Ich feier meine Freunde. Ich feier die hart. – «Société des amis. Tindermatch im Oderbruch» im Ballhaus Ost

© Hannah Dörr

Schade, jetzt ist es schon vorbei. Am vergangenen Wochenende zeigten sechs Freunde ihre Version der Fünf Freunde, frei nach den Abenteuergeschichten von Enid Blyton.

„So jugendlich!“ ist so ein Satz, der mir am Wochenende immer wieder in den Kopf kam, dachte ich zurück an den Donnerstagabend, an die Premiere von „Société des amis. Tindermatch im Oderbruch“ im Ballhaus Ost. Jugendlich nicht nur die Stimmung des Abends, jugendlich auch das Konzept.
Jan Koslowski hat zusammen mit fünf seiner Freunde eine eigenwillige Interpretation der berühmten Fünf Freunde von Enid Blyton vorgelegt. (Wobei hier die zahlreichen an der Produktion beteiligten Freunde, die im Anschluss an die Vorstellung zum Verbeugen auftraten, unterschlagen sind!) Jan führte Regie, für die Dramaturgie zeichnete Nele Stuhler verantwortlich. Die Texte wurden kollektiv im Ensemble entwickelt, sie erzählen von Freundschaft, Gemeinschaft und Abenteuer. Der Enid Blyton-Sprech wird darin aufgegriffen (klar!), sowie diverse Termini des Denkers Michel Foucault (auch: klar!), vor allem aus dessen Überlegungen „Von der Freundschaft als Lebensweise„. Wie passend, dass ich mir vorgenommen habe, als eine Freundin des Produktionsteams von dem Stück zu berichten. Kein einfaches Setting, denn so inspiriert ich mich dazu fühle, so befangen bin ich, natürlich. Freundschaften sind empfindliche Strukturen, das zeigt auch dieser Abend.

mitte ende zwanzig dreißig quelque chose

Ein großartiges und in der Spielweise wunderbar heterogenes Ensemble steht getreu der Originalzusammensetzung als Fünf Freunde auf der Bühne: Anton Weil spielt Georg aka Georgina, Nele Stuhler spielt Anne, Banafshe Hourmazdi und Max Hegewald spielen Julius oder Richard und Anne Kulbatzki gibt Timmy (den Hund). In loser dramatischer Abfolge und in stilisierter Form bestreiten sie in dem Stück ihren alljährlichen gemeinsamen Sommerurlaub, sie beschwören gemeinsame Erinnerungen an diesen einen Sommer – wie man das eben macht unter Freunden – und sie entwerfen ihre Idee des „Monte Amici“. Der „Monte Amici“ steht in dem Stück wie eine Entscheidung dafür, Freundschaft und Gemeinschaft nicht nur als Übergangszustand zu begreifen, welcher im nächsten Schritt durch „dieses exklusive Zweier-Dingens“ abgelöst wird, sondern Freundschaft als Möglichkeitsraum ernst zu nehmen und zu leben. In diesem Entwurf erhebt sich die Kulturtechnik Freundschaft vom vermeintlich jugendlichen Phänomen zum Konflikt der Figuren im Alter von „mitte ende zwanzig dreißig quelque chose“. Eine Lebensphase, in der auch der große Teil der an der Produktion Beteiligten steckt. Für Jan ist die Inszenierung das Abschlussprojekt seines Masterstudiums Regie an der ZHdK in Zürich, und auch die Freunde auf der Bühne befinden sich kurz vor oder kurz nach Beendigung ihrer unterschiedlichen Studien, Schauspiel und schauspielnahe Fächer.

Das Abenteuer, das die fünf hier gemeinsam erleben, ist als ein inneres Abenteuer zu bezeichnen, erzählt in zackigen Bildern. Dramaturgischen Antrieb bilden vor allem Konfliktsituationen innerhalb der Gruppe. Denn obwohl „Société des amis“ von Gemeinschaft berichtet, scheint die Inszenierung der Gemeinschaft erstaunlich wenig zuzutrauen. Inklusion und Ausschluss, Eifersucht auf gemeinsame Erlebnisse der Anderen, die delikate Frage nach Sex innerhalb der Freundschaft („Freundschaft = Liebe – Sex“ ?), sowie die vertrauliche Versicherung von exklusiver Freundschaft innerhalb der Gruppe sind zentrale Motive der Inszenierung. „Was ich allein nicht schaffe, schaffen wir auch nicht zusammen,“ so Banafshe an einer Stelle. Und dabei klingt sie nicht einmal resignierend.

Die utopische Torte der Freundschaft

Ganz ohne positiven Kontrast geht es jedoch nicht zu. Die Schaffung eines gemeinsamen Vokabulars und gemeinsamer Erlebnisse (spitze-spannende Abenteuer!) zur Konstitution der Gemeinschaft finden in der konfliktgeladenen Gruppe ebenso statt, wie der ein oder andere Freundschaftstanz. Die Fünf mühen sich ab, auf der Suche nach einem vermeintlichen Urzustand, dem „blanken, fleischigen, schmerzhaften Kern“ ihrer Gemeinschaft. Die Freundschaft, so Julius oder Richard in einer der wenigen dialogischen Szenen, sei eine utopische Torte, noch raw.
Von der erwachsenen Welt, bei Enid Blyton wie hier durch Onkel Quentin und Tante Fanny repräsentiert, werden die fünf gleich mehrfach mit dem klischierten Vorwurf konfrontiert, „Schluffis“ zu sein, „Gammler und Schnullis“. In ihrem Alter, so Tante und Onkel stolz, hätten sie überhaupt nie geschlafen, hingegen viel gevögelt! Als allgemeiner Vorwurf der Älteren an die Jüngeren ist dieser absurde Generationenkonflikt keine Neuheit, und doch wirkungsvoll.

Der „Monte Amici“ zeigt sich nicht nur im Konzept, sondern auch im Raum. Chasper Bertschinger entwarf für „Société des amis“ eine Bühne, die in keiner Weise nostalgisch auf die Fünf Freunde reagiert. Die kleineren bis großen dreieckigen und runden verspiegelten Elemente erlauben vielmehr die Assoziation der hart-weichen Ästhetik der 80er, eine Epoche, die vermutlich ebenso nostalgische Sehnsuchtsorte besetzt hält wie Enid Blytons Abenteuergeschichten. Aus den kleinen Dreieckswipfeln lässt sich ein süßes Bergpanorama samt auf- und abgehender Sonne bilden, außerdem werden die Reflektionen der spiegelnden Oberfläche zu effektvollen Spotlights im Dunkel des Sommercamps.
Kostüme (Svenja Gassen) und Soundtrack des Abends laden ebenfalls nostalgisch  in die Welt der späten 70er Jahre ein (musikalisches Highlight: „Seabird“ von den Alessi Brothers).
Spätestens als die Figuren im letzten Teil des Stücks in langen schwarzen Kleidern auftreten, ist jede visuelle Anlehnung an die Originalfiguren dahin. Es wird vielmehr visualisiert, was Banafshe alias Julius oder Richard an einer Stelle als „80er Jahre no future Gejammer“ bezeichnet.

Ich feier meine Freunde. Ich feier die hart.

Auch abgesehen von den Bergvokabeln und Sonnenbildern im Text macht sich die Inszenierung „Société des amis“ einen Spaß daraus, sich selbst teilweise völlig beim Wort zu nehmen. Zwischen all den Spiegelspitzen auf der Bühne ist spitze auf einmal „das neue Wort, das jetzt alle sagen“; die Fünf Freunde erleben ihr Abenteuer nicht etwa auf einer Felseninsel, sondern auf einer Spritzenlichtung, und Nele bietet ihren Kompagnons selbstgebackenes Spritzgebäck an. Derlei alberne, lustige Konstruktionen, sowie die virtuosen Wechsel zwischen konkreter Bebilderung des Textes und abstrakteren gedanklichen Entwürfen, machen das Stück zu einer blitzschnellen Reflektion seiner selbst.
Sprachlich aktuelle Wendungen à la „Ich feier meine Freunde. Ich feier die hart.“ oder „Und was soll ich jetzt aus dieser Geschichte für mich ziehen?“ oder „Tourist_innen“ werden in der Inszenierung inflationär benutzt. Das ist so ein bisschen daneben. Aber gerade in dieser plakativen Form stellt ein Freundeskreis seine codierte Weise aus, Gefühle und Selbstbeobachtungen zu formulieren. Durch diesen zweifachen Zeigefinger wird die Sprache seltsam treffend.

Samuel Beckett schrieb 1930 in seinem Essay „Proust“: „Freundschaft impliziert ein fast mitleiderregendes Akzeptieren von Scheinwerten. Freundschaft ist ein gesellschaftliches Hilfsmittel wie Polstermöbel oder Verteilung von Mülleimern.“ Einen ähnlichen Verdacht der eigentlichen Sinnlosigkeit von Freundschaft transportiert stellenweise auch die Inszenierung von Jan & Co. Der Eindruck, der sich hier von Freundschaft vermittelt, ist der einer Verwertungsgemeinschaft, die den Austausch von Intimkapital cool verwaltet. Diese tiefe Skepsis scheint auf der Bühne allerdings eher gelebt, als tatsächlich konsequent benannt. Schade, denn gerade in ihrer vermeintlichen Sinnlosigkeit liegt doch die große Schönheit von Freundschaft: Es trotzdem zu machen, obwohl und gerade weil so vieles daran sinnlos ist, wider die Verwertbarkeit, wider das „exklusive Zweier-Dingens“. Der Gedanke ist da, im Stück, und doch ist er nicht da.

Schon vor Stückende beginnen sich die Fünf an gemeinsame Erlebnisse während ihres Sommercamps zu erinnern. Verbirgt sich da nicht doch noch ein wenig jugendliches Pathos? Die gemeinsamen Erinnerungen glätten die zwischenmenschlichen Wogen, und in diesem Zustand von Nostalgie laufen auch die inhaltlichen wie ästhetischen Stränge der Inszenierung zusammen. Die Gemeinschaft im Saal erinnert sich an gemeinsame Erlebnisse, wie das Gemeinschaften eben tun. Sie erinnert sich an die Fünf Freunde, und an die 80er Jahre, die sie vielleicht gar nicht so richtig miterlebt hat. So what.

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