Persönlicher Einsatz: ‚Hieu. Liebe deine Eltern‘ im Ballhaus Ost

Ich stelle mir vor, mein Vorname hätte eine Bedeutung. Ich stelle mir vor, er bedeutet: Dankbarkeit, oder genauer: Dankbarkeit gegenüber den Eltern. Wann immer jemand meinen Namen ausspräche, meine Eltern wären mit angesprochen. Meine Eltern wären dann immer bei mir. So geht es Hoang Duc Hieu, dem Performer eines sehr persönlichen Stückes, das am 5. Dezember in der dritten Etage des Ballhaus Ost Premiere hatte. Seine Eltern wollten ihn eigentlich Binh nennen, das bedeutet auf vietnamesisch Frieden, erklärt Hieu zu Beginn des Stückes. Doch sein Vater habe eingewendet, das Leben von jemandem, der Binh heißt, verlaufe so: Er zeichnet mit dem Finger eine flache horizontale Linie in die Luft. Daher fiel die Wahl auf Hieu. Bei diesem Namen geht die Bewegung seines Fingers steil nach oben. In Vietnam bringen die Eltern mit der Namensgebung offenbar ihre Wünsche und Hoffnungen für den Lebensweg des Kindes zum Ausdruck.

Die Performance Hieu. Liebe deine Eltern kreist um Hoang Duc Hieu (Kollektiv Cobrahieu.cobra). Er hat dem Abend seinen Vornamen als Stücktitel geliehen, auf dem Flyer ist ein Kinderfoto von ihm zu sehen, außerdem steht er als Performer auf der Bühne. Zusammen mit dem Kollektiv Warrug (Regisseur Tilman Meckel und Dramaturgin Nicole Thomas) hat er ein Stück entwickelt, welches entlang seiner persönlichen Familiengeschichte die emotionale Verflochtenheit zwischen Eltern und Sohn untersucht. Eine Familienaufstellung verspricht der Untertitel gewagt. Die Geschichte von Hieu und seinen Eltern ist geprägt von deren Migration von Hanoi nach Berlin vor 20 Jahren, als Hieu 7 Jahre alt war. Diese Thematik scheint für das Regie-Duo nicht im Zentrum zu stehen, sondern bildet vielmehr den Kontext für eine allgemeinere Auseinandersetzung mit dem Konstrukt Familie. Abgrenzung und Dankbarkeit, frühere Wut und spätere Milde werden collagenartig in szenische Ideen gefasst.

Worte sind nicht genug

Eine besonders gute Idee ist, dass außer Hieu noch eine zweite Person auf der Bühne zu sehen ist: Liliya Chikova, eine junge Frau, die professionell Rhythmische Sportgymnastik betreibt. Hieus Geschichte wird mit Einschüben verwoben, in denen sie von ihrem harten Trainingsalltag und ihrer Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2010 in Moskau berichtet, und zudem performt sie natürlich eindrucksvoll, mit Einsatz von Körper und bunten Bändern. Das Bühnenbild (Nora Neuhaus) greift die sportliche Ästhetik auf: Turnboden, Turnringe und Schaumstoffelemente lassen den Bühnenraum an eine Turnhalle erinnern. Auch Hieu ist in der Performance sportlich: Nach einem Aufwärmprogramm, bei dem Chikova als Trainerin agiert, erscheint die gesamte Performance als eine Abfolge von sportlichen Übungen. Die Elemente des Bühnenbildes kommen dabei spielerisch zum Einsatz. Ob Hieu von der Angst seiner Mutter berichtet, wenn er als Jugendlicher in die Disko ging, von den Schlägen seines Vaters, oder davon, dass seine Mutter ihn kritisierte, weil er im Dong Xuan Center in Lichtenberg Reis kaufte (wobei stets offen bleibt, ob es sich um reale oder fiktive Erzählungen handelt) – Hieu muss sich körperlich abmühen.
Der sportliche Parcours dient hier als Parabel für die angekündigte Familienaufstellung: Worte genügen offenbar nicht; körperlicher Aufwand ist nötig!

Hieu als Sisyphus

Diese Setzung, den jungen Mann Hieu, der an den Erwartungen seines Vornamens nur scheitern kann, neben einer Leistungssportlerin zu zeigen, für die (Selbst)Disziplin seit frühesten Kindertagen natürlich ist, ist stark. Gegen Ende übernimmt Chikova zunehmend die symbolische Rolle einer Psychoanalystin, die dem Performer beispielsweise Stichworte wie ‚Angst‘ oder ‚Allein‘ zuruft, an denen er sich in einer sportlichen und mentalen Übung abarbeiten muss. Hieu läuft in dem tiefen, aber kleinen Bühnenraum schneller werdend im Kreis, und ruft währenddessen repetitiv und immer verzweifelter den jeweils nur leicht variierten Satzbaustein: ‚Meine Mutter ist immer allein. Ich bin immer allein. Mein Sohn spielt auch schon immer allein. Kann man das irgendwie stoppen?‘
Dieser Hieu als Sisyphus der Familie ist ein berührendes Bild für einen familiären Kreislauf, in dem sich Konflikte wiederholen und in dem man seinen Eltern immer ähnlicher wird, ob man will oder nicht.
Doch funktioniert die performative Gestaltung dieses Abend allzu oft über die simple metaphorische Übertragung eines Zustands; das Stück droht daher in thematische Nummern zu zerfallen.

Happy Ending?

Vor allem das Résumé, das sich Hieu im letzten Bild, mit seinen Turngeräten buchstäblich ringend (siehe Foto), abringt (ebenda), ist wohl ein allzu einfacher Abschluss seiner psychischen Reise: Er habe nun gelernt, so Hieu, seine Eltern als eigenständige Menschen zu akzeptieren. Die gewählte (und etwas gewollte) Form der Familienaufstellung scheint somit erfolgreich abgeschlossen, was schade ist, da ja gerade die Ausdauer von familiären Strukturen innerhalb der Familie zuvor so treffend ausgestellt wurde.
Es fällt schwer, ein Performanceprojekt, das den Vornamen im Titel und das Kinderfoto auf dem Flyer trägt, nach gängigen Maßstäben zu kritisieren. Warrug und Cobrahieu.cobra haben eine persönliche Arbeit geschaffen, die, wenn auch etwas über-ästhetisierend, interessante Fragen an die sogenannte Keimzelle der Gesellschaft stellt. Vielleicht kann man sagen: Hier wie dort ist Milde am Platz.

Weitere Vorstellungen am 23. / 24. / 25. Januar um jeweils 20 Uhr.

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