Keine Offenbarung – „Weissagungen“ im HAU 3

Weissagungen sind Prophezeiungen sind Prognosen der Zukunft. Propheteía ist altgriechisch und heißt für jemanden sprechen, anstelle von. So sprechen Erwachsene für Jugendliche und geben ihnen Ratschläge für die Zukunft. „Eltern spekulieren, was aus ihren Kindern wird“, sagt der Weissagungen-Flyer. Und „Politiker sagen, wer in der Arbeitswelt gebraucht wird“.

Dritte Zusammenarbeit
Seit fünf Jahren reflektiert das Theaterkollektiv Turbo Pascal, wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren. Ihr neuster Wurf: die Performance Weissagungen, gestern im Rahmen des Houseclub (ein HAU-Experiment, das Kreuzberger Schulklassen über zwei Jahre zu Theaterexperten macht) im HAU 3 präsentiert. Weissagungen folgt auf zwei frühere Arbeiten mit der Hector-Peterson-Schule, einer so genannten integrierten Sekundarschule: Sowohl PC-Raum 2 (X-Schulen, 2010) als auch Publikumsbeschwörung (2011) suchten die Konfrontation von Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft. Auf Konfrontation geht das Konglomerat diesmal mit den guten Ratschlägen der Erwachsenenwelt: „Meine Mutter sagt, du wirst einen geraden Weg gehen. Ich glaub das nicht!“

Offene Kommunikation
Mehr noch, der Spiess wird umgedreht. Forsch heißt Alper das Publikum, die Handys auszuschalten. Ein ziemlich herkömmlicher Startschuss in den Abend, aber eben auch der Anfang einer jeden Schulstunde. Verheißungsvoll dabei Alper Yildiz, wie er die Blicke des Publikums gefangen hält, die blaue Mütze tief ins Gesicht gezogen: „Ihr wollt ja nischt, dass isch die einsammle!“ Der Schüler lebt die offene und transparente Kommunikation, die seine Schule sich auf die Fahne schreibt.
„90% von euch werden Hartz IV-Empfänger sein!“. Aysche Adaw, Nadine Ayad, Eren Aykut, Rayan Chaaban, Hadia El-Ali, Kenan Ertunc, Sirin Yilmaz und Violeta Fischer treten abwechselnd vor den schwarzen Vorhang ins Rampenlicht und bedrängen das Publikum mit jenen Prognosen, denen sie täglich ausgesetzt sind. „Wenn du so weitermachst, wird nix aus dir“, haucht das Mädchen im pinken Strickpulli der netten Dame ins Ohr, und nickend mit fester Stimme ein entschlossener Yildiz: „Isch werde solange an eusch arbeiten, bis ihr alle durschkommt.“

Pubertäres Grinsen
Die Schüler haben uns im Griff. Hie und da ein quasi-empörter Lacher, doch der Raum steht unter Spannung. Einzig der adrett Frisierte in weißem Hemd, Jeans und Nike-Schuhen verplappert sich mehrmals. Dabei grinst er unablässig, dümmlich, in seinem Konfirmandendress. So ein überheblich-unsicheres Grinsen, pubertär, man kennt es ja.
Plötzlich schreiten die Turbo Pascal-Performer (Margret Schütz, Frank Oberhäußer und Veit Merkle) ein und bedienen sich unserer Gedanken: „Dieses Grinsen ist genau das Kindliche, worüber wir geredet haben!“, wird der Schauspielschüler getadelt. Probenalltag und Bühnenperformance überlappen sich, und unsere Vorurteile werden an den Eiern gepackt. Der Junge grinst noch immer. Aber irgendwie anders. Toll!
Turbo Pascal nörgelt weiter, die Schüler sind genervt. Mit seinem lockeren Lehrerspruch („Zwei Komplimente, eine Kritik – das Sandwich-Prinzip!“) fällt Merkle auf die Schnauze („Dein Sandwich kannste zuhause essen!“) und steht nicht wieder auf („Hat dir gegeben!“). Der Lehrer rastet, die Klasse lacht – die Jungen spielen sich selbst, und die Alten an die Wand.

Langweilige Sketches
Meist entwickelt Turbo Pascal in seinen Stücken Gedankenexperimente, die das Publikum mit einschließen. Das ist auch gut so. Die Sketches, die sie an diesem Abend hinter dem schwarzen Vorhang auf der Bühne zwischen wallenden Plastikfolienwänden (Bühne: Alexei Fittgen) vorführen, sind jedenfalls höchstens eindimensional – richtig langweilig gegenüber den Konfrontationen vor dem Vorhang, am Bühnenrand beim Publikum. Klamaukige Sterbeszenen („vielleicht bin ich morgen ja tot…“) sorgen im Publikum wohl für Lacher. Stromschlag, Herzinfarkt, Vergiftung – jeder darf mal sterben, oder mehrmals. Ein Sinn erschliesst sich daraus aber nicht, und die Geschichte verkommt stellenweise zum Bunten Abend. So auch die schwerfällige (ja, absichtlich!) Altersheimszene mit Altenimitation (die nebenbei eher geistig behindert anmutet als alt). Sie ist so endlos, dass Veit Merkle seinen Tattergreis noch bis weit in die nächste Szene mitschleppt und dabei jene Schüler stört, deren emotionale Monologe zu dramatischer Musik (Friedrich Gerling) das Publikum gerade um dessen volle Aufmerksamkeit ersuchen. „Die Angst ist immer da und die geht nicht mehr weg. Wir gehen immer den falschen Weg und haben Angst, dass wir abkacken, sozusagen.“ Und daneben ein lustig alter Knacker?

Versprechen an die Zukunft
Ja, diese Zukunfts-Sketches hauen nicht hin. Eine Ausnahme die herausragende Hochzeitsfoto-Szene. Erst scheitert der Versuch, die Braut ganz im Sinne eines modernen Theaters in Plastikfolie zu wickeln. Sie leistet erbitterten Wiederstand, will ein echtes Kleid. Der Vorhang schliesst sich wieder. Dann formiert sich im dichten Bühnennebel die hustende Feiergemeinde zum Hochzeitsfoto, derweil der Bräutigam vortritt und dem Publikum erzählt, wie er seine Hochzeitsgäste kaum wiedererkenne. Auch zwei von Turbo Pascal habe er eingeladen – „mehr so als Witz“. Ein lustiger, sehr lässig vorgetragener Monolog.
Es sind die interaktiven Elemente, die den Abend spürbar machen. Das Stück will uns was lehren. Vergesst die Prognosen! Denn wie schon Peter Handke sagte: Jeder Tag wird ein Tag sein wie jeder andere. Der Februar, so eine Schülerin, werde ein Arschlochmonat wie der Februar, und ein Kind sich freuen wie ein Kind. Es kommt wies kommt. So ist der Abend schliesslich keine Offenbarung, aber doch ein kleines Versprechen an die Zukunft.

Nächste Vorstellung: Morgen Samstag / 01. Februar 2014 / 20:00 Uhr / HAU3

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