Berliner Theater-Blogs: Ganz viele Gründe, sich im Netz zu verirren und dann ins Theater zu gehen.

Blogs sind unverzichtbar. Wie hätte man sonst beispielsweise Zugang zu detailverliebten Fotostrecken mit Essen auf einem Hundekopf? Von solch einem sinnlichen Output im vergleichsweise simplen Format sind viele Theater-Blogs noch weit entfernt. Sie haben außerdem gegen einen schlechten Ruf zu kämpfen (Schludrigkeit, Unberechenbarkeit), werden von denen, die Theater machen, wegen ihrer Gehässigkeit verabscheut, bzw. kämpfen dagegen an, überhaupt keinen Ruf zu haben. Aber es gibt sie. Und sie füllen Lücken in der Dokumentation und Kritik von Theater. Sei es, weil sie über Aufführungen berichten, die sonst niemand renzensiert oder weil sie in anderen Sprachen schreiben, sei es, weil sie der zum Großteil apolitischen Theaterkritik in den etablierten Medien kritisches Handwerkszeug entgegenzusetzen vermögen oder weil sie sich einfach trauen und es sich leisten können, einen anderen Ton anzuschlagen, der nicht nach 19. Jahrhundert klingt. Ein paar Gründe für eine Liste anderer Blogs, die auch über die Berliner Theaterszene schreiben, ohne Garantie auf Vollständigkeit:

Die Großen und die Kleinen

Nachtkritik.de ist kein Blog! erklärt Georg Kasch in einem Artikel über Theaterblogs (lesen!) mit dem etwas rätselhaften Titel „Sie umarmen das Internet“, in dem eine Auswahl von Blogs präsentiert wird, in drei Kategorien geordnet: 1.) Blogs von Theatermachern, 2.) Blogs von Theatern bzw. Festivals, 3.) Blogs von (Hobby-)Kritikern. Hier soll es vor allem um letztere gehen, denen Georg Kasch verstockte Aufgeräumtheit vorwirft, da auf Theaterkritik-Blogs meist „noch der gepflegte Ton des Foyergesprächs“ herrsche.

Auf berliner-theaterkritiken.de geht es mit reduziertem Design und ohne Schnickschnack tatsächlich sehr aufgeräumt zu. Erstaunlich ist allerdings die geographische Eingrenzung: Besprochen wird Theater „rund um Berlin, Bremen und Oldenburg“, zuletzt „Othello“ am DT und an der Schaubühne. Nur um Berlin und (leider) nur um die großen Bühnen geht’s auf dem mitlerweile zwei Jahre alten Kritik-Blog von Magdalena Sporkmann, die gleichzeitig einen Fotografie-Blog betreibt, aber kaum Theaterfotos postet, ganz im Gegensatz zu Maren Vergiels auf ihrem Blog TheaterBlick. Die bilderreichen und humorvollen Beiträge sind allerdings schon ein bisschen älter.

Einzelkämpfer

Bewundernswert viel und ausdauernd bloggt Sascha Krieger in Englisch und Deutsch auf Stagescreen, zuletzt über klassische Konzerte. Nicht weniger fleißig, dafür zitatverliebter bloggt Stefan Bock auf dem Blog Theater-Nachtgedanken. Die Beiträge von beiden sind premierennah und lesenswert, allerdings bleibt’s meist bei Abenden, die auch anderswo rezensiert werden. Anja Roehl bespricht auf ihrem Blog auch Theaterkapelle, Grips-Theater oder Heimathafen. Über Boulevard und Kabarett berichtet unregelmäßig und anscheinend eher wahllos der Blog des Hotel Astoria

Offene Plattformen?

Eine Kulturkritik-Plattform nach youtube-Prinzip stellt Livekritik dar. Jede_r kann sich registrieren und Kritiken schreiben. Man fühlt sich aber ein bisschen wie im Discount-Supermarkt, ohne Übersichtlichkeit und ohne Charme. Eine viel attraktivere Umsetzung desselben Prinzips bot ArtiBerlin, ein von Sonja Laaser initiiertes Online-Magazin, das aber inzwischen komplett nach Leipzig umgezogen zu sein scheint. Theaterblogs ist eine weitere Plattform, die einen Überblick über verschiedene Blogs bietet, allerdings kaum mit Berlin-Bezug. Ausnahme ist der Blog von Sören Fenner, der sich mit Arbeitsbedingungen in der Freien Szene beschäftig. Sören Fenner ist u.a. Gründer von theaterjobs.de.

Tanz in Berlin

Was Tanz angeht, ist das Angebot deutlich beschränkter: An erster Stelle mit großem Ausrufezeichen kommt für mich der Tanzpresse-Blog, die im Team kundige und interessante Kritiken schreiben und Lücken füllen, die Tanz-Zeitschrift und Tanznetz offen lassen. Auf tanzforumberlin.de kann man Unmengen von Tanz-Trailern zu aktuellen Berliner Inszenierungen sehen (einschließlich der inflationären Festivals), die gekonnt gedreht sind, aber leider ohne Beschreibung auskommen müssen. Großes Plus sind die Interviews mit Kunstschaffenden.

Die Reflektion, die im Mainstream fehlt

Insgesamt scheinen Theaterkritiker_innen wenn sie für Print-Medien schreiben, meist politisches Vokabular zu meiden, um nicht „tendenziös“ zu wirken. Vielleicht wäre das zu viel verlangt, vielleicht auch nicht. In jedem Fall offenbart sich hier ein Schlupfloch für Blogs. So ist es das Verdienst von Bühnenwatch, dass das Thema Blackfacing und in diesem Zusammenhang Rassismus an deutschen Theatern überhaupt auf den Plan der Berichterstattung gelangte. Die rassistische Praxis des „Blackfacing“, bei der weiße Schauspieler_innen schwarz angemalt werden, hat jahrelang niemanden unter den weißen Theaterkritiker_innen in Deutschland gestört. Nach klugen Blogbeiträgen, Aktionen und Diskussionsveranstaltungen von Bühnenwatch folgten dann plötzlich die Positionierungen von allen Seiten. Dass viele Theaterschaffende sich mitnichten von der unsäglichen „Blackfacing“-Tradition lossagen wollen, wie u.a. beim letzten Theatertreffen deutlich wurde, zeigt: Es steht noch eine Menge Arbeit an.

Kritisch und mit elegantem Sarkasmus setzt sich Eva Perla auf milchmaedchenmonolog.de mit Theater auseinander, ein weiterer Blog in dieser Liste, hinter den, wie ich finde, ein Ausrufezeichen gehört. Kareth Schaffer and Julek Kreutzer, zwei Performerinnen, verfolgen mit artistpledge, ich zitiere, drei Ziele: 1.) individuelles Bewusstsein für die eigenen Arbeitsbedingungen, 2.) szenebezogene Wertschätzung für die Arbeit von Tänzer_innen und 3.) […] gesellschaftliches Verständnis für die Forderungen der freien Szene. Um Politik und Theater geht es ebenso auf dem Blog postdramatiker.de von Ulf Schmidt, mit spannenden Essai-Texten und einem kritischen und eloquenten Blick auf den Kultur(-journalismus)-Betrieb und das Netz. Capakaum und Kulturblog sind zwei weitere Beispiele für auf Berlin bezogene und theateraffine Feuilleton-Blogs.

Vernetzung = Lesen

Also: Kultur-Bloggen, das zeigt diese Liste, ist weder Selbstzweck noch eitle, opportunistische Meinungsmache von ein paar Profilierungssüchtigen. Es liegt wohl in der Sache, ein gewisses Maß an Schrott zu produzieren. Das wird aber wettgemacht durch eine ganze Zahl von Alleinstellungsmerkmalen. Am Ende von Georg Kaschs zitiertem Nachtkritik-Artikel über Blogs taucht schließlich die Frage nach der Vernetzung der Blogs untereinander auf. Viel scheint hier noch nicht passiert zu sein. Mehr von einander zu lesen, ist aber ein erster Schritt in diese Richtung. Voilà die Einladung.

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4 Gedanken zu “Berliner Theater-Blogs: Ganz viele Gründe, sich im Netz zu verirren und dann ins Theater zu gehen.

  1. Hallo Clemens,
    sehr schöne Zusammenstellung! Schade natürlich, dass livekritik.de nicht so gut wegkommt… Eine Bitte hätten wir aber: Könntest Du direkt auf unsere Hauptseite verlinken und nicht auf unseren Partner von Kultura Extra? Nicht, dass es da zu Missverständnissen kommt…
    Schöne Grüße!

    • …da hab ich mich aber in die Nesseln gesetzt. Das ändere ich natürlich sofort und ergänze auch noch mal die Beschreibung. Der Zusammenhang von kultura und livekritik war mir nicht ganz klar. Das ist aber vielleicht einer der Gründe, warum ich bei livekritik.de von Anfang ein bisschen gefremdelt hab: Man wird nicht gerade an die Hand genommen, man weiß nicht so genau, wer schreibt da eigentlich, was wollen die Leute, die da schreiben, wie ist das geographisch und genre-mäßig eingegrenzt (Boulevard-, Kabarett-, Performance-, Amateur-Theater etc.), in welchem Zusammenhang stehen die mit anderen Seiten… und dazu kommen noch die Werbe-Anzeigen (die Euch gegönnt seien, die aber im Gegensatz z.B. zur Werbung auf nachtkritik.de nicht unbedingt mit Theater zu tun haben). Daher mein distanziertes Urteil, das gleichzeitig zeigt, dass ich mich noch nicht genug bei Euch rumgetrieben habe.

      Beste Grüße zurück und nichts für ungut!

  2. Ich hoffe, dieser Artikel wird nicht als Anbiederungsversuch oder aber hochnäsige Bekrittelung missverstanden. Wir sitzen natürlich alle in einem Boot. Ich habe eher versucht, mir ein bisschen Überblick zu verschaffen und dachte mir am Ende: Warum sollte ich das nicht teilen? Was fehlt, sind die englisch- und französischsprachigen Blogs/Online-Magazine über Berliner Theater. Vielleicht wird daraus ja noch vor Jahresende ein ergänzender Artikel.

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