Viel Werkstatt, wenig Musical – „Libretto“ im Theaterdiscounter

Die Zuschauer_innen betreten den Aufführungsraum des Theaterdiscounters, der immer etwas von Parkhauskeller hat, durch eine Schneise von grinsenden Wachsfiguren: Die fünf Darsteller_innen und zwölf mitwirkenden Laien von „Libretto – hommage total ans musical harren in eingefrorener, pathetischer Begrüßungspose aus, bis alle auf ihren Plätzen sind. Darauf folgt eine Massenchoreographie, die auch Teil einer Herbert Fritsch-Nummer oder eines Walt Disneys-Cartoons sein könnte (oder halt eines Musicals, ich kenn mich da nicht so aus) mit weit ausgestreckten Armen, mit gekünsteltem Lächeln und Winken zur schnulzig-beschwingten Klaviermusik des amerikanischen Musical-Profis David Morrow.

In diesen gemeinsamen Bewegungen aller Akteur_innen nähert sich die Musical-Studie von Paula Rosolen dem Reiz des Musicals, der großen Show, der abgeschlossenen Form am ehesten an. Ansonsten wird in der einstündigen Performance nichts an der Form des beliebten Unterhaltungsgenres heil gelassen. Die fünf professionellen Tänzer- und Schauspieler_innen nehmen alles auseinander, trennen musikalische, tänzerische und theatrale Fragmente und brechen diese wieder ab, bevor sich ein Rhythmus entfalten kann. Zwei dreistufige Treppen und eine Wand werden hin und hergefahren, schüchtern switcht das Licht ein wenig. Dazwischen schmachtende, heterosexuelle Liebesszenen in Zeitlupe bzw. ohne Ton, Posieren vorm Ventilator mit flatterndem weißen Kleid und Solo-Tanznummern, die von unsichtbarer Hand an- und ausgeschaltet werden.

Es lässt sich erahnen, wie im Musical die Körper zugerichtet, die vielfältigen Bewegungs- und Interaktionsmöglichkeiten in ein enges rhythmisches Korsett gepresst werden. Ein eingespieltes Interview, in dem der Aufbau einer Tanznummer beschrieben wird, verdeutlicht dies schon im anpackenden, staccatoartigen Sprachduktus, den zwei Tänzerinnen gestisch persiflieren. Die werkstattartigen Szenen, die die Tänzer_innen sichtlich unterfordern, zitieren verschiedene Musicals an, bleiben aber beliebig in ihrer Abfolge, dadurch dass keinem bestimmten Musical in seiner Dramaturgie gefolgt wird. Höhepunkt ist die Arie „Maria“ aus West-Side-Story, die Dan Thy Nguyen bis auf zwei, drei Schluchzer tonlos performt. Auf symphatische Weise verkopft und ständig bemüht, nichts ins Lächerliche zu ziehen, seziert die Inszenierung zwar präzise Musical-Elemente, bekennt sich aber performativ zum Gegenteil: Der experimentell-sperrigen Theaterdiscounterworkshopinstallation.

Hier wird nicht wie im anschließenden, von Theaterscoutings organisierten, Publikumsgespräch mehrmals erwähnt, die Lücke zwischen sogenannter Hoch- und Popkultur geschlossen. Sie klafft vielmehr umso größer auf, als die Peformance immer wieder Brüche setzt, auf Distanz zum Gegenstand geht, den sie „wissenschaftlich“ untersuchen möchte und sich weder ästhetisch noch narrativ auf das einlässt, was Musicals so anziehend macht. Was jetzt typisch Musical ist und was nicht, müssen die Zuschauer_innen meist erraten. Dadurch dass dies nicht erfahrbar gemacht wird, bekommt die Frage, was die sogenannte Hochkultur vom Musical lernen kann, keine Dringlichkeit. So etwas geschieht z.B. eher bei einem Herbert Fritsch, der von Walt Disney gelernt hat.

Foto: Jörn Lund

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