Rambo, Sex und Zuschauerinnen auf vier Beinen – Thikwa und Monster Truck präsentieren „Regie“!

Foto von Florian Krauss

Lange nachdem die letzte Zuschauerin den Hochzeitssaal verlassen hat, stehen immer noch die Akteurinnen des Theater Thikwa (Sabrina Braemer, Jonny Chambilla, Oliver Rincke) auf der Bühne der Sophiensaele und tanzen zu deutschem Schlager. Das Ende von „Regie“ unter der Produktion von Monster Truck hatte Volksfestcharakter. Es war ein offenes Ende einer scheinbar freien Regiearbeit der drei Thikwas.

Monster Truck provozierte mit „Dschingis Khan“ (2012) eine Kontroverse in der freien Theaterszene à la Love-It or Hate-It. Sie schufen eine mongolische Völkerschau-Satire und besetzten jene mit den drei Down-Syndrom-Akteurinnen des Theater Thikwa. „Regie“ wirkt nun wie ein Meta-Kommentar auf diese Kontroverse und wirft Fragen der Selbstermächtigung und Emanzipation auf. Und viel interessanter: Was ist überhaupt Regie? Und wie überbrückt man die Kluft zwischen Vorstellung und Realisierung?

Inspiration: Vom Porno zum Sextheater

„Regie“ dokumentiert den Weg der Thikwa-Akteurinnen zu Regisseurinnen. Sie sind gleichzeitig Regisseurinnen und Akteurinnen (selbst wenn sie im Programmheft nur unter Regie angeführt sind). Via Videoeinspielungen sieht das Publikum, wie sich Chambilla von einem Porno zum Sextheater inspirieren lässt, Rincke schweift durch ein Album mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln und stößt auf Rambo, während Braemer in einem Bilderbuch blättert und dadurch bereits eine klare Vorstellung von einer Geschichte bekommt.

Die Theatermaschine, aber bitte mit Sahne

Durch das Bühnenbild werden nicht nur die Einflusssphären der Macht, sondern auch die Theatermaschine und ihre Mechanismen reflektiert. Die Gogostange bildet das Zentrum. Von ihr geht ein Stangenarm ab, an dessen Ende ein Regiestuhl befestigt ist. Abwechselnd nehmen die Regisseurinnen darin Platz und umkreisen ihre zu inszenierenden Szenen. Dauert eine Szene zu lange, greift die Theatermaschine mit einem Alarmgetröte ein, beendet die Szene, die Regisseurin setzt sich in ihren Stuhl und fährt automatisch zurück in die verdeckte Hinterbühne. Der Szenenabbruch markiert zeitgleich einen theaterästhetischen Bruch. Wartet mal: Wer hat hier das sagen? Die Regisseurinnen oder die Produktionsmaschine?

Auf der Bühne räkelt sich für den Regisseur Chambilla eine unmotivierte Stripper-Akteurin (Elisia Sky) und sie lässt soweit über sich bestimmen, wie es ihre Professionalität zulässt. „Schmier dich mit Sahne ein“, fordert Chambilla und Sky folgt der Anweisung. „Mach den Affen!“ Jetzt folgt Skys Verweigerung. Der Regisseur kommt an die Grenzen seines Machteinflusses, oder genauer, an die Grenze von dem, was er zwar als Sextheater bezeichnet, aber von Sky als bloßer Striptease ausgelegt wird.

Drei Stücke: Rambo, Sex und Mitmachen!

Chambillas Sextheater kommt nicht aus dem inneren Kreis des Stangenarms heraus und um die Langeweile dieses begrenzten Theaters zu durchbrechen, greift er mit der eigenen Geilheit ins Geschehen ein. Er beginnt der Stripperin Sahne vom Hintern zu lecken, während er sich gleichzeitig über eine Videoeinspielung zu beobachten scheint. Wünsche und Vorstellungen werden visualisiert. Als würde das Popolecken auf der Bühne nur im Kopf des Regisseurs existieren.

Rincke, in wortkarger Regiepose, jagt seinen Rambo (Saro Emirze) durch geräuschvollen Salvenregen. Geradezu episch nutzt er die Bühne als Kriegsübungsplatz. Er vergisst dabei aber die magische Beziehung zwischen Publikum und Akteurinnen. Neben Langeweile stellt sich in der Kriegsübungspause kurz der Ekel ein: Ein Milchshake aus rohen Eiern für Rambo.

Braemer sprengt im Abschlussteil jegliche Theaterwände. Willkürlich wählt sie drei Zuschauerinnen auf die Bühne, kostümiert sie und zwingt sie auf die Knie, macht sie (wörtlich) zu ihrer Schafsherde. Sie bestimmt bestimmt bestimmt. Sie setzt sich durch und radikalisiert den Regiebegriff ins Diktatorische. Stoßgebete flehen in Publikumsgesichtern zum Gott aus der Maschine: Nicht ich! Bitte nicht ich! Gott, ich hasse scheiß Mitmachtheater!

Schein oder Nichtschein?

„Regie“ sind drei Stücke in einem. „Regie“ dokumentiert die Inspirationsquellen der Regieneulinge und setzt ihre Probenarbeiten als Regisseurinnen in Szene. „Regie“ arbeitet auf derart verschiedenen ästhetisch-konzeptionellen (Meta-)Ebenen, montiert jene auf eine Weise, dass die Handschrift von Monster Truck unverkennbar ist. Das Tolle an dieser Produktionsarbeit: „Regie“ emanzipiert die Thikwas von der Fremdbestimmtheit durch die ‚Normalos‘ und gewährt ihnen eine größtmögliche künstlerische Freiheit. Das Untolle (und zugegeben Ehrliche): Damit das alles für uns, die nichtbehinderte Mehrheitsgesellschaft, konsumierbar bleibt, muss hier und da die dramaturgische Schraube angezogen werden. Noch etwas Metakitt und die drei Stücke sitzen gekonnt geklebt in einem Rahmen (Dramaturgie: Marcel Bugiel).

Der Schein vollzieht sich aber bereits im Programmheft der Sophiensaele. Denn jenes führt Braemer, Chambilla und Rinke als alleinige Regisseurinnen an. Das mag teilrichtig sein und wirft die viel entscheidender Frage auf, ob es in prozessorientierten Theaterarbeiten von Performancekollektiven und Zusammenschlüssen so etwas wie ein klar einzugrenzendes Berufsfeld der Regie, wie es institutionelle Theater pflegen, überhaupt noch gibt? Wer übernimmt die Verantwortung für das, was auf der Bühne in Szene gesetzt wird? Die Regie? Oder sollten wir uns von dem Begriff ‚Regie‘ lösen, da in postdramatischen Kreationen professionelle Grenzbereiche zu diffus werden?

Dann nämlich torpediert „Regie“ von Theater Thikwa und Monster Truck alte Theaternormen und zeigt auf, wie sehr sich mittlerweile unterschiedliche technische, dramaturgische und künstlerische Kompetenzen durchdringen und nicht mehr voneinander getrennt werden können. Und somit ist „Regie“ als Seitenhieb auf einen veralteten Begriff zu verstehen; und gleichzeitig ein vielversprechender Auftakt für wirklich inklusive Theaterarbeiten.

 

Im diesem Text ist das Femininum generisch und wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen gleich welchen Geschlechts verwendet.

Foto von Florian Krauss

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Weitere Aufführungen im Theater Thikwa:  22. – 25. Mai | 20 Uhr | Große Bühne.
Es finden eine Thikwa-Werkstatt-Führung am 23.5. um 19 Uhr statt, sowie ein Publikumsgespräch nach der Vorstellung.

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4 Gedanken zu “Rambo, Sex und Zuschauerinnen auf vier Beinen – Thikwa und Monster Truck präsentieren „Regie“!

  1. REGIE
    ich war niemals zuvor nach einer vorstellung derartig fassungslos enttäuscht und wütend.
    ich weiß aus eigener erfahrung, wie schwierig und bitter es ist, sich das komplette scheitern einer theaterarbeit einzugestehen und entsprechende konsequenzen zu ziehen, was zum glück ja nur sehr selten passiert.
    aber diese produktion war abgesehen von einer eigentlich interessanten ausgangsfrage, einem hübschen bühnenbild-einfall und einer zweiminütigen video-sequenz ein verrat am theater, zumindest an einem theater, wie es mir vorschwebt, wie ich es mir erträume, wie es mir wichtig und lebensnotwendig ist.
    die gedankenarmut, die seelenlosigkeit, der handwerkliche dilettantismus, die hässlichkeit, die unsäglichen peinlichkeiten, die langeweile, die (fast) gänzliche abwesenheit von witz und humor, diese ganz üble variante von sinnfreiheit, die konzeptionelle verlogenheit, die perfide, vollkommen unreflektierte manipulation und instrumentalisierung, das alles mündet für mich in einem künstlerischen (und teilweise auch menschlichen) desaster.
    keine fragen, keine bilder, keine ideen, keine berührung, keine worte, keine inspiration, kein mitgefühl, keine empathie, keine musik, keine schönheit, keine wahrheit, kein geist.
    auch kein mitleid.
    ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass ich in der letzten zeit relativ viel spannendes, mich bewegendes theater gesehen habe, REGIE war für mich auch im vergleich zu DSCHINGIS KHAN (womit ich schon erhebliche probleme hatte) ein schockierender absturz.
    ich halte diese arbeit für absolut diskurs-unwürdig.
    so, jetzt mach ich das ventil wieder zu, sonst verderbe ich mir noch meine abendlaune…
    sehr zerknirscht,
    Maillard

    vielleicht wäre alles nur „halb so schlimm“ gewesen, wenn man die stimmen der „monster-trucker“ wieder hätte hören können, aber auch darüber spekuliere ich jetzt nicht weiter…

    • Hallo Maillard,

      was Sie hier schreiben, ist ja überaus geschmacksintensiv (um mich mal scherzhaft auf Ihren Namen zu beziehen). Natürlich ist vieles, was man im Theater sieht Geschmackssache.

      Aus Ihrem ersten Absatz schwingt für mich eine subtile Kritik an meiner Kritik mit (bitte korrigieren, falls ich Falsches vernommen habe). Zugegeben, ich war wenig begeistert von „Regie“ und war schon gewillt einen Verriss zu schreiben. Nach mehreren Relativierungsprozessen musste ich mir eingestehen, dass erstens, meine Erwartungen an das Stück viel zu hoch waren, da ich bereits vor über einem Jahr von dem Konzept zu dem Stück erfahren habe. Zweitens, wies mich ein Unruhe-Autor daraufhin, dass das Ursprungskonzept (alles in die Hand der Thikwas) so nicht zu realisieren war. Es sei angeblich ein mittleres Desaster gewesen. Drittens, ich änderte meine Prämisse und stellte die Kritik unter den Aspekt des Inklusionstheaters, was bedeutet, dass etwas Gemeinsames kreiert wird und nicht einfach die Rollen zu „Dschingis Khan“ verkehrt werden, indem nun nur die Thikwas die Kontrolle inne haben.

      D.h. auch ich hatte mir anderes erträumt von diesem Theater, sehe Theater im Allgemeinen aber nicht zwangsläufig als lebensnotwenig an und kann – das ist der entscheidende Punkt meiner Antwort – Ihre rein persönlichen Erwartungen an das Theater oder an „Regie“ nicht nachvollziehen. Was wurde hier genau Verraten? Was ist denn bitte Theater genau für Sie? Auf wen beziehen Sie die „gedankenarmut, die „seelenlosigkeit, …“? Wer wird hier manipuliert und instrumentalisiert? Die Thikwas? Oder sind es gar Behinderte auf der Bühne, die so gar nicht gehen, da „keine …“ dies, „kein …“ das, wie Sie schreiben?

      Ich finde Ihren Kommentar sehr harsch und würde das gerne verstehen. Aber hier mangelt es an Kontextualisierung und an Argumentation. Es darf hier jede Person seine Meinung abgeben. Ich finde es allerdings überaus widersprüchlich, wenn hier ein Affektrauschkommentar daherkommt, der unbegründet seine Meinung hinausposaunt und abschließt damit, dass er diese Arbeit für „absolut diskurs-unwürdig“ hält.

      Das ist doch der beste Beweis dafür, dass gerade im Bereich des Inklusionstheaters, oder besser gesagt an seinen Anfängen, noch verdammt viel Diskussionsbedarf gibt!

      Mit besten Grüßen

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