Einer kam nicht mehr zurück – Kritik und Empfehlung für „Wetterhaus (mit Pflanze)“, dieses Wochenende im Milchhof in Mitte

Ein Mann und eine Frau sitzen in einer Forschungsstation, dem Wetterhaus. Besorgt beobachten sie das Gewitter, das draußen aufzieht. „Geh jetzt!“, sagt sie. „Und nimm die Kamera mit! Dann bin ich bei dir, wenn was nicht stimmt.“ Darauf erwidert er zynisch: „Hast du das auch ihm gesagt?“

Milchhof

Das Kollektiv ON AIR spielte Wetterhaus (mit Pflanze) gestern in der Aula des Ateliervereins Milchhof und heute und morgen zum vorläufig letzten Mal. Seit 1991 ist der Verein in der Schwedter Straße in Mitte ein Austauschort verschiedener Künste. Frauke Havemann, zugleich für Regie wie auch Text- und Videomontage von Wetterhaus zuständig, gründete ON AIR vor zwölf Jahren, um sich den Dialog-Möglichkeiten von Performance, Video und Sound zu widmen. In Wetterhaus (mit Pflanze) kombiniert ein Live-Cutter (Eric Schefter) das Spiel zweier Performer mit Video und Sound, damit die Zuschauer „ihre Gewohnheiten und Erwartungen befragen und mit ihnen spielen“ können.

Wetterhäuschen

Die Aula im Milchhof ist das Wetterhaus. Wetterhäuschen heißen diese spießigen Miniaturchalets mit zwei kleinen Türchen, aus denen je nach Wetterlage eine Frau oder ein Mann herausguckt. Sonnenfrau und Regenmann, auf einer drehbaren Scheibe angebracht. Auch im Wetterhaus (mit Pflanze) sind’s eine Frau und ein Mann, ohne Namen, die das Wetter beobachten. Sabine Hertling und Poul Storm sitzen an kleinen Tischchen – sie zum Publikum gerichtet, er abgewandt zur Seitenwand blickend. Im Wetterhaus ist’s dunkel, schwarze Lämpchen geben Mann und Frau spärlich Licht. Je eine Kamera auf Stativ steht beiden gegenüber, ihre Gesichter auf Leinwand projiziert. Auf der Leinwand schauen sie direkt ins Publikum, und sich hin und wieder an. In Wirklichkeit tun sie das nicht (siehe Bild).

Messbares Vertrauen

Zwischen den beiden herrscht ein eigentümliches Misstrauen. Immer wieder kleine Sticheleien. Frau meint, dass Mann zuviel sitzt. Sogar Nachts im Schlaf. „Du bist noch nie rausgegangen!“. Mann verstrickt sich: „Ich vertraue den Geräten!“ – um dann auf seine Analogie zur Pflanze zu beharren. Die Wanderpflanze, die zur Ruhe gekommen sei und sich wieder verhält wie eine Pflanze. Und dies ausgerechnet von einem, der mit „Ich wollte mal raus!“ begründete, weshalb er hier sei. Das Vertrauen in Unmessbares fehlt im Wetterhaus, wo immerzu gemessen wird: „Wie groß bist du?“ (er) – „Warum fragst du?“ (sie) – „Weil ich grad das Vertrauen in dich verlier!“…

Verdächtiger Fahrstuhljazz

Verdächtig entspannter Fahrstuhljazz aus Piano, gedämpfter Trompete und Schlagzeug mit Besen füllt den schwarzen Raum mit falscher Wärme (Anleitung der Redaktion: Links der Reihe nach öffnen, Sounds gleichzeitig laufen lassen, Text fertig lesen). Immer wieder ziehen die von Blitzen durchzuckten Gewitterwolken über die Leinwand und senken die Raumtemperatur rapide, und immerzu knarrt’s aus den Boxen wie das Gebälk eines Holzkutters. Was ist denn hier bloß passiert? Mitten im Schlaf schrickt sie auf: „Hallo, bist du das?“ Da ist nichts. Einer wollte auch mal raus, und der ist nie mehr zurückgekommen. Sie geht zur Tür, öffnet sie und starrt reglos in die Weite. Ein Sonnenaufgang, oder ist’s ein Untergang? Der Wind heult. Gewitter auch, Donner und Blitz.

Wohliger Unort

Wetterhaus (mit Pflanze) wirft einen skeptischen Blick auf wissenschaftliche Zwänge und den Drang nach Messbarkeit. Darauf baut eine unaufgeregte Studie des Zusammenseins zweier Menschen auf, die versuchen, sich anzunähern und sich dabei wie angeschraubt auf der Drehscheibe immer so bewegen, wie der andere eben gerade nicht. Hertling kommt mit dieser Herausforderung ganz gut zurecht, Storm meistert sie mit Bravour.
Wetterhaus (mit Pflanze) spielt unaufdringlich mit den Erwartungen seiner Zuschauer, die es mit vereinzelten Rückblenden auf ein rätselhaftes Verschwinden schürt. In der vibrierenden Stille einer latent übernatürlichen Umgebung fördert Wetterhaus (mit Pflanze) die Gewohnheiten und Erwartungen seiner Zuschauer zutage und erinnert in dieser schaurig-wohligen Art an Science-Fiction-Klassiker wie Tarkovskis Stalker: Der wunderliche Unort, der mysteriöse Raum, und die Menschen, die sich ihm freiwillig aussetzen. Und sich selbst. „Wir sind limitiert, wie diese Station. Wir sind in uns!“

Letzte Vorstellungen: heute 23. und morgen 24. Mai, jeweils um 20:30 Uhr

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s