Hätte, hätte, Fahrradkette – Racines „Bérénice“ im Ackerstadtpalast

Titus, Kaiser von Rom, liebt Bérénice, die Königin von Palästina. Doch der Liebe steht die römische Staatsräson entgegen. Eine Fremde auf dem Thron des römischen Reiches? Unvorstellbar! Auch der Dritte im Bunde, Antiochus, bester Freund des Titus sowie engster Vertrauter und stiller Liebhaber der Bérénice zerbricht an den ganz großen Konflikten Macht, Liebe und Gesellschaft. Das studentische Theaterkollektiv *metafaust nimmt sich im Ackerstadtpalast des französischen Klassikers Bérénice an und schafft es dabei, Jean Racines Metaphysik der Entscheidungsfindung zu untersuchen. Und Racine, der „Goethe Frankreichs“? Der wird gleich zu Beginn neben die Bühne gestellt.

Die Bühne ist ein großer, zum Publikum hin schräg abfallender Holzkasten. Nach hinten wird sie durch den tatsächlich kolossalen Schriftzug „ROM“ abgeschlossen. Ansonsten gibt es einen Plattenspieler und den anscheinend obsolet gewordenen Stücktext Racines, den David Ristau, in der Rolle des Titus, mitsamt Notenständer demonstrativ neben die Bühne stellt, wo er den Rest des Abends im Abseits verbleibt. Neben dem pointierten Einsatz von Musik, wie „Rome wasn’t built in a Day“ sind es immer wieder gekonnt überzeichnete Textpassagen, die dem Abend Leichtigkeit und Tempo verleihen.

Es ist klug, sich Racines gewichtigem Liebesdrama mit Brechts epischer Spielweise anzunähern. Durch die von Brecht geforderte Distanz zwischen Schauspieler und Rolle, verliert sich die Inszenierung nicht in einer realistischen Ausgestaltung der Einzelschicksale der Figuren. Vielmehr bietet Regisseur Dennis Kraus dem Publikum das, was der Name des studentischen Kollektivs *metafaust quasi verspricht: eine Untersuchung des Stückes auf der Metaebene.
In seiner 1670 uraufgeführten Tragödie verabschiedet Jean Racine bereits auf der Höhe der französischen Klassik, das Bild des epischen Helden, der selbstbestimmt über sein Leben verfügt. Die Figuren in Bérénice haben kaum noch Einfluss auf ihr bereits vorbestimmtes Schicksal und scheinen wie gefangen in dramaturgischen Bögen, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Die drei Protagonisten bei *metafaust fallen weniger einem Unentrinnbaren Schicksal zum Opfer, sondern lassen sich ein paar Jahrhunderte später wohl als Kinder der „Generation Maybe“ bezeichnen. Das studentische Kollektiv illustriert dieses gesellschaftliche Symptom mit einem Meer buntfarbener Post-it-Zettel, die Titus, Bérénice und Antiochus an die drei Buchstaben Roms heften. Immer wieder wird dann der Ausbruch gewagt:

„Ich könnte ja eine Fernbeziehung führen.“
„Ich könnte ja meine Ermordung faken.“
„Ich könnte ja, könnte ja, könnte ja…“

Trotz aller Komik dieser ad absurdum getriebenen Möglichkeitsmetastasen, erinnern die Überlegungen, in denen sich die Protagonisten immer dann verstricken, wenn sie dem Text entkommen zu scheinen, stark an großstädtische Diskussionen über Karriere und Zukunft. „Warum bin ich noch hier, ich habe doch tausend Möglichkeiten“, fragt sich Antiochus (Simon Andreas), unfähig der unerfüllten Liebe zu Bérénice (Susann Mertz) zu entfliehen. Klingt da nicht der im Angesicht endloser sozialer Angebote verzweifelnde Großstädter mit?

Im rasenden Stillstand grenzenloser Entscheidungsfreiheit kommt dann auf einmal wieder eine totgeglaubte Sehnsucht zum Vorschein: Das stets unterdrückte und doch leise pochende Verlangen nach Struktur und Ordnung. Obwohl die Dekonstruktion in Kulturkreisen zum guten Ton gehört, besonders wenn sie auf dem hohen Niveau von *metafaust stattfindet, ist da der Wunsch nach Fixpunkten und Orientierung. Es kommt zur Rückbesinnung auf die Klassiker, zum Schon-Gehabten, zum Stücktext neben der Bühne. Die Ausbrüche der Schauspielenden enden immer wieder mit einem Sprint zum fast schon vergessenen Notenständer. „Stopp, Racine!“ oder „Ist das überhaupt im Text?“ – Beruhigend soufflieren die Schillers und Goethes und Racines dann wieder aus dem Off. Unfähig zu einem Entschluss zu kommen gibt es keine Sieger, keine Verlierer keine Geliebten. Titus bleibt Kaiser von Rom, Bérénice geht zurück nach Palästina und Antiochus fügt sich seinem Schicksal als ewiger bester Freund. Am Ende bietet auch der Selbstmord keine wirkliche Ausflucht aus der Misere.

Das studentische Kollektiv *metafaust schafft es, die 1506 Alexandriner Jean Racines in einer rundum gelungenen Inszenierung auf die heutige Gesellschaft und ihre Unmenge an Handlungsoptionen umzudichten. Der Abend im Ackerstadtpalast hält in allen Belangen, was  *metafaust verspricht, nämlich „schonungslos mit der Vorlage sowie der eigenen Lebensrealität um[zu]gehen.“

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