Artaud erinnert sich und träumt schlecht: „artaud.research“ / INVASOR im Ackerstadtpalast

Hier ist die Basis. Wer den Hinterhof des im vorvergangenen Jahr gerade noch glücklich vor der Räumung geretteten „Schokoladen“ in der Ackerstraße betritt und Kurs auf eine Baracke mit dem Schild „Ackerstadtpalast“ nimmt, ahnt, dass hier vieles ganz weit weg ist: Die rotgepolsterte Theaterabendwärme der Berliner Renommeebetriebe sowieso, aber allemal auch manch großzügig subventionsbedachte Eisbergspitze der freien Szene, deren durchgestylte Höchstprofessionalität sich hinter kaum einer Stadttheaterbühne verstecken müsste. „Ist ja wie nach der Wende“, murmelt denn auch verlässlich (und hörbar begeistert) jemand beim Blick auf den sagenhaft zugemüllten Hof, der im Schein rotgelber Lichterketten daliegt wie ein müder Ausflugsdampfer aus dem ideologischen Vorgestern. Das stimmt natürlich nicht, denn „nach der Wende“ war das hier alles noch „old school“-hausbesetzt  und die Vorgängerinstitution des heutigen Ackerstadtpalasts, das einigermaßen legendäre Orphtheater, aus dem von 2009 bis zu seiner Schließung 2012 das Theater im Schokohof (TISCH) hervorging, war an anderem Ort untergebracht. Namen wechseln meist nicht ohne Grund und Gründe spiegeln sich reichlich in den Fenstern der stuckverzierten Fassaden im kernsanierten Ackerstraßen-Kiez ringsum. Was als ein wenige Quadratmeter großes Überbleibsel der frühen 1990er-Jahre nostalgisch belächelt werden könnte, ist also in Wahrheit vielmehr eine andauernde, im Moment offenbar glimpflich verlaufende Selbstbehauptung gegen die feindliche Übernahme – wie zum Schutz eingehegt von Möbelresten und versprengt in der Gegend herumstehenden Waschbecken und Badewannen, den Dreck von Jahren an der weißen Keramik.

Im Barbereich findet sich eine kleine Schar von vielleicht dreißig Zuschauern ein. Man ist großenteils mittelalt, kommt vielfach alleine und möglicherweise aus der Nachbarschaft. Es wird energisch geraucht, während man den umständlich zusammengetackerten Programmzettel dreht und wendet. Unter dem Titel „artaud.research“ hat die Formation INVASOR einen Artaud-Abend in zwei Akten angekündigt: Ein erster Teil verspricht „Performative Komposition – Atemlose Stille Körper Schreie Pulsierendes Schweigen“, ein zweiter, den ich mir später leider erschöpft klemmen werde, Lesungen und Musik. Als mit entspannter zwanzigminütiger Verspätung die Tür zum Saal aufgeht, wird man – und das ist nun wirklich rührend – sehr freundlich darauf hingewiesen, dass die dort bereits dröhnende Musik schon zur Aufführung gehöre. Das Herz des Ackerstadtpalasts schlägt in einer Art besserem Schuppen, kaum größer als eine üppig dimensionierte Garage. Man sitzt dicht gedrängt auf einer kleinen Tribüne aus Holzbänken, der Bühnenraum ist kahl, ein Seil mit einer Schlinge hängt unheilkündend von der Decke. Großartig, wie stockfinster es hier drinnen noch ist, während andernorts beleuchtete Treppenstufen und grünlich schimmernde Notausgangsschilder den allzeit möglichen Ausstieg aus den Abgründen des Gezeigten suggerieren.

Zwei Darsteller, Mann und Frau, sitzen und stehen zu Beginn bereits an der Rückwand des Saals; beide nackt, mit Sonnenbrillen und beklebt mit schwarzen Streifen. Während die Frau zu stöhnen und minutenlang mit einem Gegenstand laut knallend auf den Tisch vor sich zu schlagen beginnt, verfällt der Mann unter einsetzendem Stroboskoplicht in krampfartiges Zittern. Artaud hatte in „Le Théâtre et son Double“ von den kleinen „Schocks“ gesprochen, die den müden Organen auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Theaters versetzt werden müssten. Hier melden sich die Eingeweide allerdings primär in Gestalt eines leichten, vom dauernden Lichtflackern hervorgerufenen Flauheitsgefühls – denn die vermeintlichen „Zumutungen“, deretwegen INVSASOR-Leiter Paul M. Waschkau vor anderthalb Jahren das entsetzte Intendantenveto und damit den Rauswurf am Würzburger Mainfranken Theater vorgelegt bekam, halten sich die nächste Stunde über doch in Grenzen. Zwar wird auch im Ackerstadtpalast – Vegard Vinge lässt grüßen – auf offener Bühne gepinkelt, allerdings züchtig abgewandt vom Publikum und sauber in einen scheppernden Blecheimer zielend. Es darf auch sehr theaterkonform geraucht (schiebermützencool und tief inhalierend), erbarmungswürdig gehustet und sehr bühnentauglich wilde Ekstase im Tanz vermittelt werden. Einen Selbstmörder bekommen wir zu sehen, der sich akrobatisch und wirklich sehr eindrucksvoll am eigenen Strick um den Hals wieder emporzieht (zu müde zum Leben, aber zu clever für den Tod) und mit einem geradezu klassischen Schlussmonolog Waschkaus („Ist das Leben eine Lösung?“) flackert der kurze Abend letztlich aus – auch, weil ein Bühnentechniker ihm zu verstehen gibt, dass man schon über der Zeit sei.

Man kann das bemüht finden oder – fein paternalistisch-versnobbt – „sympathisch“. Man kann aber auch staunen, wie hier durch grundsolides Theaterhandwerk beständig Bedeutung und Sinnhaftigkeit des Gezeigten angetäuscht, sogleich aber wieder eingeklammert oder verschoben werden. Die Wiedergabe eines Alptraums gibt es dort etwa, in der die Berichtende auf dem Schoß Waschkaus von vorne mit einem leeren Diaprojektor angeleuchtet wird. Bildet sich dort im Schattenwurf an der Wand nun das geträumte Monster, so furchterregend, „wie es das nur in Träumen gibt“? Natürlich nicht, aber doch sind hier versammelt: Licht – Schatten – Projektion (im vollen Wortsinn) – Alptraum. Dabei nun wohlmeinend von den „einfachsten Mitteln“ zu sprechen, weil der Projektor von einem Helfer am Bühnenrand gehalten wird, ginge vollständig ins Leere, denn gerade die Sichtbarmachung dieser Mittel ergänzt den Reichtum der Szene: Dass es ein angestaubter Diaprojektor – Träger halbverblichener Erinnerungen – ist, der jenes Licht wirft, in dem wir den Alptraum verbildlicht erwarten. In der Ablösung von Wort- und Bilderzählung aber entpuppt sich der „Alptraum“ in aller assoziativer Offenheit als Schatten dessen, was ohnehin hell und klar vor uns liegt: ein Mädchen auf dem Schoß eines Mannes. Schönes Theater der Grausamkeit hier, an der Basis.

Fortsetzungen des Artaud-Projekts am 10. Februar und 17. März.

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6 Gedanken zu “Artaud erinnert sich und träumt schlecht: „artaud.research“ / INVASOR im Ackerstadtpalast

  1. Bequemlichkeit ist sicher ein Indiz. Und wenn die Kraft zur Überwindung des inneren Schweinhundes schwindet. Daran sollten sich auch Künstler messen lassen. Rücksichtslose Reibung – also „Knochen zeigen“ – oder lieber bequemes Dabeisein.
    Für ein artaud/research weil Teil 2 nicht ganz so krass. Scharfe Hasslyrik mit Tanz und Totenschädel okay, jedoch ohne klaren Artaudbezug. Ausnahme das Schlusskonzert mit der israelischen Sängerin. Eine irre Stimme Artaudsätze zerdehnend. // hk

    • Danke für die Eindrücke vom zweiten Teil! Ich hatte schon bei der Ankündigung vermutet, dass es da wohl etwas loser zugehen würde.

  2. Das Aufregende am Mittelaltsein oder -werden ist ja: Man weiß nie genau, wann’s damit losgeht. Schrecklicher Gedanke: Muss ich mein „Wegklemmen“ wohlmöglich als Indikator nehmen, den Zenit gar schon unbemerkt überschritten zu haben? Man weiß es nicht. Aber den Artaud-Abend fand ich auch gut.

  3. STARKES ANKRATZEN AM ERNSTFALL ARTAUD! Hi, war auch da; bin mittelalt, na und? Und INVASOR sehr dankbar für diesen artaud/research. Sich rantraut an den Ernstfall Artaud. Schmerzliche Krassheiten in Zeitdehnungen ausspielt und nicht nur in leichten Gesten wegwischt. Und mit darstellerischer Kunst und im Scheitern Artaud sanft und philosophisch anbietet . Was mir neue Zugänge eröffnet hat, inspiriert, zum Staunen gebracht, Angst genommen. Bin mit dem Artikel als Einstiegsreflexion aber ganz d’accord. Dass „Kritiker“ sich nach der Performance erschöpft „wegklemmen“ musste, verstehe ich im Bezug zur Inszenierung eher positiv. // hellen k

    • First: Cooler Blogg. Und stark, dass er durch die Offszene schwimmt. Denn die wird auch durch Missachtung der Stadtmagazine und des Feuilletons zum Verschwinden gebracht.
      Second: Hätte mir vom stark erzählerischen Artikelautor schärfere Reflexionen zur Invasor-session gewünscht. Natürlich in Bezug zu Artauds Wirken und Schaffen. Dass „Pinkeln“ bereits als Zitat daher kommen soll, großer Zweifel, denn „Mann pinkelt auf Artaud“. Ist ne Aussage, finde ich und konterkariert die Ikone. Ebenso das minutenlange Husten oder die Traktierung der Schreibmaschine durch Performer Waschkau. Hielt Artaud nicht alles Geschriebene für Schweinerei? Okay, natürlich auch Schwaches, der Performance fehlte hier und da der Schliff. Aber als ich später hörte – nur 2 Tage zusammen geprobt –dachte ich: Wooohhh. So etwas Starkes – und Sanftes wie der Traum in diesem herrlichen Licht – kriegt man nur mit existenzieller Hingabe für die Sache hin. Grüße vom igorius

      • Danke für das Lob – das freut hier sicherlich alle sehr!
        Kurz zur Manöverkritik: Natürlich hätte ich noch stärker direkt an Artaud andocken, möglicherweise sogar biographisch werden können. Wobei ich mir, am Rande gesagt, gar nicht sicher wäre, ob der Mann mit der Schiebermütze nicht doch am ehesten Artaud selbst ähneln sollte, also folglich vielmehr gelten müsste: Artaud pinkelt auf das Theater (bzw. in den Eimer, der auf der Bühne,… – Sie wissen schon). Auf Artaud wird ja auch eigentlich nirgendwo mehr gepinkelt: Artaud ist Daddy (frei nach Meese).
        Ich habe aber grundsätzlich das Gefühl, dass eine direkt analogisierende Rückkopplung im Sinne von „x auf der Bühne = y bei / für Artaud“ dem Artaud’schen Theater in Wahrheit so ziemlich das Fernste sein dürfte. Es wäre dahingehend die Frage, ob man den Abend als „research“ über Artaud oder aber „research“ angeleitet / informiert / ergänzt durch Artaud betrachten will. Wäre ja beides völlig legitim und denkbar, ich selbst habe ihn aber intuitiv als Letzteres aufgefasst. Dann allerdings habe ich da auf der Bühne vor allem zunächst Körper und sich permanent neu formierende mögliche Deutungsangebote. Ich komme da automatisch erst einmal ins Beschreiben und ja, wenn Sie so wollen, auch ins Erzählen. Beste Grüße!

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