Die große Gamifizierung – „Das Spiel des Lebens“ von Prinzip Gonzo und dem Ballhaus Ost

Prinzip Gonzo haben das bekannte Brettspiel „Spiel des Lebens“ aus den 80er Jahren für die ganz große gamifizierte Bühne adaptiert und modifiziert. In den Rathenau-Hallen in Schöneweide erstreckt sich auf zwei Etagen ein interdisziplinäres Erlebnis aus Installation, Performance und Live-Rollenspiel. Ein Abenteuerspielplatz aus 18 Räumen, bespielt von 25 Performer_Innen; für bis zu 60 Mitspieler_Innen am Tag. Die Performer_Innen steuern ihre lebenden Spielfiguren mit Smartphones und dem persönlichen QR-Code, der jedem_r Besucher_In zu Beginn auf einer Karte ausgehändigt wird. In jedem Raum werden Lebensentscheidungen getroffen: Studieren oder Ausbildung? Arbeiten oder Urlaub? Kunstkurs oder Fitnessstudio? An der Bar versacken oder Kinder zeugen? Ins Gefängnis wandern oder in die Chefetage? Speeddating + Hochzeit oder doch lieber alleine durchs Leben? Jede Entscheidung ordnet das Ranking neu, das aussagt, wer das schönste Leben hat. Den Wert des eigenen Lebens kann man jederzeit auf der Skala auf einem Flachbildschirm überprüfen.

Schwere Geburt

Guten Tag, mein Spiel-Name ist Viola. Ich wurde am 22.05. um 19 Uhr geboren. Dafür klettere ich durch einen ovalen Schlitz in einem roten elastischen Tuch. Meine Geburt ist schwer, ich verharke mich mit meinem Rucksack. Meine arme Mutter, denke ich, und stolpere auf mein weiteres Leben zu. Ich wähle ein Schlüsselband mit einem roten Kärtchen, das ab jetzt über mein Leben bestimmt. Auf dem Kärtchen der QR-Code und mein Status. Ich bin von Geburt an arm, mit 260 Geld (die Währung spielt keine Rolle), mittelguter Gesundheit (54 auf einer Skala von 0-100) und ohne Karmapunkte, komme ich in die Schule, wo mich meine Lehrerin Amanda Mar empfängt. Alle Schüler nehmen wohlsortiert nach Arm und Reich in der Klasse Platz und schreiten dann schnell fort bis zur Abschlussprüfung. Wir bekommen einen Test mit Zahlenreihen, Wortspielen und Suchbildern und siehe da, die Zeit für die Beantwortung der Fragen ist bei den armen Schülern am Kürzesten. Glücklicherweise schaffe ich es trotzdem mit Abitur die Schule zu verlassen (Durchnittsnote 4,0).

Knapp vorbei an der Kunst-Karriere: Perversion im Galopp

Die erste große fiktive Lebensentscheidung vergleiche ich sofort mit meinem realen Leben: Verwirkliche ich jetzt doch meinen Kindheitstraum und beginne ein künstlerisches Studium oder versuche ich etwas ganz anderes, Ingenieurswissenschaften beispielsweise. Auf keinen Fall wieder Germanistik, das weiß ich. Ich will es versuchen, wenigstens hier in der Theaterspielwelt, an einer Hochschule für Tanz und Theater angenommen zu werden. Nach einem kurzen Gespräch mit meiner Studienberaterin, werde ich sofort zur Abschlussprüfung zugelassen. Dafür muss ich ein Konzept für eine Tanz-Produktion schreiben. Mit folgenden Vorgaben:

–       Dauer: 8h

–       1 Tänzer / 1 Zuschauer

–       3. Themen: 1. Perversion im Galopp 2. Der Schrei der Krux 3. Ein klatschendes Geräusch, dass mir meine Professorin vormacht

Es fließt nur so aus mir heraus und ich entwerfe ein Outdoor-Projekt auf der Reeperbahn, im Tonstudio und in einem erfunden Kreativ-Haus in Hamburg. Vor lauter Freude schenkt mir meine Dozentin auch noch ein Kulturwissenschaftsstudium obendrauf. Mein Versuch das Konzept an eine junge BWL-Absolventin (ebenfalls eine Mitspielerin) zu verkaufen scheitert. Sie findet es zu abstrakt und will dann doch lieber Schrauben verkaufen als komische Kunst. (Sollte jemand Interesse an meinem Konzept haben, er melde sich bitte hier).

Desillusioniert gehe ich in die Fabrik. Ein bisschen handwerkliche Arbeit schadet der Kunst nicht und erdet. Es ist abartig heiß in dem kleinen Raum und trotzdem arbeite ich fast drei Schichten á 9 min. Als ich bezahlt werden soll, versagt das Smartphone und ich muss zu Bank, damit mein Lohn direkt auf mein Konto eingezahlt werden kann. Die Bank ist ein komplett weißer Raum, drinnen sitzt ein schwarzgekleideter Yuppie – der eigentliche Spielführer, wie ich später erfahre. Zum Glück gibt es keine Probleme bei der Geldeinzahlung, ich bin schon etwas eingeschüchtert.

Liebe und Karriereaufstieg

Ich brauche Urlaub und suche die Insel auf. Dort erfahre ich, dass ich inzwischen 40 Jahre alt bin sofort in psychatrische Behandlung muss. Gegen meine diagnostizierte Soziophobie gibt es nur eine Therapie: Raus ins Leben – Ran an den Körper und 15 Menschen umarmen. Das macht Spaß, weil sich fast alle freuen und in meine Arme fallen. Mein Strahlen, welches ich so zurückgewonnen habe, muss unglaublich anziehenden sein. An der Bar lerne ich Frank (ebenfalls ein Mitspieler) kennen. Er lädt mich auf ein alkoholfreies Bier ein und schwupp sprechen wir auch schon über Hochzeit.

Frank war schon in meiner Schulklasse, wir müssen beide inzwischen über 50 sein. Es wird also höchste Zeit sich zu vermählen. Heiraten ist in diesem Spiel des Lebens sowieso wichtig, nur dann kann man eine Wohnung kaufen und in die Chefetage einziehen. Frisch verliebt wie wir sind, wollen wir uns das Speeddating natürlich sparen. Das ist allerdings gegen die Spielregeln und obwohl wir uns verweigern, müssen uns an die vorbereiteten Tische setzen. Wir führen komische Gespräche über Betrugsfälle, die in unserer jahrelangen Beziehung vorgekommen sind, Swingerclubbesuche und Viagrabenutzung.

„Moment!“, die Realität bricht kurz in meine Gedanken ein: „ich kenne diesen Mann doch erst seit 15 min.“ Aber längst hat mich das Spiel fest im Griff und ich bin irgendwie frisch verliebt. Ich schleppe Frank aufs Amt, ziehe mit ihm und neuen Freunden in eine Luxuswohnung und starte durch zur Cheftetage. Frank ist keine sonderlich gute Partie, ich habe mehr Geld als er, dafür hat er mehr Karma . Na ja, trotzdem schöner das Spiel des Lebens gemeinsam zu spielen.

Leider verzockt er in der Chefetage unser Geld und muss den Raum sofort verlassen. Ich darf bleiben und noch ein bisschen spekulieren. Im Foyer tobt inzwischen der politische Kampf: manche Spieler_Innen zetteln einen Putsch an und fangen an zu demonstrieren. Man hört jetzt immer wieder: die Zeit ist knapp wir müssen uns beeilen.

Lebensende

Und dann ist es tatsächlich fast vorbei und wir sammeln uns alle vor der Bühne im Foyer. Wir sind nun kurz vor dem Tod. Das Spielerranking ist abgestellt und wir müssen nun abstimmen: Wollen wir wissen, wer von uns das schönste Leben hatte und in der Skala ganz oben steht? Soll das Ranking wieder aktiviert werden? Der oder die Gewinner_In wird dann in der Chefetage mit einem Foto verewigt oder wollen wir alle gemeinsam mit einem Gruppenfoto dort hängen? Dann werden wir aber nie erfahren, wer das schönste Leben hatte. Wir entscheiden uns, wie alle Gruppen vor uns: gegen einen Gewinner und für die Gemeinschaft.

Prinzip Gonzo schaffen es, dass man sich nie komisch fühlt in ihrer Welt. Kaum steht man planlos herum, kommt mit Sicherheit ein Performer und verwickelt einen in ein Gespräch oder rät einem zu einem weiteren Schritt. Nie hat man das Gefühl, hier fällt jemand aus der Rolle oder jemand hat eine Rolle auswendig gelernt. Man ist sofort ganz selbstverständlich Teil des Spiels. Entdeckt eigene Verhaltensweisen, die man auch in der Fiktion nicht ablegen kann und hofft insgeheim, dass es in der Realität doch ganz anders ist.

Als ich das letzte Mal auf die Skala geschaut hatte, lag ich ziemlich weit hinten. Aber ich bin trotzdem irgendwie zufrieden. Ich habe ein gutes Leben (gehabt).

Foto: Prinzip Gonzo

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