„Weißte noch … damals?“ – „Ostern in Kunovice“ im Ballhaus Ost

Foto von Franziska Dick und Cathrin Romeis

von Lukas Gmeiner und Nina Heitele.

Der große Saal des Ballhaus Ost: Eine Dunkelkammer. Stimmen aus dem Off. Ein blitzhaftes Flackern erleuchtet das Terrarium: Die Landschaft Mährens in Miniaturformat (oder ist es doch ein Aquarium, symbolisch für das Schwimmen in der Erinnerung?). Ein Modeschaukasten mit Kleidern aus der Jugendzeit. Auf dem Boden liegt ein weißerleuchteter Rahmen für Röntgenaufnahmen, wie man ihn aus einem Arztzimmer kennt. Doch in „Ostern in Kunovice“ geht es nicht um gebrochene Knochen, sondern um ein kleines, wiedergefundenes Fotonegativ. Die zwei Akteurinnen (Franziska Dick und Cathrin Romeis) halten es in der Hand und versuchen es mit Augen wie Schlitzen zu durchdringen. Was sehen sie und woran erinnert sie das Gesehene?

Erinnerung, bunt wie Ostereier

„Ostern in Kunovice“ arbeitet minuziös die Erinnerung anhand eines Fotos aus Kindertagen in Kunovice (heute Tschechien, damals Tschechoslowakei) auf. „In diesem Foto liegt nichts Fröhliches“, stellt Romeis anfangs fest. Alle abgebildeten Personen sind der Kamera abgewandt und auch das Osterfest lässt sich nur erahnen (und durch eine Notiz auf der Rückseite verifizieren).

Wie mit einer Lupe versuchen Franziska Seeberg und Lisa Vera Schwabe (Regie und Text) Vergangenes, das in der Erinnerung verschwindend klein geworden ist, wieder zu vergrößern. In jeder Vergrößerung liegt aber auch eine Verzerrung. Eine Verzerrung, die mitunter Imagination ist. Das Gedächtnis versucht stets, Kausalitäten zu erzeugen und mit erdichteter Logik, Vergangenes neudarzustellen. „Kunovice“ taucht die Erinnerung in nostalgisch-historischen Glanz gleich buntgefärbter Ostereier.

Erinnerung als klangliche Allegorie

Erinnerung funktioniert meist multimedial und das Theater ist geradezu prädestiniert jene bildhaften Elemente, Szenen, Gerüche und vor allem Gefühle, sowie Geräusche und Klangfarben wiederzugeben. Klang fungiert in „Ostern in Kunovice. Ein Musiktheater“ als Träger von Emotion und Erinnerung (Komposition: Norbert Lang; Sounds aus Kunovice: Lukáš Tvrdoň). Mal sind es abstrakte, kaum zuzuordnende Tonaufnahmen, Umweltgeräusche aus dem Ort der Kindheit, die den Prozess der Rekonstruktion einer verblassten Vergangenheit begleiten. Mal ist es ein Knabenchor vom Band, der die Akteurinnen entzückt schwelgen lässt. Und mal ist da ein abgehackter Beat – allegorisch für das Stop-and-go der Gedankenarbeit, bei der stoßartig und in Wortform die Erinnerung hervorsprudelt.

Irritierend ist die Untertitelung „Musiktheater“ deshalb, weil die Akteurinnen selten selbst singen oder summen und das Akkordeon als einziges auf der Bühne präsentes Instrument nur an einer Stelle live zum Einsatz kommt. „Klangtheater“ wäre da schon treffender gewesen; geht es in „Ostern in Kunovice“ doch mehr um die Komposition eines individuellen Soundscapes, und damit die klangliche Annäherung an das Thema des Erinnerns, als schlicht um die unterhaltende Untermalung von Dialog.

Wie schmeckt Erinnerung?

Das Wunderbare ist, die Inszenierung nutzt Elemente, die jede_r aus eigener Erfahrung kennt. Ein Geruch in der Nase: Omas deftige Gulaschsuppe. Die peitschenden Weidenruten der Jungen und man zieht mit angstgepaarter Freude den Hintern ein. Allerdings wirkt „Ostern in Kunovice“ nicht, als sei es für andere gemacht, sondern lediglich für jene, die es inszenieren. Alles steht ihm Zeichen des nacherzählten Reenactments. Die einzelnen Szenen verkommen zu einem dramatischen Dialogisieren über wiedergefundene Erinnerungen, die zwar auf der Bühne lebendig werden, sich für das Publikum aber nie zu einem Ganzen fügen, da das eigene Sich-Erinnern nicht gefordert wird.

Es ist Geschmackssache, keine Frage, aber anstatt der chronologischen Dokumentation (Negativ, Entwicklung, Vergrößerung des Fotos) hätte der Inszenierung eine dramaturgische Umkehrung gutgetan. Nicht erst am Ende das Foto groß für das Publikum zu projizieren, denn so bildet es nur den narrativen Rahmen, wird ein Mittel zum Zweck, der Aufhänger für einen nostalgischen Trip der Einfühlung, gibt dem Publikum aber nie die Chance, das es mitgenommen wird auf die Reise in die Vergangenheit, die eine kriminalistische Spuren- und Motivsuche hätte sein können. Und als das Publikum am Ende endlich das Foto sieht, hat jenes die Magie in 75 langatmigen Minuten der Vergrößerung bereits verloren.

Was bleibt, ist die Erinnerungsarbeit für die Akteurinnen und die Produktion. Und für das Publikum? Ein Gruppenfoto. Auf dass man sich Jahre später an das Ostern im Mai im Ballhaus Ost vielleicht mit mehr nostalgischer Farbenpracht erinnert (sofern das Foto rückseitig eine Notiz aufweist).

Foto: Franziska Dick und Cathrin Romeis

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