Die Selbstverwirklichung opfern? She She Pop’s „Frühlingsopfer“ im HAU 1

Der Abend ist nach dem eigenen Soundtrack benannt: Igor Strawinskys „Frühlingsopfer“. Ein Schlüsselwerk der Musik des 20. Jahrhunderts, in dessen Zentrum das Opfern einer Jungfrau für den Frühlingsgott steht. Die Auserwählte tanzt sich zu Tode. She She Pop performen den gleichnamigen Abend gemeinsam mit ihren Müttern, um der Frage nachzugehen: Wie viel „Opfer“ steckt eigentlich im Muttersein? Ist es nicht auch ein rituelles Menschenopfer, ein Kind zu gebären?

She She Pop lassen ihre Mütter erst einmal erzählen. Auf vier langen Bahnen erscheinen die Videos der Mütter. Sie stellen sich vor, erzählen ihre Biografie und was sich in ihrem Leben durch das Muttersein verändert hat. Wie selbstverständlich es beispielsweise damals war (die Mütter sind inzwischen im Rentenalter) mit der Schwangerschaft auch den Beruf aufzugeben und sich ganz der Familie zu widmen. Aber auch wie schwer das war, wenn man gerne gearbeitet hat und ein Kind alleine einem zu wenig Beschäftigung bietet.

Und heute? Hat eine der Performer_Innen ebenfalls die eigene Selbstverwirklichung der Familie geopfert? Man erfährt es nicht, denn das eigenen Muttersein und auch das Weitergeben von Generationsproblematiken sind kein Thema. She She Pop werfen Fragen auf, legen Fährten, machen neugierig: Wer gehört zu wem und welche Geschichte zu welchem Paar? Aber She She Pop führen leider keinen der angefangenen Gedanken aus. Sie erzählen lieber das, worüber sie nicht sprechen wollen. Immer wieder werden sie dabei von ihren Leinwand-Müttern unterbrochen. Ist das nicht wie im wahren Leben? Man merkt die Zurückhaltung, in einen direkten Konflikt mit den Müttern zu gehen. Bleiben wir gegenüber unseren Eltern ewig in der Kinderrolle? Interessante Themen werden aufgeworfen und verlaufen sich sofort wieder.

Dafür wird getanzt! Kein Ballett, keine zeitgenössische Choreografie, wie man es bei „Frühlingsopfer“ vielleicht erwarten könnte. Auch tanzt sich, glücklicherweise, keiner zu Tode. Dafür sieht man, wie viel Emotionen Körper auch ohne Sprache ausdrücken können. Man tanzt sich in Rage, lässt auch die Mütter im Video tanzen, um dann gegen die Videobahnen zu wüten, um schließlich mit den Müttern eine Friedenspfeife zu rauchen und am Ende, dank überblendeter Videoprojektion, mit ihnen zu verschmelzen.
Foto: Hebbel am Ufer, Dorothea Tuch

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