Erfolgreiches Kidnapping – „Baba oder mein geraubtes Leben“ im Heimathafen Neukölln

Bild: Verena Edel

„Ladies and gentlemen, welcome on bord…“, die Stewardess befestigt einen riesigen, verstaubten Orientteppich an einem Seilzug. Sinan fliegt von Deutschland nach Dubai, zu seinen leiblichen Eltern. Er wird von seinen Brüdern lautstark begrüßt: Sie hauen ihm herzhaft auf den Rücken, sie kleiden ihn ein mit Kufiya und langem Gewand, stellen ihn der gesamten Verwandtschaft vor. Nebenbei bekommt Sinan eine junge Frau zur Heirat angeboten, Pläne für seine Zukunft werden geschmiedet, damit aus ihm etwas Vernünftiges wird und kein Schauspieler. Im Orientteppich allerdings klafft ein Loch durch das Sinan schlüpft: Seine Zukunft sieht er mitnichten in Dubai bei seiner aus dem Irak geflüchteten Familie…

…sondern zuhause in Deutschland. Sinan Al Kuris Leben wurde geraubt. Als kleiner Junge wurde er von seiner Mutter, der deutschen Frau seines Onkels, „gekidnappt“, um sicher vorm Golfkrieg in der hessischen Provinz aufzuwachsen. Es ist die Biographie Sinan Al Kuris, selbst Ensemblemitglied im Heimathafen, die hier erzählt wird. Sie wurde bereits im Film Mein Vater. Mein Onkel. (2009) verhandelt, der die Zusammenführung von Sinan Al Kuri und seiner arabischen Familie in Dubai dokumentiert und auch kurz ins Stück einfließt.

Aber zurück zum Sinan aus dem Theaterstück im Heimathafen, der von Burak Yigit bis in jedes Schmunzeln und jeden Augenaufschlag so hinreißend gespielt wird, dass das Original nicht mehr interessiert. Zu Beginn lernen wir ihn als sympathischen Schludrian kennen: Er flezt auf einer Sitzwurst zwischen losem Krempel, zockt Playstation und bufft Joints, während er Mon Chéri aufbeißt, um nur den flüssigen Alkohol zu schlürfen. Wir begleiten ihn auf seinen Zivi-Job im Altersheim zu einer an Alzheimer erkrankten Dame, die abwechselnd Nazi-Parolen und liebevolle Verhätschelungen hustet (eine von mehreren Rollen Inka Löwendorfs, die eine jede zum Niederknien rockt) und sehen ihn, wie er eine Freundin findet, die nicht nur genauso gerne zockt wie er, sondern, noch besser: Die bei Mon Chéris nur die Schokoladenhülle mag und nicht das Flüssige innen…

Es sind dies butterweich inszenierte, liebevolle Miniaturen, die ohne Weiteres zu einer Fernsehserie mit Hitpotential taugen würden. Regisseurin Nicole Oder verzichtet weitestgehend auf Bühnen- bzw. Körperchoreographie- oder sonstigen Effektaufwand und überlässt die Verzauberung dem Spielwitz der Schauspieler_innen. Diese geben für eine Studio-Nr. beinahe ein Star-Ensemble ab: Neben Burak Yigit, für eine stattliche Zahl von Kinofilmen (zuletzt: Westerland) mit Preisen bedacht und Inka Löwendorf, Mitglied des Volksbühnen-Ensembles, überzeugen Sascha Ö. Soydan und Tanya Erartsin in einem Parcours durch unterschiedliche Rollen (allerdings nicht unbedingt in ihrem mittelmäßigen Arabisch, wie ich mir sagen ließ).

Die Sitzwurst – das komplette Bühnenbild, wenn man so will – erweist sich schließlich als zusammengerollter und mit Briefen angefüllter Teppich. Briefe von Sinans leiblichen Eltern aus dem dubaischen Exil, die nach ihrem geraubten Sohn fragen. Der entschließt sich zur Konfrontation und bricht auf zur Reise ins Unbekannte, doch als er nach einem aufregendem wie ernüchterndem Trip nach Deutschland zurückkehrt, hat sich mehr verändert, als er erwartet hat.

Baba oder mein geraubtes Leben schließt nahtlos an die im Heimathafen uraufgeführten Hype-Stücke Arabboy und Arabqueen an, beide von Nicole Oder geschrieben und mit der gleichen Clique besetzt. Damit gehört es, will man Labeling von Außen betreiben, zum postmigrantischen Programm des Heimathafens, das hier, wie z.B. die Asyl-Monologe, meist im kleinen Studio läuft, während der große Saal vor allem von Konzerten und Shows gefüllt wird. Das ist wohl ein Effekt, wenn man erfolgreich Volkstheater betreibt. Es wäre dem Heimathafen dennoch zu wünschen, so aufs Publikum vertrauen zu können, dass Stoffe nicht über die Bühne entscheiden, die ihnen gewährt wird.

Und vielleicht offenbart sich an diesem Abend noch ein weiterer, möglicher Volkstheater-Effekt: Sinans Geschichte wird persönlich-biographisch gehalten und bleibt in einer deutschen Perspektive, aus der Dubai und die Sitten Sinans arabischer Familie als exotisch erscheinen. Plötzlich werden in der Inszenierung andere Mittel verwendet, das Publikum wird adressiert, Sinans Brüder werden mit aufgeklebtem Schnurrbart und Wampe karikiert. Einem biographischen Stück kann man das schwer vorwerfen, zumal dann, wenn es in Narrativstruktur und Schauspiel so überzeugt wie Baba oder mein geraubtes Leben. Dennoch: Die Inszenierung erinnert an einigen Stellen an Filme wie Nicht ohne meine Tochter, der mit einem ähnlichen Thema als Kassenschlager reüssierte, aber auch zurecht als islamophob kritisiert wurde. In so einen Kontext gestellt zu sein, so gelesen werden zu können – damit ließe sich noch bewusster und widerspenstiger umgehen. Vorher jedoch: Ab ins Studio vom Heimathafen! Es lohnt sich.

Bild zum Artikel: Verena Eidel

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s