Wie bin ich geworden, was ich bin? – „Hunter“ von Meg Stuart / Damaged Goods HAU

Die Frau auf der Bühne kämpft. Ihr Körper zuckt, lässt sich vom Rhythmus der Musik nach vorne werfen. Immer wieder. Manchmal wirkt sie wie ferngesteuert: Ungläubig schaut sie auf ihre Arme, die sich selbständig in die Luft recken, während sie zurückläuft. Radioansagen prasseln auf sie ein. Sie kämpft, gegen sich, gegen das Bild, das die Umwelt auf sie projiziert.

Die amerikanische Tänzerin und Choreografin Meg Stuart steht das erste Mal mit einer abendfüllenden Soloperformance auf der Bühne, die sich aus einer Serie von Selbstportraits zusammensetzt. Für das nächste Bild zieht sie sich einen knallbunten Patchwork-Regenmantel an, findet immer wieder verschiedene Ausgänge für den Kopf und für die Arme. Das Kostüm passt einfach nie richtig und hat an der Seite auch noch ein rosafarbenes, unförmiges Ungetüm, das immer im Weg ist und wahlweise als Fat-Suit oder als Phallus-Symbol dient. Wenn nichts passt – die Erwartungen, die man erfüllen soll, die Kleidung die einen definieren soll – dann bleibt als nächster Schritt nur die Reduktion.

Meg Stuart trägt jetzt nichts mehr außer einer Unterhose und eine unglaublich lange, blonde, verzottelte Perücke – aus synthetischem Haar, wie sie später versichert. Zurück zum Ursprung schießt es einem durch den Kopf, weg von der Zivilisation. Die Tänzerin liegt am Boden, auf ihr türmt sich das Haar. Wie war das? Die modernen Frauen enthaaren sich überall? Zurück zur Natürlichkeit des Menschen und des Körpers? Mit einem Ruck wirft sie das Haarungetüm von sich und lässt die Muskeln spielen, während sie langsam wie ein Panther ins Hintere der Bühne kriecht. Zurück zum Ursprung des Lebens und damit zurück zur Biografie der Tänzerin.

Was nun folgt, ist ein Monolog über das eigene Leben, die Kindheit. Meg Stuart erzählt, wie sie geworden ist, was sie ist: Sie könne schlechtes Theater nicht ertragen, weil ihre Eltern, beide Regisseure, immer alle eingeladen haben mitzumachen, weswegen sie ganz viele schlechte Proben habe ertragen müssen und sich geschworen habe, nie zu sprechen auf der Bühne. Nun ja, Versprechen gebrochen und das nicht zum ersten Mal. Meg Stuart lässt die Gedanken schweifen, philosophiert über das Leben und läuft dabei auf und ab.

Gemeinsam mit ihrer Kompanie „Damaged Goods“ hat sie sich für „Hunter“ einen Erinnerungsraum geschaffen, dessen Bau schon Teil der Performance ist. Zu Beginn sitzt die Tänzerin an einem Basteltisch, zerschneidet Bilder aus der Kindheit, klebt Tierköpfe über Menschenköpfe, malt mit rotem Nagellack blutige Spuren in Unterleibshöhe der Fotografierten. Verteilt eine Plastikperlenkette zwischen den Collagen. Baut am Ende mit einer Postkarte ein Krematorium. Der ganze Prozess wird gefilmt und auf großen Schaffell-Bahnen projiziert. Sie baut sich ein Zelt aus Erinnerungen, überprüft sie, passt sie an. Die Elemente der Erinnerungscollage finden sich auch im großen Bühnenbild wieder, in dem Meg Stuart ihr Leben vertanzt und mit dem Publikum bespricht. So ein Bühnenraum lässt Platz für eigene Assoziationen, die Protagonistin wird selbst zur Projektionsfläche. Ihr Versuch, Erinnerungen und Erwartungen zu visualisieren und aus ihrem Körpergedächtnis hervorzuholen, offenbart zugleich die Unmöglichkeit, diesen gerecht zu werden.

Foto zum Artikel: Hebbel am Ufer, Iris Janke

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