Blutiger Schwank statt Rechtfertigungstheater – „Vorhaut“ im Ballhaus Naunynstraße

Das Ballhaus Naunynstraße geht mit Vorhaut so boulevardesk in die Offensive wie lange nicht mehr: Der Angriff gilt der Mehrheitsgesellschaft und den Debatten, die sie produziert und in denen sie das Wort führen will. Der Debatte, die 2012 in Deutschland um ein Verbot religiöser Beschneidungen von minderjährigen Jungen entfacht wurde und dabei von Anfang an eine Steilvorlage für antimuslimisches und antisemitisches Ressentiment bot, wird sich in Vorhaut unter brüllendem Lachen verweigert. Unter der Regie von Miraz Bezar wird stattdessen die deutsche Geburtsstation mit besoffenem Personal zur Kulisse für ein kunstblutiges Kalauerfest.

Der Konflikt in dem handwerklich sauberen Debütstück von Necati Öziri sieht so aus: Die Familie Bülükoglu trifft sich vorm Kreissaal und gerät in heftigen Streit über die Beschneidung des männlichen Nachwuchses. Der angehende Vater, der provinzielle deutsche Christian mit überdimensionalem Clownsarsch und dümmlichem Blick, ist zutiefst geschockt, als das Thema zur Sprache kommt. Denn die bestimmende Schwiegermutter Elif fordert genauso eine Beschneidung des Stammhalters wie die beiden Schwager, der zum Judentum konvertierte Macho Abraham und der palästinensische Immobilienhändler Mohamed. Christian hat gerade noch die Familie seiner Frau um Geld angebettelt, um einen Roboter zu bauen, der Hundekot schluckt. Jetzt ereifert er sich in Hasstiraden über die „Unterdrückung der Mehrheitsgesellschaft“ und den „Untergang des Abendlandes“, um die drohende Beschneidung abzuwenden. Der Schlagabtausch, in dem die Familie Bülükoglu der eingeheirateten Kartoffel aufzählt, was die Vorteile der Beschneidung sind, wird jäh abgebrochen, als Schreie aus dem Kreissaal kommen. Blöderweise hat Christian bereits die (beschneidungswillige) Ärztin gefesselt und muss nun selbst bei der Geburt helfen.

Viele Gags, wenig Bewegung

Die maßlose Übertreibung mit Clownskostüm und hysterischem Geschrei, der Spaß an vulgären Nahostkonflikt-Witzen gipfelt in einer Kunstblutorgie. Eimerweise klatscht das Blut gegen eine Glaswand, hinter der sich der vermeintliche Kreissaal verbirgt – eine performative Mauerschau im Splatter-Stil, wenn man so will. Statt zu diskutieren, wie viel Blut nun „wirklich“ bei einer Beschneidung fließt, geht es so an diesem Abend eher darum, wann dieses sonst noch fließt.

Das Publikum prustet und juchzt, abwechselnd. Es ließe sich symptomatisch deuten, dass ganz unterschiedlich gelacht wird, mal vorsichtig, mal überdreht, mal unterdrückt. Der Text verzahnt in seinen Gags ganz unterschiedliche Arten des Lachens – spöttisch, albern, schenkelklopfend, peinlich berührt – allerdings auch auf sehr unterschiedlichem Niveau. An der Herausforderung, daraus eine runde Sache zu machen, scheitert das Schauspiel immer wieder. Die Inszenierung sieht bis auf das furiose Finale kaum Action vor, zu monoton und klobig bleibt die Gestik, der Schlagabtausch läuft oft nur verbal.

Dass das alles nicht komplett auseinanderbricht, liegt vor allem an Sema Poyraz. Sie verleiht dem Abend Leichtigkeit als Christians Schwiegermutter Elif, die es faustdick hinter den Ohren hat, die herumstolzierend erklärt, wie Verführung funktioniert, die mehrmals in Ohnmacht fällt. Energetisch und mit stimmlich-mimischen Kapriolen sublimiert sie die brachiale Boulevardnummer, die Vorhaut ansonsten bis zum Ende bleiben will.

„Das unbeschnittene Tausendjährige Reich hat ja auch nicht so lange gehalten“

Der Streit legt sich nach der Geburt, als alle Beteiligten etwas mehr von sich preisgeben. Bodybuilder Abraham outet sich als Hegelleser, Mohamed als schwul, Christian empfiehlt sich als blutbespritzte Hebamme für die Reintegration in die Familie und das Neugeborere ist zur Überraschung aller weder Junge noch Mädchen. So steht die männliche Beschneidung plötzlich vor einem ganz anderen Problem. Und die Auseinandersetzung mit der Beschneidungsdebatte ist vorbei, bevor sie begonnen hat, ging es doch bei Vorhaut vor allem darum, Figuren zu konstruieren, die sich in widersprüchlichen gesellschaftlichen und familiären Konflikten wiederfinden, und sie dann aufeinander loszulassen.

Zum Glück! Ein theatrales Wiederaufwärmen der Debatte mit ernster, besorgt-paternalistischer Erörterung der gesundheitlichen Vor- und Nachteile, bzw. ein Rechtfertigungstheater, es hätte nur abgelenkt vom viel Interessanteren: Dem Kontext postnationalsozialistische und postmigrantische Gesellschaft, der hier als Witzekiste dient. Das Ballhaus Naunynstraße bleibt sich treu.

Nächste Vorstellungen:
27.12.2014, 20 Uhr
28.12.2013, 19 Uhr
29. & 30.12.2014, 20 Uhr

Foto: Ballhaus Naunynstraße

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2 Gedanken zu “Blutiger Schwank statt Rechtfertigungstheater – „Vorhaut“ im Ballhaus Naunynstraße

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