Schuld und Schönheit in Beton: „BLOCK: this home was once a house“ in der Vierten Welt

„Nicht ausreichend mit dem Umfeld interagiert“ – unter den dieses Jahr sowieso weitgehend von allen guten Geistern verlassenen Jury-Vorschlägen zur Basisförderung der Freien Szene durch den Berliner Senat lässt das Verdikt, mit dem der Kreuzberger Vierten Welt der Geldhahn zugedreht werden soll, besonders staunen. Jedenfalls dann, wenn man dieser Tage spät nachts die schmale Betontreppe in der Adalbertstraße am Kottbusser Tor wieder hinunter stolpert. Viel früher am Abend hatte sie den Eingang gebildet zu fast vier Stunden schönster performativer Zumutung und nun schaut man etwas benommen zurück, zwölf Stockwerke nach oben und in Richtung der scharfkantigen Balkone, Austritte und Loggias des Kreuzberger Zentrums, auf denen man vorher noch gestanden hatte, als wache man wie Batman über Gotham-Kotti. Irgendwie hat sich jetzt etwas verschoben, hier unten, wo noch immer an den Obst- und Gemüseständen die Ware im Scheinwerferlicht gelblich leuchtet. Irrt man, oder hat das Kottbusser Tor selten so einladend gewirkt wie an und nach diesem langen Abend?

Dabei hatte BLOCK: this home was once a house beinahe didaktisch-informativ begonnen. In den Räumen der Vierten Welt wurde ein halbstündiger Film gezeigt über das (Neue) Kreuzberger Zentrum, jenes irre Zentralmassiv des sozialen Wohnungsbaus in Berlin, das die Adalbertstraße überspannt wie eine einschüchternd zu hoch bebaute Brücke. Weit über 1000 Menschen leben hier in knapp 300 Mietparteien; um die 90 Gewerbeflächen ergänzen das Bild zu einer von zahllosen quadratischen Fenstern durchlöcherten Betonwand. Die Vierte Welt ist hier mittendrin: Ihr Eingang befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Wettbüro und geht von einer vorgelagerten Terrasse ab, in deren Mitte eine Grünfläche aus stacheligen Farnen und allerlei Unkraut notdürftig Farbe ins allgemeine Grau-in-Grau bringt. Drinnen sitzt man auf Holzschemeln, während parallel auf drei kleinen Leinwänden der BLOCK-Film gezeigt wird. Bewohner berichten von den labyrinthischen Verhältnissen im monströsen Komplex, der es Besuchern oft schwer mache, sich zurecht zu finden. Ein Vater erzählt, wie er seinen kleinen Sohn einmal über Stunden in den Gängen und Kellern suchte; ein türkischer Dissident davon, dass er in den Achtzigern auf der Flucht vor der Militärdiktatur Anschluss in einem Männercafé am Fuß des Zentrums fand. Doch aller sozialrealistischer Eindruck erfährt bald sanfte Erschütterungen: Ein Hausmeister des Gebäudes erscheint schnell etwas zu fatalistisch in seiner traurig-ergebenen Hingabe an den Riesenklotz und eine vermeintliche Bauingenieurin erzählt ein bisschen zu leidenschaftlich über blecherne Fußleisten und das sukzessive Entfernen aller Arten von „Ecken“, damit diese nicht länger zugemüllt würden. In der Vermutung, dass sich hier fiktive und echte Interviewpartner nahtlos abwechseln, wird man aber erst bestätigt, als die Leinwände verschwinden und dahinter drei Schauspieler nachdrücklich zu einer „die ganze Breite der Bühne einnehmenden“ Performance einladen: Der Wiederkennungswert ist groß.

Es beginnt ein langer, detaillierter Vortrag über den „Schuld(en)zusammenhang“ am Beispiel des sozialen Wohnungsbaus im Westberlin der Siebzigerjahre. Viele Zahlen werden auf Tafeln gemalt und mit Pfeilen verbunden. Man lernt, was es mit frustrierend hässlichen Begriffen wie „Blähkosten“, „Abschreibungspflichten“, „Kostenmiete“ oder „Berlin-Darlehen“ auf sich hat(te). Der Meppener Zahnarzt Alfons tritt auf, der an der Insel Westberlin ein bisschen mitverdienen möchte; ebenso wie der Immobilienhai Dr. Komma, der von den Blähkosten lebt – was genauso ungesund ist, wie es klingt. Die Zuschauer melden sich zu Wort, wenn sie etwas nicht verstehen, stellen Fragen nach Punkten und Prozenten. Immer schwieriger wird auch die Verortung des Gezeigten: Ist das jetzt eine Art performativer Informationsabend geworden? Agit-Talk? Nachbarschaftsinitiative? Es dämmert, als es zu ausschweifenden Plädoyers über das „kollektive Recht auf Stadt“, die Bewahrung heterotoper Räume und gegen die Kommodifizierung öffentlicher Flächen kommt: Das alles hier gehört zusammen, bildet einen Sinnkontext mit und zwischen den niedrigen Decken und übelriechenden Linoleumböden des Zentrums. Den betongewordenen Schuldenberg der Spekulanten tragen nun diejenigen auf den Schultern, die hier leben, arbeiten und den Verfall des Kreuzberger Zentrums mit behelfsmäßigen Flicken zu verlangsamen suchen. Dabei bleibt dieser Ort zwar so ungeliebt wie eh und je, seine hochaufragende Gestalt bekommt jedoch etwas von einer Trutzburg der so „Schuldbeladenen“: Wo man einen Ort offen als „failed architecture“ verloren gibt und seine Beseitigung auch schon manches Mal zur Disposition gestellt hat, entsteht eine widerständige Energie. Der Untertitel des Abends, „this home was once a house“, ergibt so – und eben nicht andersherum – durchweg Sinn.

Vom leisen Stolz, der in jener trotzigen Aneignung eines „gescheiterten“ Wohn- und Lebensraums liegt, berichtet der dritte Teil des Abends wie eine Coda. Sie ist grandios gelungen. In zwei Gruppen aufgeteilt machen sich die Zuschauer unter kundiger Führung auf, das Zentrum zu entdecken. Unser Guide ist ein aufgedrehter Typ mit Rastalocken, geflickter Jeansjacke und Nickelbrille. Er spricht nur und ausschließlich Französisch und Spanisch und wartet auf die Übersetzungen seiner wuseligen Kollegin. Was sich nun auf den unüberschaubaren Treppen, Balkonen, Terrassen und in den Hausfluren, Fahrstühlen und Kellern ereignet, ist ein Exkurs in schönster urbaner Mythologie: Wir blicken an einer Wand tief in die Graffiti-Augen von Tanya, die in einer Ladenpassage unter dem Zentrum über all das hier zu wachen scheint. Wir sehen Fahrstühle im ägyptischen und im knallbunten LSD-Trip-Stil. In einem Kellerverschlag werden Tee und Sake gereicht, während man hoch oben, auf einem der überdachten Balkone, an die Rolle des Zentrums bei den Kreuzberger Unruhen der frühen Achtzigerjahre erinnert wird. Dazu immer diese Sprachverwirrung und das verzögerte Verstehen dessen, was uns da eigentlich erzählt wird. Gedichte werden gelesen und ein Rap vorgetragen, während man unermüdlich treppauf und treppab läuft. Irgendwann bleibt es nicht mehr allein bei Berlin: Weit fliegen die Analogien und Erzählungen, breiten sich aus bis zu ähnlichen Projekten in Paris und Venezuela und immer wieder geht es dabei um Widerstand und die Anverwandlung dessen, was Städteplaner längst als Desaster verworfen haben. Nur eines gibt es hier nicht: Voyeuristischer Elendstourismus bleibt so draußen, wie unsere Tour vor den Wohnungstüren der Mieter selbstverständlich stoppt. „Interaktion mit dem Umfeld“ findet hier nicht statt, indem man die Bewohner eines „sozialen Brennpunkts“ dem versammelten Theatervolk zur Beschau vorführt. Vielmehr werden sie hier radikal ernst genommen: Als Überlebende, Verwandler, Künstler, Erzähler und Eroberer eines verloren geglaubten Terrains – Arbeiter am Lebendigen zwischen Tonnen an totem Zement. Dabei geht es mit jeder krakelig beschrifteten Wand auch und gerade um die Behauptung von so etwas wie Würde und Individualität. Nie war dieses Haus so schön – und selten war Theater relevanter. Eine Schande, wenn es verschwinden müsste.

„BlOCK: this home was once a house“: Noch einmal heute (Samstag) um 20 Uhr (ausverkauft).
Foto (c) Vierte Welt

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