Die Liebe in Zeiten der Einzelprojektförderung – „Save Your Love Part I“ im Theaterdiscounter

von Clemens Melzer und Linus Westheuser (oben: im Bühnenbild)

Liebe, Internet, Kapitalismus, zwei Leute in Wollpullis – naja. Wahrscheinlich hingerotzte, pseudo-experimentelle Mittehipster-Selbstbespiegelung… Wer sich hinreißen ließ, so über „Save Your Love Part I“ im Theaterdiscounter-Programm zu denken, ging spektakulär fehl und hat womöglich einen Abend verpasst, der es wirklich in sich hatte. „Save Your Love Part II“ wird all jenen hoffentlich bald eine zweite Chance geben.

Das Licht geht an und schon befinden wir uns mitten im klebrig-süßen Beziehungsmorast zweier ganz normaler Kosmopoliten, Anfang-Mitte 30, verheiratet, wohnhaft in Berlin (35m²). Das Kennenlernen mit Niva Dloomy und Ariel Nil Levy wird komprimiert auf ein Standbild heteronormativer Paar-Idealisierung: Wir sehen sie in biederen Posen mit Hasenohren und Konfetti auf Kunstrasen, während playback eine Disney-Schnulze läuft, die die beiden mit den Lippen mitsingen: „I want to be part of your world“. Es folgt ein Monolog, in dem Niva aufzählt, was an ihr und ihrem Leben früher besser war, wie motiviert und schön und fit sie war, wie hoffnungsvoll, einmal eine dieser Leute zu sein, die mit Geld vom Senat coole Projekte machen. Das „aber dann-“ fällt konsequenterweise weg, stattdessen flackern durch Beleuchtungscuts in schneller Abfolge Beziehungsminiaturen auf: Die Partner halten sich weinend, dann lachend im Arm; die eine schimpft den anderen fürs Popeln aus; der eine schläft, die andere macht pharyngale Stimmübungen; später sticht Ariel mit einer Herzform Plätzchen aus und berichtet von den israelischen Sozialprotesten, nur um an der entscheidenden Stelle recht zwanghaft in ein endloses Palaver über die Hochzeit der beiden zu verfallen.

Das Performance-Trio (zu dem außerdem Regisseurin Hila Golan gehört) nimmt so fast wie nebenbei die Räume spätkapitalistischer Privatheit auseinander: Das Private wird mit eben der Mühsal des Exilantentums, der prekären Kulturproduktion, den widersprüchlichen politischen Gefühlen der Krise und dem Konformitätsdruck individueller Selbstverwirklichung wieder zusammengebracht, gegen die sie die Partner schützen soll. Der Rückzug ins Private ist nicht das Ende des Kampfes, sondern seine Fortsetzung mit anderem Mobiliar. So werden die Protagonisten zwischen hoppelnden, quiekenden Plüschtieren, zwischen penetranten Mantras eines TV-Moderators (Gal Naor!), der Management für die rundum-optimierte, finanziell abgesicherte Familienfestung propagiert und Sexversuchen mit sprühfertiger Schlagsahne auf dem Küchentisch zusehends selbst zu Möbelstücken mit vorgefertigtem Ikea-Gefühlsleben. Das poppige Bühnenbild von Adar Aviam wächst sukzessive in die Tiefe, entfaltet sich zum kunterbunten Grauen einer mit Konsum-Müll vollgestopften Paarwohnung, zusammengehalten von der Zentripetalkraft der Couch. Nur die Dusche bleibt als Zufluchtsort, doch auch sie wird via Radio heimgesucht von Ehud Barak und der Operation ‚Pillar of Defense‘. Mittendrin sitzen die beiden vor der Glotze, dann streiten sie, wie Paare eben streiten, dann singen sie wieder wie Meerjungfrauen aus Hollywood.

All das könnte ganz fürchterlich zynisch oder (schlimmer noch) ironisch sein, ist es aber nicht. Das liegt sicherlich zum großen Teil an den umwerfend charmanten DarstellerInnen. Noch die abgründigsten Sozialpathologien sind einfach wahnsinnig lustig, da man instinktiv versteht: hier wird der Spieß einmal umgedreht, ein Spiel mit der Welt gespielt, die ihr eigenes Spiel mit uns spielt. Es ist aber auch der Umgang mit Theorie, der das Stück so besonders macht. „Save Your Love“ ist Diskurstheater at its best, in dem die Begriffe und Analysen nicht lediglich zitiert, sondern in einen Dialog mit dem Bühnengeschehen verwickelt werden. Nirgends schienen Eva Illouz‘ Überlegungen zur Interdependenz von Liebe und Kapitalismus so plausibel, wie im Wohnzimmer dieses kulturschaffenden Pärchens: Die romantische Zweierbeziehung und ihre selbstverschuldete Mittelmäßigkeit ist immer noch die wirksamste Waffe gegen neoliberale Imperative zur stetigen Selbstverbesserung. Das macht vieles zugegebenermaßen nicht besser, lässt uns Zuschauer aber doch (und ohne geschichtsphilosophischen Zeigefinger) erahnen, wie die persönliche ‚work in progress‘ und die des gesellschaftlichen Strukturwandels zuweilen… nun ja… Hand in Hand gehen.

Der Theaterdiscounter erbringt mit dieser ebenso freshen wie klugen Inszenierung den Beweis dafür, wie gefährlich die Freie Szene der etablierten, subventionsschwereren Konkurrenz werden kann. Ein Stück, das Selbstreflexion mit so viel Charme rhythmisiert und in keinem Moment in die allseits gähnenden Schluchten von Plattheit und Befindlichkeit tritt, ein Stück, das sein Sujet so skrupellos seziert und trotzdem in seiner Vielfarbigkeit ernstnimmt – das muss man anderswo erstmal finden. Das „Part I“ im Titel macht Hoffnung auf eine Fortsetzung! Chapeau schon jetzt aus dem Oberrang.

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2 Gedanken zu “Die Liebe in Zeiten der Einzelprojektförderung – „Save Your Love Part I“ im Theaterdiscounter

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