Foreign Affairs (VI) – FC Bergmanns „Van den vos“ und die Grausamkeit des Menschen

Wenn dir übel ist, trinke einen Schnaps. Altes Hausmittel! Nach der gestrigen Eröffnung des Foreign Affairs Festivals der Berliner Festspiele durch FC Bergmanns Inszenierung „Van den vos“ hatte man einen alkoholischen Downer auch dringend nötig. Es gab zwar nichts Hochprozentiges, aber kostenlosen Wein und Käse – auch gut zur Bekämpfung des flauen Gefühls, das einem nach der Vorstellung bleibt. Im Interview sagt das belgische Performance-Kollektiv, dass es oft frustriert ist, wenn die Zuschauer nach einer Bedeutung und einer Handlung suchen und sich nicht einfach dasitzen können und abwarten, ob die Performance etwas mit einem mache. Well, Kannibalismus in Großaufnahme, da zappt man auch gerne beim heimischen TV-Gerät zum nächsten Kanal. Das geht schlecht in den engen Reihen der Festspiele, da hilft nur weggucken und warten. Dabei hat alles so gut angefangen.

Eine ältere Diva (Viviane de Muynck), ein junger Kerl (Stef Aerts) und ein mittelalter Mann „der Wolf“ (Dirk Roofthooft) sitzen auf dem Rücksitz eines Autos und philosophieren über das Menschsein und die menschliche Grausamkeit. Die zärtliche Knutsch-Szene zwischen der alten Frau und dem jungem Mann entlockt dem Publikum die erste Regung: „Ihhhh“ tönt es aus den hinteren Reihen. Toleranz für die Spielarten der Liebe – das Charlottenburger Publikum ist da noch nicht ganz so weit.

Auf der Bühne entspinnt sich derweil eine mythische Welt auf der Basis des Epos Reineke Fuchs. Der Fuchs ist hier ein Verbrecher, der die Frau des Kommissars – „der Wolf“ – das Gesicht zerbissen und seinem Sohn das Augenlicht genommen hat. Gnadenlos schickt der Wolf Kollegen in den zauberhaften Wald auf der Hinterbühne, um den „Fuchs“ zu suchen, wissend dass dabei keiner lebend zurückkommt. Eine der schönsten Szenen des Abends: Bart Hollanders, als Tybalt, macht seinem Chef, dem Kommissar, eine Liebeserklärung. Doch anstatt Liebe gibt es nur den sicheren Weg in den Tod. Und der wird möglichst blutig und in Großaufnahme inszeniert.

Überhaupt die Liebe! Es gibt einen weiteren Handlungsstrang, welchen den „Wolf“ als Mann in der Midlife-Krise zeigt. Jener kann sich angesichts der sexuellen Avancen des jungen schönen Mädchens kaum noch zügeln und geilt sich daran auf, indem er sie zwingt zu sagen: „Bitte ficke mich, mein Herr. Ich bin ein Hure.“ Vielleicht liegt es am Alter der Erzählung, dass FC Bergmann altbackene Frauen und Männerbilder bemühen. Da helfen weder die wunderschönen Klänge des Solistenensembles Kaleidoskop noch die auf die gesamte Bühnengröße projizierten bildgewaltigen Filme. Verbrechensaufklärung mit Public Viewing kann man auch Sonntags beim Tatort gucken in der Kneipe haben. Dafür muss man nicht ins Theater gehen. Selbst wenn die filmmusikalische Untermalung dann nicht so zauberhaft atmosphärisch wäre.

 

Foto: Berliner Festspiele/ Kurt van der Elst

 

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