‚I’m so happy to be in this art project!‘ – „Staging Cambodia“ im HAU

Wir befinden uns am Donnerstagabend im Saal des HAU 1 und warten auf die Uraufführung eines dreistündigen Doppelabends, der sich aus dem Videoprojekt Portrait Series Battambang und dem anschließenden Konzert einer Rockband zusammensetzt, beides in Szene gesetzt von Michael Laub, einem mir bis dato unbekannten Performancekünstler.
Wir befinden uns am Beginn eines Themenschwerpunktes mit dem Titel Staging Cambodia. Video, Memory & Rock’n’Roll, den das HAU am vergangenen Wochenende ausrichtete. Neben einem zeitgenössischen Porträt Kambodschas, ein Land, das hierzulande laut Programmhefttext vor allem mit den Gräueltaten der Diktatur der Roten Khmer 1975-78 assoziiert werde, sollten mit Staging Cambodia Stränge der politischen wie kulturellen Geschichte Kambodschas nachvollzogen und die Bedeutung der Popkultur in Vergangenheit und Gegenwart ausgelotet werden.

male, female, giant, monkey*

Das kleine Festival wurde von Michael Laub kuratiert, der seit einigen Jahren regelmäßig in Kambodscha arbeitet. Dort kooperiert er insbesondere mit einer Non-Profit-Organisation in Battambang, die künstlerische und soziale Projekte zusammen mit der örtlichen Bevölkerung initiiert: die Phare Ponleu Selpak Association. Laub entwickelte in Battambang eine Reihe weiter, die er zuvor bereits am Wiener Burgtheater realisiert hat. Das Konzept ist simpel: Er schafft eine Form, in der sich Menschen auf einer Bühne vor einem Vorhang stehend -ganz privat- vorstellen. Die Möglichkeiten der Präsentation sind offen, ob sie etwas über sich erzählen, ihren Beruf pantomimisch darstellen, ein Lied singen, oder die Form als Vorsprechen für eine mögliche Filmrolle (miss?)verstehen.
In Battambang holte er vor allem Menschen aus dem nicht künstlerischen Kontext vor die Kamera – models, scavengers and a security guard, so der Untertitel. Aus seinem Material hat Laub eine 90-minütiges Video zusammengestellt, eine unkommentierte Reihung.
Dies ergibt zwar das Porträt einer traumatisierten Generation in Kambodscha, welche ihre teilweise bestürzenden Erfahrungen aus der Zeit der Roten Khmer, oder aus einem von Armut und Krankheit geprägten Lebensalltag mitteilt. In der Informationsarmut des Videos wirken die Protagonist_innen allerdings ungeschützt und preisgegeben an ein aufgestülptes künstlerisches Projekt, in dem sie nicht wirklich zu Subjekten werden. Das freundliche Lachen im Zuschauerraum erweckt Befremden, wenn eine Frau vor der Kamera erzählt, sie träume davon Schauspielerin zu werden, und daraufhin eine traditionelle Rolle auf Khmer vorspricht. Der Blick von Laubs Kamera auf die Bevölkerung von Battambang ist verniedlichend und herablassend, und seine dezidiert unpolitische Haltung befremdlich.
Neben der Vorstellung seines eigenen Projekts holte Laub für das Wochenende eine Handvoll deutscher und kambodschanischer Künstler nach Berlin: den in Kambodscha ansässigen Dokumentarfilmer Marc Eberle, den bildenden Künstler Khvay Samnang, sowie die Rockband The Cambodian Space Project, die an diesem Wochenende gleich zweimal auf der Bühne des HAU 1 aufwartete und in mehrfacher Hinsicht das Herzstück des Wochenendes bildete.

Not easy Rock’n’Roll

Mit Covernummern und eigenen Kompositionen verkörpert The Cambodian Space Project einen stilistischen Mix aus 60ies-Rock’n’Roll und Khmer-Tradition, der sich in Musik, Bühnenoutfit und Besetzung bemerkbar macht. Die Band scheint eine hybride kambodschanische Gegenwartskultur zu verkörpern und knüpft an die lebendige, amerikanisch geprägte Musikszene im Kambodscha der 60er Jahre an (vermittelt durch US-amerikanische Radiostationen während des Vietnam-Kriegs!), die in den Jahren der Diktatur der Roten Khmer fast vollständig zum Stillstand gebracht wurde. 90 Prozent der Kunst- und Kulturschaffenden wurden offenbar in den dreieinhalb Jahren der Diktatur getötet.
Ein schönes Beispiel für das symbolische Anknüpfen der Band an westliche Popkultur ist ihre Interpretation von Nancy Sinatras Bang Bang, gesungen auf Khmer von der beeindruckenden Frontfrau Srey Channthy (unter dem Titel ‚Lady Killer / Prean Neary‘. Dieser und weitere Songs sind hier zu hören).

Ihre Einladung nach Berlin hat die Band dem Dokumentarfilmer Marc Eberle zu verdanken. Dieser hatte die Band vor vier Jahren in Phnom Penh entdeckt, er arbeitet momentan an einem Dokumentarfilm über sie. Eberle porträtiert die Band, fokussiert aber insbesondere die bewegte Lebensgeschichte von Channthy. Er begleitete sie aufs Land, wo sie in armen Verhältnissen aufwuchs, und den Verlust mehrerer Familienmitglieder zur Zeit der Roten Khmer erlebte, begleitete sie ins Krankenhaus zu ihrer kranken Mutter, begleitete sie auf ihre erste Auslandsreise, nach Hong Kong mit der Band. Bei einer etwas ungelenk moderierten (Margarita Tsomou) Veranstaltung am Freitagabend zeigte und kommentierte Eberle eigenes Filmmaterial, sowie historische Clips aus seinem Video-Archiv.
Eines machen die Filmausschnitte deutlich: Der Traum von der großen Karriere ist bei Srey Channthy not easy Rock’n“Roll (so auch einer ihrer Songtitel), sondern geprägt von ökonomischer und sozialer Verantwortung. Der Bandname The Cambodian Space Project ist Prinzip: Die Rockmusik steht für eine Fluchtmöglichkeit aus den realen Lebensverhältnissen, und zugleich für die Suche nach einer postkolonialen und postdiktatorischen kulturellen Identität.
Es war ein Moment ungemeiner Erleichterung, als Channthy am Ende dieses Gesprächs zusammen mit ihrem Übersetzer auf die Bühne des HAU 2 kam, und selbst frei davon erzählte, wie es für sie ist, ständig von diesem Filmemacher mit der langen Nase begleitet zu werden. Sie drehte die Situation einmal um, macht Eberle zum Objekt ihrer Anekdoten, und erzählte lustig und spannend – warum erst in den letzten fünf Minuten !?

ehrlich, noch ehrlicher ?

Michael Laub verwies in der Abschlussdiskussion am Sonntagnachmittag mehrfach darauf, er verfolge mit dem Festival keinerlei historisches, politisches oder humanitäres Interesse, und betonte hingegen ‚the totally accident nature of the whole project‘.
Diese Aussage mag zwar ehrlich sein. Ein Glaube an die heilende Wirkung von Kunst mag sich darin ausdrücken. Vor dem Hintergrund allerdings, dass Laub mit seinem Videobeitrag explizit von einer Gesellschaft erzählt, die mit den Traumata aus der Zeit der Diktatur der Roten Khmer und ihrem eigenen Wiederaufbau kämpft, und dabei Blickregime und hierarchische Strukturen unkommentiert wiederholt, erscheint seine Aussage erschreckend selbstgefällig und banal.
Das Festivalprogramm hatte angekündigt, eine Erforschung der verschiedenen Narrative, mit denen die Geschichte Kambodschas erzählt werden kann, zu versuchen. Dass eine solche Erforschung im künstlerischen Rahmen immer exemplarisch verlaufen muss, ist klar. Dennoch nährte Michael Laub in dieser Diskussion den Verdacht, bei der Zusammenstellung des Programms habe mehr Willkür und Netzwerk, als eine kluger kuratorischer Kopf gewaltet. Es wäre wahrscheinlich ehrlicher gewesen, das Festival nicht Staging Cambodia zu nennen, sondern stattdessen: Staging Michael Laub und Marc Eberle in Cambodia.

Das Festival Staging Cambodia lief vom 16.-19. Januar 2014 im HAU Berlin. Das Programm kann hier nachgelesen werden. Außerdem steht noch die aufschlussreiche Festivalzeitung mit Interviews etc. als pdf zum Download bereit.

* Antwort eines Teilnehmers der Portrait Series Battambang auf die Frage, welche Rollen er tanzen könne.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s