Ich will befingert werden – „Les experts d’Internet“ im Ballhaus Ost

(Dieser Text ist viel zu lang für einen Online-Text! Langer Rede kurzer Sinn ganz unten.)

„Wir spielen heute für Sie „Die Internetexperten“ von Bertold Brecht.“

Ein Knaller ist das ja nicht, wenn ein postdramatisches Theatergrüppchen sich an Brecht orientiert. Zuschauer als Angeschauter, Wahrnehmen als Wahrzunehmendes – nix Neues. Das Publikum lacht trotzdem – Internet und Brecht, also bitte…

Die Leien des Alltags
Das Publikum lacht fläzend auf den Sitzkissen der Kleinsttribühne in der 3. Etage des Ballhaus Ost. Die Bühne ist da quasi in einem Zimmer untergebracht. Auf ihr stehen die Leien des Alltags, fünf junge SchauspielerInnen (Hannah Dörr, Lisa Hrdina, Jan Koslowski, Nele Stuhler, Elena von Liebenstein und Tim Fabian Bartel). Die selbst ernannten Internetexperten wollen nach ausgiebiger Recherche als User ihre Erkenntnisse in einer Doku-Performance mit dem Publikum teilen. Die kleine Bühne ist eher tief als breit, zweigeteilt in einen vorderen und einen hinteren Raum, eine Wand dazwischen mit einem grossen und einem kleinen Durchgang. Das alles sei der online-Bereich, das Internet. Das Offline? Ganz klein und schwarz markiert vorne beim Ausgang bei den Zuschauern.

Mauern abreissen
Die Bühne ist das Internet ist ein „Möglichkeitsraum“, so Bartel zu Beginn. Der Vergleich mit Brecht hat nämlich Hand und Fuss: Ende der 1920er-Jahre kam der mit seinem krassen Lehrstück daher, fest gewillt, die Bühnenmauern einstürzen zu lassen. Und in dieser Utopie war das Theater eben ein Möglichkeitsraum, ohne (passiven) Zuschauer und ohne (blosse) Darsteller, kein eigentliches Schauspielhaus mehr. Die Leute sollten sich durch aktives Mit-Spiel mit den Problemen ihrer Zeit auseinandersetzen!
Nun, das Problem der unseren Zeit ist ja unter anderem, dass wir in einem digitalen Dschungel umherirren, der – ungreifbar wie er ist – mit uns macht, was er will. Wir irren zudem überhaupt nicht aktiv – was Brecht mächtig auf den Keks gegangen wäre. Während das klassische Theater die fiktive Welt fix vorfertigte, zerrte er seine Zuschauer ins Spiel hinein. Die Leien des Alltags – soviel sei zur Warnung der Rampensäue verraten – beziehen das brechtsche Aktivieren (nur) auf sich. Sie selbst sind nie Schauspieler, ohne auch Betrachter zu sein. Zuschauer aber bleiben Zuschauer. Ob Brecht die vierte Wand eingerissen hätte, das Publikum zu aktiveren? Wohl vehement.

Gute Medien
Doch nahm sich dieser – im Gegensatz zu den Leien des Alltags – ja auch nicht das ganze Internet zur Brust. Nein, Brechts Zeit war die Radiozeit – da forderte er Höreraktivität, dass Hörer zu Mitspielern werden. Das Radio soll ein Medium sein: das Radiolehrstück, zur Einübung neuer Gesellschaftsformen. Denn Brecht war sich sicher, dass neue Medien positive Veränderungen provozieren können.
Mittlerweile ist das alles 80 Jahre her, und das Räumchen der Möglichkeiten ist ein wenig gewachsen. Es ist jetzt unübersehbar groß und hat keine Konturen mehr, zumindest keine sichtbaren. Hinweise auf alternative Formen diesen Raum zu nutzen (wie Brecht beim Radio) gibt es zuhauf, im Raum der Möglichkeiten selbst. Aber wo? Es bleibt letztlich ein Raum der ungenutzten Möglichkeiten. Ein Raum, der nicht positiv zu erörtern ist (wie Brecht beim Radio), sondern negativ. Ein Raum, der ausserhalb der konventionellen Nutzung liegt und experimentell erforscht werden muss. Von Usern, die sich über Konventionen hinwegsetzen.

Langweilig
Wie unsere Internetexperten eben. Konkret? Erstmal – sorry! – ziemlich öde. Episode 1.1. Der User erforscht den Möglichkeitsraum: Die Darsteller bestarren reglos ein Frauenkopf-Poster an der hinteren Bühnenwand, wippen dabei auf und ab, erst jeder im eigenen Takt, später gleichgeschaltet. Dazu hundertfach (unübertrieben!) wiederholtes „Google Google“-Gedudel. So weit, so nervig. Wie emotionale Einzeller wirken sie, die da im kalten Licht unter dem klanglosen Surren von massig Technik „wirklich jede Möglichkeit ausschöpfen“. Witzig ist das schon ein bisschen, ironisch, und auch ein bisschen gut. Aber eben auch ein bisschen langweilig.
Sodann 1.2. Der Monolog des Users in seiner Stube – Chat-Sprech monoton zum Fenster hinaus (wörtlich!): „bin gleich zurück – bin wieder da“ et cetera. Und wieder „Google Google“ (…) „Google Google“…
Mit 1.3. Zwischenstück, nach Hanns Eisler (mit Sicherheit!) werden schliesslich noch die letzten Nerven ermordet: „Googledi, Googleda, Google ist für alle da!“. Die Handlung hat bis anhin weniger Tiefe als der Bühnenraum, reicht kaum bis hinten, wo die Darsteller seit zehn Minuten (gefühlt!) „google google“ an ein Poster gurren. Das ist irgendwie voll Internet-Feeling, ja. Aber da muss doch noch was kommen.

Nicht langweilig
Und wie das kommt: mit 2.1. Der User im Museum. Da ist der User nämlich offline. Heisst: Schuhwerk wechseln und sich ins besagte Eckchen (siehe erster Abschnitt) stellen. Da hats Graff-Porträts – jener Maler (noch eine Woche Museumsinsel), der Ende des 18. Jahrhunderts wie kein Zweiter ins Innerste der Seele seines Gegenübers herab zu schauen vermochte, um dort dessen individuelles Wesen – kaum erfunden – zu ergreifen. Die überwältigende Eigenheit eines dieser Graff-Porträts jedenfalls haut unserem User im Museum alle Sicherungen raus: Einzig ein wunderbar ersticktes Quietschen (wie ein Nazgûl in Herr der Ringe!) vermag diesem Schockzustand (Lisa Hrdina) noch zu entweichen, was gleichzeitig für den ersten performativen Höhepunkt des Abends sorgt. Die Off-Stimme ringt derweil mit Worten: „Das ausgestellte Face ist ein antlitzhaftes Gegenüber, das Antlitz ist das Face, das Face ist der Körper der Liebe…“ Facebook-Lyrik vom Feinsten.

Back to Keyboard / Low Spirit
Weil nun angesichts dieses Angesichts ganz viele Fragen auftauchen (die die Museumsaufsicht nicht beantworten kann), wechselt der User hastig die Schuhe. Er will und muss jetzt schnellstmöglich zurück in den Möglichkeitsraum, back to Keyboard, wo er sich dem vierköpfigen 2.2. Chor der Agitatoren anschliesst. Sternförmig am Boden liegend, die Köpfe am Modem, dem Kern des Sterns, sprudelt das Gegoogle aus dem Usermund nur so raus: „Bin ich schwanger?“, „Bin ich schwul?“, „Bin ich verliebt?“, „Wie schmeckt Muttermilch?“…
Natürlich reicht es nicht, den Kopf ans Modem zu legen. Was die brauchen, ist ein 2.3. Orakel der Zukunft! „Was, du bist das Orakel?“, so ein User zum Frauenkopf-Poster hinten ganz baff, „Ja, ich bin es, Marusha“, so der (sonore) Widerhall aus dem Off. Hihi, ausgerechnet die Rave-Tante, die vor 20 Jahren mit Somewhere over the Rainbow ihren Durchbruch schaffte – quasi zeitgleich mit dem Internet, mit der CD Raveland auf dem Label Low Spirit (!) – quasi das bad taste-Alterego von Brecht. Also Marusha, und „was ist nun mit dem Möglichkeitsraum in der Zukunft?“: „Ihr müsst alle sehr sehr sehr sehr (…) sehr sehr sehr sehr bewusst mit den Möglichkeiten des Möglichkeitsraums und seinen Möglichkeiten umgehen.“ Okaaay…

Hölle der Natur
Man ahnt: Das alles muss in der Katastrophe enden. Und tatsächlich: Der User scheitert in den sozialen Netzwerken – unspektakulär, tragisch, lächerlich. Minutenlang wippt er sich mit manischem „Facebook Facebook“ in den Stimmausfall (Jan Koslowski – gut, wie die anderen auch), um schliesslich die ganz bittere Pille zu schlucken: „Das Internet ist die digitale Kränkung, die Hölle der Natur!“. Seine Reaktion: beleidigt. „Damit hast du mir das ganze 21. Jahrhundert madig gemacht!“
Der digitale Mensch will nämlich Natur. Der Digitus, der Finger – er will befingert werden. Drum rauschts jetzt im Online-Blätterwald, und zwar gewaltig: Rote, silberne und goldene Alu-Fahnen werden zu lautem Techno (Musik: Gregor Trierweiler) noch lauter gefuchtelt – und geschriehen: „Ich will angefasst werden!“, „Warum spür ich den überhaupt gar nichts mehr?“, „Immer nur Zustimmung, Konsens, nur noch Konsens, nur noch Konsensrauschen!“. Das Licht blitzt kalt und hektisch, wirft die Schatten hin und her und alles Starre zuckt.

Ein phantastisches Bild, als diese knappe, volle, unterhaltsame und denkwürdige Stunde sich ihrem Ende neigt. Und darum jetzt endlich – ohne mit Brecht den Spannungsbogen zu bemühen – langer Rede, kurzer Sinn: Hingehen!

„Les experts d’Internet“ von den Leien des Alltags – heute zum dritten und letzten Mal im Ballhaus Ost, hoch oben auf dem Prenzlauer Berg!

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3 Gedanken zu “Ich will befingert werden – „Les experts d’Internet“ im Ballhaus Ost

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