind ohne Sünde.“

Pilz und Lensing setzen in ihrem „Karamasow“ einen frischen Kontrapunkt zur düsteren Weltsicht Dostojewskijs: Sie konzentrieren sich auf die Kinder- und Tierfiguren, welche die Romanvorlage bereithält. Der Vatermord wird hier nur peripher behandelt, und einzig der 19-jährige Aljoscha repräsentiert die Karamasow-Brüder auf der Bühne. Devid Striesow gibt ihm sein kindliches Gesicht und spielt ihn ganz direkt. „Ich weiß eben nur, dass auch ich ein Karamasow bin“ – das klingt aus Striesows Mund, als müsse man den Familiennamen durch „Mensch“ ersetzen. Um Menschlichkeit geht es viel an diesem Abend. Und da der Mensch bei Dostojewskij grundsätzlich ein unberechenbares Wesen ist, widmen sich Lensing und sein Team in „Karamasow“ dem Menschen erstmal im Kleinformat und im Tierformat.
Der Fokus liegt auf den Heranwachsenden Aljoscha, Kolja (Sebastian Blomberg), Iljuscha (Horst Mendroch), Lisa (Ursina Lardi) und nicht zuletzt auf dem Hund (grandios und unpeinlich gespielt von André Jung). Ein einfacher und genialer Kniff, denn die Behauptung, das Spielalter von Striesow & Co. läge zwischen 9 und 19 Jahren, ist gewagt, und dennoch verleiht dies der Inszenierung mit ihren unendlich ausführlichen Spielsequenzen eine große Zartheit. Schulhofprobleme, Trauer um das verlorene Haustier, Verhältnis eines Vaters zum sterbenden Sohn bilden die Komponenten dieses Wimmelbilds nach Dostojewskij. Doppelten Boden erhält die Lensing’sche Setzung natürlich dadurch, dass die Kinder so lieb dann doch nicht sind, sondern in vermehrt brutalem Verhalten ein genaues Abbild der Gesellschaft der Großen abgeben. Auch sie leiden am Glauben, und zugleich am Unglauben.

Form: schlank, Inhalt: menschelnd, Spiel: opulent

Das Bühnenbild von Johannes Schütz berichtet zweifach von den Prioritäten der Produktion: Erstens ist es transportabel und ohne großen Aufwand zu den zahlreichen Koproduktionsstätten zu bringen, die „Karamasow“ noch vor bzw. schon hinter sich hat.
Zweitens lässt es Raum für das Schauspiel, oder, das Menschliche der Inszenierung. Der Festsaal der Berliner Sophiensaele ist in voller Größe zu sehen. An beiden Bühnenseiten bildet eine Anordnung von Holztischen und -stühlen , ausgestattet mit wenigen Requisiten, visuelle Begrenzungen und zugleich Start- und Ruhepositionen der Spielenden, die während der Inszenierung stets im Raum bleiben. Hinten hängt eine Kirchenglocke; außerdem befinden sich im Raum ein Paravent aus leuchtendem Kupfer, etwas Geäst, und im zweiten Teil des Geschehens –hübsch!– Kunstschnee.

Die Figuren sprechen, spielen miteinander, sie wiederholen; Theatermittel wie Kunstblut werden bewusst verfremdet eingesetzt. Und obwohl (oder gerade weil?) es so transparent ist, wie die SchauspielerInnen sich immer wieder in ihre Zustände auf der Bühne hineinschrauben, zeigt sich darin eine Fertigkeit und Spielfreude (ich muss es so altmodisch ausdrücken!), mit der sie gekonnt durch die besonders im ersten Teil hohe Monologdichte kurven.

Es war mir fast peinlich vor mir selbst, als ich im Publikum saß und dachte: Es ist so schön, denen zuzuhören.

Wobei, SchauspielerInnen? Ursina Lardi steht in der Inszenierung sechs männlichen Kollegen gegenüber, beziehungsweise sitzt sie ihnen gegenüber, denn ihre 14-jährige Lisa befindet sich die meiste Zeit im Rollstuhl, erst gegen Ende gelingt es ihr, sich zu erheben, passend zu ihrem großen und klassisch hysterischen Liebesgeständnis an Aljoscha. Lisas Mutter mit Ernst Stötzner zu besetzen, ist zwar charmant, und doch erscheint es allzu platt, wie das Kostümbild (Anette Guther) aus Lisa eine attraktive Teenie-Frau im engen pinken Zweiteiler macht, während Stötzner als Mutter des Teenies offensichtlich keine sexuelle Position mehr besetzt und darum Schlabberlook trägt.
Einfachheit hin oder her – Thorsten Lensings Abend „Karamasow“ ist wasserdicht, doch fehlt es seiner thesenhaften Dramaturgie auf die Dauer des Abends gesehen an Tiefenschärfe. Aber darum geht es hier vielleicht auch gar nicht. Thorsten Lensing samt Ensemble feiern mit ihrem „Karamasow“ ein langes Fest für das Schauspiel. Immerhin: fast vier Stunden.

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