Too much! – „Show Me How“ in der Vierten Welt

Der grossen, blonden Frau in Unterhosen, die strampelnd einen Stuhl plankt und mit ihrer Rechten auf den Boden einhämmert, während sie mit ihrem Transformer-Kopf in einer am Boden stehenden Zimmerpflanze wühlt, versohlt die kleine dunkelhaarige Frau mit Hasenmaske im pinken Bikini über grünem Pulli mit dem langen Schwanz ihres schlappen Plüschtigers den fast nackten Arsch. Dazu Dubstep.

WTF?! Wie um Himmels Willen konnte es nur soweit kommen?

Wahnsinn
Den „Mechanismus der Imitation auseinander nehmen“ und den „Wahnsinn der Nachahmungskultur auf der Bühne zerlegen“, so die Ansage der Theater- und Tanzperformance „Show Me how“ (Konzept, Realisation und Performance: Iva Sveshtarova und Rose Beermann), die gestern im Theaterraum „Vierte Welt“ Première hatte. Die Vierte Welt, das ist die interessant situierte Off-Bühne am Kottbusser Tor: Die Aussentreppe beim Café Kotti hoch, gehts rechts auf der Plattenbau-Galerie über die lebhafte Adalbertstraße, tief ins stille Dunkel des Innenhofs bis ganz nach hinten, zum letzten Ladenlokal direkt über dem türkischen Fischhändler. Hier ist die Vierte Welt: ein mittelkleiner, lichter Raum hinter Glasfront, mit Platz für bis zu siebzig ZuschauerInnen auf Holzhockern, heute vielleicht fünfzig, davon vierzig Frauen. Jedenfalls blendend hell, diese entkernte Arztpraxis – mit weißen Wänden und schwimmbadblauem Boden. Und die tiefe Decke ist nackt – die Kabel hängen gefährlich über den Köpfen.

Immer fehlt etwas
Angefangen hat das heute ganz ruhig: „What do you think about this position?“ fragt Iva Sveshtarova, im Zuschauerraum stehend, andächtig in ihr Kabelmikrofon. Rose Beermann antwortet sachlich: „I think you should be in the center. I think the people over there can’t see you.“ So geht das eine ganze Weile, wieder und wieder die gleichen Fragen und Antworten, derweil Schritt für Schritt ein Bild- und Tongerüst aufgebaut wird. Weil jedesmal kommt: „There is still something missing…“ Die Position wird immer fiebriger gesucht und nicht gefunden. Der Reihe nach werden die Zimmerpflanze, die Hasen- und Transformermasken, der Plüschtiger, ein grosser Gummikrebs, weitere Pflanzen und schließlich dutzende A4-Blätter, wo das Wort Pflanze nur noch draufkopiert ist, auf die zugemüllte Bühne geschleppt. Dazu türmt Sounddesigner Bernhard la Dous aus einem anfänglich auf ein Minimum reduzierten rhythmischen Bass tröpfchenweise jenen Dubstep auf, der letztlich als Soundtrack zum Exzess voll reinhaut.

Irgendwo ins Nirgendwo
„Was denkst du?“, „Stehe ich richtig?“, „Können die Leute mich sehen?“: Das Gesehenwerden-Müssen, das Verstandenwerden-Müssen – das nie befriedigte Verlangen, gut zu sein, besser, den daraus hervorgehenden Mechanismus der Imitation und damit die Selbstgleichschaltung – „Show Me How“ präsentiert stellenweise ein klar reduziertes Destillat dieses menschlichen Wahnsinns. Der Spannungsaufbau ist lang und bald mal langweilig (zumal das Schauspiel nicht zu überzeugen vermag). Aber das brauchts ja auch irgendwie, um das vorzubereiten, aufzubauen und anzustauen, was dann kommt. Denn in der Tat, das ist Wahnsinn. Doch was beim Eintreten noch wirkungsvoll hektisch, unkontrolliert und hysterisch-unachtsam ist, macht sich letztlich dann halt vor allem lustig über sich selbst. Als inhaltlicher Klimax verdunstet das schnell, ist ein lustiges Aufatmen – ein: Juhee, jetzt wirds richtig crazy.
Die erwünschte Aussage wird dadurch nicht auf die Spitze getrieben, sondern verliert sich irgendwie im Nirgendwo. Dazu passt das Ausfaden der Performerstimmen am Schluss ganz gut.

Nächste und letzte Aufführungen: 16. Februar 2014, 20 Uhr (Vierte Welt) und 22. Februar 2014, 21 Uhr (Sophiensaele)

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