Die totale Party – „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ von Departure Theater im Sturm und Drang ist mehr als ein Tatortersatz

Foto von Jennifer Skutnik

Gerüchte über eine Underground Party führen mich am Sonntag (20.15 Uhr!) nach Schöneberg. Tatortkommissarin Lürsen soll ihrem eigenen Müll nachgehen, ich ermittle vor der Weißen Rose und werde prompt angepumpt. So ein Junge im Rollkragenpulli: „Kann ich deinen Schal haben? Ich habe Halsweh!“ Aha, geht mir perplex durch den Kopf und ein „Nee!“ über die Lippen. Unverschämt. Halsweh, will meinen Schal haben. Arsch offen oder was?

Drei Ecken weiter, durch zwei Hinterhöfe, dort sammelt sich eine Menschentraube. Technobeats pulsieren aus dem Kellerfenster. Die letzte Karte für mich, der Rest muss auf die Warteliste. Großes Bier für zwei Euro, kühl legt sich die Dämmerung über Berlin und hinab sinkt die Partymeute in den kleinen länglichen Kellerraum. Eine Wand ist komplett mit vergilbt zerfasertem PVC-Welldach verkleidet. Vollgesprühte Schallplatten an der Decke, Bierkästen am Boden, Laser und LED-Lichter jagen durch den Raum. Die Gäste setzen sich brav an den Rand, als seien sie bereit, das erste Gebot der Party zu brechen: Zuschauen nicht erlaubt!

Party mit diskursivem Schuss

Anfangs stehen die Akteur_innen hinter einem weißen Band, das kurz den Eindruck vermittelt: Zum Glück, Bühne und Zuschauer_innen sind getrennt. Der Friede währt kurz; das Band ist bereits zur Seite geschoben. „Ich hab dich doch draußen nach Geld gefragt“, pöbelt ein Akteur (diesmal ohne Rollkragenpulli) rum. Die Gastgeber_innen, acht junge Akteur_innen des ungeförderten Theatervereins Departure, machen von Anfang an klar: Die Party, das bist auch du, das seid ihr, das sind wir alle. Die Akteur_innen schießen scharf, mit Worten, mit Diskurs, mit Luhmann.

Was ist Gesellschaft? Dieser Kellerraum, und wir in ihm, sind Gesellschaft. „Du kannst dich nur vereinen und vereinzeln innerhalb einer Gesellschaft“, gibt eine Akteurin Konter auf einen Gesellschaftsverweigerer. Das ist die Prämisse, das Manifest des Abends, der Fluch des befreiten Individuums. Es kann mit der Gesellschaft leben, muss aber nicht. Es soll, will aber nicht. Und andere können sich wiederum einfach nicht entscheiden.

Tanz! Manipulier! Befrei Dich!

„GmbH“ bleibt aber nicht im Diskurstheater stecken. Hier verhandelt kein_e Regisseur_in mittels Akteur_innen über Gesellschaft, hier thematisiert sich die Gesellschaft im Ganzen selbst und ist ganz nach Luhmanns Geschmack: selbstreferenziell. Denn jene kommuniziert nur innerhalb ihres Systems und verhandelt darin soziale Codes. Als Zuschauer_in ist man explizit eingeladen und Teil dieser Partygesellschaft. Wir tanzen mit (oder werden höflich aufgefordert).

Macht ist laut Luhmann die Möglichkeit, andere vor Vermeidungsalternativen zu stellen. Ein Theaterraum suggeriert dem_der Zuschauer_in aber immer schon, keine Alternative zu haben. Und das ist die Macht, mit der die Departurers spielen und zwar derart manipulativ, dass „GmbH“ eine regelrecht subversive Gewalt entwickelt.

Hier steht kein Lars Eidinger an der Rampe und stellt Zuschauer_innen aus seiner autoritären Machtposition des Schauspielers bloß. „GmbH“ entwickelt einen Sog, hinein in den Mikrokosmos eines sozialen Systems, das mir nicht behagt, das mich nie gefragt hat, ob ich darin leben will, „das es vor meiner Geburt bereits gab“ und nie hinterfragt wurde.

Dieses subversive Machtgefüge der Departurers ist mächtiger als Eidinger. Denn es oszilliert zwischen drängend Demokratisch und stürmischem Revoluzzertum. Die Departurers stellen sich gleich mit dem Publikum und schimpfen nicht von der Rampe herab. Ein Akt jugendlicher Emanzipation hinein ins gesellschaftspolitische Leben.

GmbH hoch 3

„GmbH“ ist politisches Theater von jungen Menschen und kommt im Gewand einer totale Party (à la Totaltheater) daher, dass man fast glauben könnte, Erwin Piscator kommt gleich auch noch auf ein Tänzchen vorbei. Die Departurers spielen Pingpong mit den Zuschauer_innen, stellen einen vor Entscheidungen, sodass ich etwa, gequält vom eigenen Gewissen, doch wieder die Seite in einer szenischen Hochzeitsgesellschaft wechsel.

„GmbH“ ist noch kein Happening, aber es könnte eines werden, je nach dem wie weit die Departures in der Lage sind zu improvisieren. Zuallererst müssten sie aber herausgefordert werden von der bis dato unterwürfigen Gastgesellschaft.

„GmbH“ macht verdammt Spaß und oft auch derbe wütend. Diese Jugendlichen spielen euch an die Wand. Es sind höfliche, demokratiegesinnte Demagogen, die ihre Manieren gelernt haben, zum Tanz auffordern und bevor ihr es merkt, ist eure Handlung die Ja-Antwort auf eine Frage, die ihr eigentlich mit Nein beantworten würdet.

Brüll‘ in die dicke Luft

Wer nicht an die Wand gespielt werden will, muss hier brüllen. Brüllt oder ihr werdet diese Demagogen nicht überwinden. Brüllt für einen Dialog oder ihr dürft nie wieder sagen: Diese Jugend heutzutage ist apolitisch und asozial.

Zwei Stunden zwischen Party und Gesellschaftspolitik, Tanzen und szenischem Spiel. Zwei Stunden in einem kleinen Keller mit einer Gesellschaft aus 50 Leuten; dicke Luft ja, aber ohne gähnende Langweile. Pure Energie; schlicht: Mitreißend!

Hingehen. Angucken. Nachdenken.

 

Foto von Jennifer Skutnik

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Nächste Party: 28. Juni, um 19.00 Uhr. (Die geplante Aufführung am 30. Juni fällt aus!)

Mit dabei sind fix: Pia Behrens, Hanna Epple, Miko Hadrysiewicz, Lorenz Grabow, Svea Lohde, Timm Szluinski, Julian Schwander, Jennifer Skutnik …

… und 41 Mitgesellschafter

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