VORSCHAU: Die Anlageberatung für den April

Ja, die Krise. Das Wort mag so wund benutzt sein, dass ihm schon die Buchstaben abfallen, es ernähren sich davon doch ganze Sparten des Bruttosozialprodukts. Sind Sie Berater im Finanzministerium, AfD-Kassenwart oder Mittelklassenseelenklempner mit Expansionswünschen, dann ist Ihnen das bekannt. Sonnenstrahlen im Frühling sind da immer potenziell geschäftsschädigend. Was denn tun, wenn es wieder allen gut geht? Ach und wie würden sie jammern, all die Coaches, wenn ALLE nun plötzlich ins Theater laufen würden, um sich all die politisch und gesellschaftlich inspirierten Stücke und Performances anzuschauen, die auch diesen April auf den „kleinen“ Berliner Bühnen Premiere feiern werden! Für uns zumindest ist ein zweistelliges Celcius keine Ausrede.

Wir gehen stattdessen zu Maurizio Lazzarato in die Vierte Welt, wo er uns am 10.4. seine Theorie des VERSCHULDETEN MENSCHEN vorstellen wird und zu der Performance von Lubricat an den folgenden Tagen. Nomen non est omen, kann man da nur hoffen, denn den Teilnehmenden sind gute Einnahmen aus dem Krisentopf zu wünschen.

Das gilt natürlich genauso für jene, die Berlin nicht nur eine Krise sondern ihre skandalöse Situation so lange vor Augen geführt haben, dass die Asylpolitik nun langsam die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient. So etwa in GRENZFÄLLE (ab dem 23.4. im Heimathafen Neukölln) wo es erneut um den Einbruch des Problems in die deutsche Normalität gehen wird, was allerdings bei dem Protagonisten mit dem Einbruch seiner Vergangenheit zusammenfällt.

Genauso und ganz anders in POSEN IN ANGST (ab dem 25.4. im Ballhaus Ost), wo ein spiegelverkehrtes Cyber-Tschernobyl vorweggenommen wird, das dieses Mal den Osten zum Ziel der Flüchtlingsströme werden lässt. Ulbricht und Chruschtschow wären entzückt.

Mit dem Schicksal von Arbeitsmigranten aus Fernost beschäftigt sich Roland Schimmelpfennigs DER GOLDENE DRACHE, das in einer Kooperation des bat mit Shanghaier Schauspielstudierenden am 3.4. Premiere feiern wird. In einem Bühnenexperiment sollen dabei die Attribute umgekehrt werden, die deutschen SchauspielerInnen also das rechtlose Lumpenproletariat darstellen.

Das dürfte so ziemlich das Horrorszenario einiger Bundesrepublikaner sein, garniert nur durch die Machtübernahme türkischer Männer hierzulande. Mit dem Schicksal dieser, „die keine Probleme haben, sondern das Problem sind“ beschäftigt sich Idil Üners Stück SÜPERMÄNNER (ab dem 9.4. im Ballhaus Naunynstraße) – die Ankündigung lässt Satire erahnen.

Die Männlichkeit taucht auch in Arthur Schnitzlers ANATOL auf, allerdings im Kleid des promisken wie paranoiden Dandys. Wer in einer Neuköllner WG lebt und ein Stück über seine Mitbewohner sehen will, gehe also am 24. oder 25.4. in die Brotfabrik. Und wo wir schon bei einsamen Männern sind: der unangefochtene Meister dieser Disziplin ist natürlich Büchners LENZ (ab dem 11.4. im Theater im Kino).

Um dies abzurunden sei auch noch auf die Fußballfeinde von PortFolio inc. verwiesen, die den Hoolglatzen mit EIER! WIR BRAUCHEN EIER! in eben diese treten werden. Und das mitten in Ost-Berlin (ab dem 17.04. im Theater unterm Dach).

Gewalt nicht gegen Männer, sondern gegen das Knastregime der Sprache verspricht Valère Novarina mit ihrer Performance HOMO AUTOMATICUS (ab dem 10.4. im Theaterdiscounter). „Art Brut von größter Vitalität“ heißt es da in der Ankündigung.

Art Brut? Dann kennt sie hoffentlich die ExpertInnen von Theater Thikwa. Die haben sich mit der Gruppe Monster Truck assoziiert um in REGIE (ab dem 17.04. in den Sophiensälen) das Terrain der Macht zu beackern.

Seid also keine FRÜHLINGSOPFER, sondern schaut euch an, was She She Pop darunter verstehen, wenn sie auf einmal ihre Mütter auf die Bühne holen, um über Care zu sprechen (ab dem 10.4. im HAU1). Oder was passiert, wenn junge Berliner Kafka den weißen Krausebart anheften: DAS K (ab dem 4.4. in der Volksbühne).

 

Wir werden es uns nicht entgehen lassen.

Eure Unruhe im Oberrang

(Foto: Margarete Schuler)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s