Artistisches Coming of Age – „Flip“ im Chamäleon

Verlegene Umarmungen, eine kitschige Abschiedshymne. Die sechs Freunde, in liebenswürdiger Tapsigkeit, verlassen einander, um in die Welt hinauszugehen. Traurige Mienen. An einem Seil, den knackigen Oberkörper entblößt, schwinkt einer der Akteure hin und her, um sich plötzlich in Drehungen unter die Bühnendecke zu winden und sich wieder fallen zu lassen, dass es einem den Atem raubt. Wir sehen ihm bei Erwachsen-Werden zu, oder so ähnlich.

Und dann treffen die sechs sich wieder. Es ist Sommer. Aus den Fenster eines roten Hauses strecken sie einer nach dem anderen den Kopf, grinsen breit. Die Freude übers Wiedersehen ist groß: Einer springt direkt vom Dach, Jade Dussault als einzige Frau im Team, wird euphorisch hin und geworfen. Sie stemmen sich zu Stunts in die Luft, stehen sich kopfüber auf den Armen und haben offensichtlich Spaß.

Flip FabriQUE, eine junge, sechsköpfige Zirkusgruppe aus Montréal, Canada, ist zu Besuch in Berlin. Sie bringen zwar keine Tiere und keine Clownnummern mit, aber exzellente Artistik. Mit nicht weniger als sechs Performances pro Woche rocken sie das Chamäleon in den Hackeschen Höfen. Im Festsaal – gerammelt voll bei der Premiere – kann man ohne Weiteres nochmal die Eintrittssumme fürs Essen und Trinken auf den Kopf hauen, auch während der Show wird bedient.

Unter der Regie von Bruno Gagnon, der bereits mit dem Cirque du Soleil auf Tour war, entfalten die Artisten mit nur wenigen nervösen Momenten ein Nummerprogramm, das sich in seiner Vielseitigkeit sehen lassen kann: Diabolo, Hula Hoop mit einem Dutzend Reifen, Turnen auf Gymnastikbällen, Trampolin-Kunststücke. Die Story ist natürlich vollkommen überflüssig, die holzschnittartigen Spielversuche wirken so bemüht, dass sie jeden Besucher mit Theateranspruch in die Flucht schlagen, die Musik, poppig-schnulziges Playback-Geschrammel, ist die meiste Zeit eine wahre Plage. Großartig sind hingegen die (selbst-)ironischen Momente, wenn im Takt von Beatbox und ins Mikro gebrabbelten Sound-Fantasien jongliert oder mit Kopfstimme an der Gitarre geklampft wird. Langer Applaus und lange Bier-Rechnung.

Foto zum Artikel: Promo / FlipFabriQUE

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