Langweilig ist gut – der „Stalker“ im HAU 2

Die Dunkelheit überfällt uns mit einem Donnergroll. Markerschütternd und minutenlang wummert sie und dröhnt. Dazu blechernes Ächzen – mal hier, mal da. Ganz plötzlich stockdunkel und so verdammt laut. Wer die Augen zusammenkneift, erspäht vielleicht doch etwas. Ganz hinten im Bühnenschwarz, ein riesiges Etwas, eine grosse Bewegung. Oder doch nicht? Man hat das Verlangen, nach vorne zu gehen, um nachzusehen – und schon beim Gedanken daran sträuben sich die Nackenhaare.

preisgekrönt

Ist das noch gutes Theater oder habe ich schon Angst? Am Donnerstag ging der „Stalker“ (Regie: Fredrik Hannestad), die preisgekrönte Theaterperformance (Hedda-Award 2013) von Verk Produksjoner aus Norwegen im HAU 2 über die Bühne. Sie war eines der Gastspiele des Nordwind-Festivals für die Künste der nordischen und baltischen Staaten, das noch bis zum 8. Dezember andauert.
Die installativen Elemente des Stücks waren wahrlich herausragend. Nun aber erstmal zur Story: Der 
„Stalker“ basiert auf dem gleichnamigen Kultfilm von Andrei Tarkovski. Das Werk aus dem Jahr 1979 ist ein Klassiker des sowjetischen Kinos wie auch des Science-Fiction-Genres. Der Film handelt von der sogenannten „Zone“ – ein weitläufiger, rätselhafter Unort. In der „Zone“ fällt allerlei Wunderliches vor, mysteriöse Erscheinungen, Ursachen unbekannt. Außerirdisches Leben? Meteoriteneinschlag? Niemand weiß es. Jedenfalls wurde die Zone ausgesiedelt, abgesperrt und unter schwere militärische Bewachung gestellt. Der Stalker, ein eigentümlicher Underground-Pfadfinder, lässt sich davon nicht abschrecken, und schmuggelt sich und zwei abenteuerlustige (?) Gäste in das unheimliche Set.

anekdotisch

Als Textvorlage dient „Stalker“ ein Zusammenschnitt aus Interviews mit Menschen, die sich erinnern, wie sie den sonderbaren russischen Science-Fiction-Epos damals erlebt haben. Der „Stalker“ stellte in den 80er und 90er-Jahren für viele ein wichtiges Ereignis dar – vor allem für jene Identitätssuchenden zwischen Teenie und Erwachsenwerden. Die Performances dieser Anekdoten-Collage (Saila Hyttinen, Anders Mossling, Håkon Mathias Vassvik, Solveig Laland Mohn) machen deutlich, dass viele sehen, um gesehen zu haben: „Must-Sees“ der Filmgeschichte, oft überfordernd, oft langweilig – wovon zu berichten, die Darsteller nicht müde werden.
Die meiste Zeit hocken sie auf der Kante der untiefen, hüfthohen Bühne, die dekoriert ist mit Stoffmustern im 80er- und 90er-Stil (Bühne und Kostüm: Signe Becker). Mit türkisem Lidschatten in wirrem Discolook: mal Leoparden-Leggins, mal grüne Gauklerschuhe, zweimal Paillettengürtel, einmal Tütü. So erzählen sie und erzählen, von endlos langen Szenen, von der Leere und Stille, vom Kampf mit sich selbst gegen die Schwerkraft der Augenlider: „Weil ich so unglaublich bewegt war! Hier geht’s um’s Nichtaufgeben, gottverdammt.“
Das Schauspiel ist das schwache Glied des Abends. Die Palette an Karikatur ist groß – und so durchgehend und systematisch überfärbt, dass wohl Regieanweisungen dahinterstecken. Ob dies als Persiflage auf die Wichtigtuer verstanden werden will, jene, die immer wissen, was man einfach gesehen haben muss? Wahrscheinlich. Die schmerzhaft-weit aufgerissenen Augen, die absurden Wellengänge der Lider, die zugespitzten Münder und pseudo-heroischen Gesten – sie alle schießen aber übers Ziel hinaus. Die Darsteller scheinen, wie kleine Kinder wirken zu wollen, die mit euphorischem Ernst etwas komplett Belangloses erzählen – und kein Schwein interessiert’s.

wortlos

Es sind die zwischengeschalteten installativen Elemente, die den „Stalker“ so sehenswert machen. Sie sind grandios! Zum einen der erwähnte Donnergroll (Ton: Per Platou), der damit endet, dass sich der vermeintlich gewaltig stoffschwere Opernvorhang zu einem riesenhaften Etwas aufbläht. Oder jene Szene, in der ein aus dem Hintergrund aufgetauchtes geflügeltes Fabelwesen einen Reif mit silbernem Glimmer über ein zur Decke gerichtetes Blasrohr und den gleich ausgerichteten Lichtspot hält (Licht: Tilo Hahn). Dieses amöbische Glimmergebilde funkelt ergreifend schön, dazu Vogelgezwitscher und Grillengezirpe. Und während das Licht ganz langsam, fast unmerklich, abblendet, flackert es immer wärmer – bald golden, immer zarter und noch schöner, bis es schließlich ganz verschwindet.
Es mag sein, dass die Beurteilung des Schauspiels hier unverhältnismäßig stark in eine Richtung zielt. Doch das entscheidende Grundgefühl des „Stalker“ vermittleln die wortlosen Momenten. Oder wie’s im Stücktext heisst: „Die Langeweile ist ein gutes Gefühl. Sie beinhaltet eine Art Bereitschaft. Offen und bereit, dass etwas passiert.“

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3 Gedanken zu “Langweilig ist gut – der „Stalker“ im HAU 2

  1. Lieber Anton,
    vielen Dank für deinen Kommentar!
    Ja, meinen Geschmack hat das Schauspiel wahrlich verfehlt – aber eben, das ist mein persönliches Empfinden.
    Die zeitlichen Referenzen haben sie mitunter schön gezeichnet – das finde ich auch und kommt hier zu kurz. Aber: mir zu vorhersehbar, zu plakativ. Wie der „Cappuccino“ – gewiß witzig, aber (für meinen Geschmack) zu viel Klamauk.
    Dennoch: absolut sehenswert, und bestimmt nicht zu Unrecht preisgekrönt!
    Lieber Gruss, Beni

  2. spannend zu lesen, dass du in STALKER ganz andere Dinge gesehen hast bzw. anders bewertet hast als ich – aber das spricht ja eindeutig für STALKER: Mehrdeutigkeit! Ich fand z.B. überhaupt nicht, dass das Schauspiel „das schwache Glied des Abends“ war und ich habe STALKER auch nicht als „Persiflage auf diese Wichtigtuer“ verstanden – ich habe es eher so gelesen, dass STALKER versucht „entscheidende prägende Momente einer – was auch immer: Generation, Zeit, Epoche, Gesellschaft – zu benennen oder zumindest einzukreisen: das Ende des Real-Sozialismus in den 90ern, die futuristischen Utopien der 70er, die Nachwehen von Punk, den hedonistischen kalten Wind der 80er („Cappuccino!“)… oder konkreter zu benennende Einflüsse wie David Lynch, Bourgess oder eben der namensgebende Kultfilm „STALKER“ von Andrei Tarkovski von 1979.“ Mehr unter: http://anton.theaterblogs.de/?p=514

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