Verträumte Architekten im Neonlicht – „Subway to Heaven“ von Torsten Holzapfel und Martin Clausen im Theater Thikwa

Ein Artikel von Gesche Beyer

Torsten Holzapfel steht vorm Spiegel. Fletscht die Zähne. Grinst. Zieht die Mundwinkel herunter, sodass sich sein Gesicht in eine Trauermiene verwandelt. Dann lehnt er sich weit nach vorne, ist seinem Spiegelbild nun ganz nah – so nah, dass er etwas zwischen seinen Zähnen entdeckt. Prompt streckt er die Hand aus, um es zu beseitigen. Oder ist es Martin Clausen, der sich in diese lautlose Kommunikation mit seinem dreidimensionalen Spiegelbild vertieft? – Wer genau uns (und sich selbst) hier eigentlich gegenübersteht, ist nicht eindeutig zu bestimmen. Denn in Subway to Heaven, der neuen Inszenierung Gerd Hartmanns am Theater Thikwa, verschmelzen die beiden Performer in einem wunderbar abgestimmten, fröhlich-heiteren und doch von melancholischen Klängen durchzogenen Spiel miteinander; „Ich bin Martin Holzapfel!“, „Mein Name ist Torsten Clausen Holzapfel!“ – So und in weiteren ähnlichen Variationen stellen sie sich dem Publikum vor.

Die schlimme Kindheit in der Besenkammer

Ihr Spiegelverhältnis drückt sich dabei auch im Bühnenraum aus, in dem zwei anfangs mit Kleidern behängte Stangen und zwei weiße Schemel einander schräg gegenüberstehen. In slapstickartigen, an alte Stummfilme erinnernden Anfangsszenen schlüpfen die beiden Performer umständlich in ihre Klamotten hinein – wobei die Hose des einen von der gleichen Farbe ist wie der Pulli des anderen und umgekehrt. Ihr darauffolgendes Gespräch nimmt die Gestalt eines Verhörs an, als der eine den anderen über seine alptraumhafte Kindheit in einem düsteren, versteckten „Hinten“ ausfragt und ihn dabei in lauernden Kreisen umschleicht. Vor allem aber nimmt ihre Kommunikation immer wieder monologartige Züge an: sowohl ihre Körper als auch ihre Worte verfolgen einander schattengleich, tanzen umeinander herum, schmiegen sich zärtlich aneinander, verstricken sich ineinander: „Was ist Ewigkeit?“, „Was ist drei plus vier?“, „Warum ist der Tag hell und die Nacht dunkel?“ Derartige Fragen werfen sie sich an den Kopf, wobei sie die Antworten gleichsam mit ihren Körpern zu suchen scheinen, indem sie in akrobatischen Stellungen mit der Schwerkraft ringen.

Und ihre Antworten klingen dann auch akrobatisch und schwerelos: „Es gibt ja Menschen, die ziehen tagsüber ihre Gardinen zu und machen nachts das Licht an. Die sind also verkehrt herum wach…“, ächzt etwa einer von beiden und steht dabei auf dem Kopf. Nicht zuletzt steht in ihrem Wortgeflecht auch die altbekannte Frage nach dem Verhältnis von Schauspieler und Rolle im Vordergrund. Hier wird sie aber mit derart spielerischer Leichtigkeit abgehandelt, dass sie alles andere als dröge und zerkaut erscheint. So erwacht Holzapfel in seiner ersten Rolle als Orpheus erneut zum Leben, indem er aus der Erinnerung inbrünstig ein Lied anstimmt, das er damals auf der Bühne sang. Auch Clausen (der in diesem Moment eben nicht mehr nur Clausen ist) stimmt in den Gesang mit ein. „Ich schritt durch den Fluss der Unterwelt…“, erzählt Holzapfel/Orpheus voll düsterem Ernst, während sein zwillingshafter Mitspieler die erzählten Bewegungen ausführt.

Das Berliner U-Bahnnetz umspannt die ganze Welt

Die Erinnerung wird so zu einer geteilten und sogar im Nachhinein noch einmal gemeinsam erlebten, fügt sich als neuartige Gegenwart in das verträumte Spiel der Performer ein. In diesem schrumpft die räumliche Distanz zwischen den Körpern ebenso zusammen wie die zeitliche Distanz zum Gewesenen, zum Zukünftigen, ja selbst zum nie Geschehenen. In diesem Kontext tauchen die Performer in einen Diskurs über die Stadt Berlin ein, wie sie in ihren Augen gestaltet ist, gestaltet war, gestaltet sein sollte. „Wie ein Tanz auf dem Vulkan!“, beschreibt Holzapfel etwa die Zeit der
20er Jahre. Als begeisterter U-Bahn-Fahrer, der sich genüsslich “im Neonlicht der U-Bahn-Sonne“ aalt, stellt er sich für die Zukunft eine Welt vor, in der das Berliner U-Bahn-Netz über die ganze Welt erweitert wird. Diese verquere Utopie nehmen die Performer vorweg, indem sie bunte Leinen und Wollfäden als gewaltiges U-Bahn-Netz im Raum aufspannen und sich somit im wahrsten Sinne des Wortes in ihre eigenen Imaginationen verstricken. Der dickste rote Wollfaden, doppelt so lang wie alle anderen, soll von Berlin bis direkt zur Wall Street führen, unter dem Meer hindurch.
„Selbst die versunkene Titanic ist dann zu sehen!“, verkündet Holzapfel.

Kurz darauf verwandeln sich die unvorstellbar langen, wollenen Wegstrecken, die die Performer auf kleinstem Raum zusammengeführt haben, wieder in ganz normale Wäscheleinen. Daran hängt Holzapfel seine Bilder auf – darunter ein „Mondkratzer“ und ein Foto, auf dem er laut Clausen wie „ein verträumter Architekt“ wirkt. Als verträumte Architekten treten beide auf und erschaffen auf der Bühne eine Welt aus wunderbaren Geschichten (frei nach Isabelle Allende), in denen die Zeit nicht nach Uhren und Kalendern gemessen wird, die Geister sich mit an den Tisch setzen und zu den Menschen sprechen, in der Vergangenheit und Zukunft ein Teil derselben Sache sind und die Wirklichkeit der Gegenwart ein Kaleidoskop aus ungeordneten Spiegeln, in denen alles geschehen kann. Mich entlassen sie in beschwingter Melancholie (falls es so etwas gibt) in eine erstaunlich laue Sommernacht. Die gute Laune hält an, bis ich in der U-Bahn sitze und merke, dass man sich in deren Neonlicht in Wahrheit nicht genüsslich aalen kann.

Gesche Beyer

Nächste Vorstellungen: Do 2. – Sa 4. Oktober 20 Uhr und Mi 5. – Sa 8. November
Im Studio FH 40, Fidicinstrasse 40, 10965 Berlin (Kreuzberg)

Foto: Alvaro Martinez Alonso

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