Horror vacui – „Titus Andronicus“ auf der Probe der Volksbühne

Titus Andronicus ist ein antipsychologisches Stück. Nicht im programmatischen Sinne, sondern in dem einfach materiellen, dass jeglicher psyché (griechisch: Atem) hier in kurzen Takten die Gurgel durchgeschnitten wird. Darin bietet es sich an – und wohl nur dazu, wenn man am Text bleibt wie Sebastian Klink in der aktuellen Inszenierung auf der Probebühne der Volksbühne – für dionysisches Gemetzel, für permanente Lautstärke und den Wunsch, endlich einmal die ganze Bandbreite an Kunstbluteffekten in einen Abend zu stopfen. Demnach ist dem großartigen Satz aus dem Progammtext, der „Staub der Jahrhunderte über diesem Stück“ verfliege „bei der ersten Inhaltsangabe“ wenig hinzuzufügen.

Dass dabei ein „seltenes ästhetisches Niveau“ erklommen wird, ist sogar richtig, denn Klink die Inszenierung läuft konsequent, ohne Glättung und mit direkter Energie. Auf weißer T-Plattform vor übergroßer Leinwand beschreien, begrapschen und ermorden sich die angehenden Profis von der Ernst-Busch in weißen Bodys und Schminke und spielen sich dabei anfänglich so in Rage, dass die Rechnung aufgeht. Diese ist die gleiche wie im Zombiefilm: unhinterfragbare Präsenz von Gewalt. Das ist so einfach und platt, dass die Persiflage von selbst entsteht, gerade weil durch die Rotation der Rollen noch nicht einmal Identifikation mit der Paranoia ermöglicht wird. So bleibt zwar der Horror aus, aber der Eindruck unterhält, wie möglichst pseudorealistische Enthauptungen auf der Bühne aussehen, fehlt es an nichts.

Das erschreckend einfache daran ist aber natürlich auch sein großes Manko, denn nach einer halben Stunde hat sich der Effekt einigermaßen ausgespielt. Ab diesem Punkt ist die Erkenntnis, einem inhaltlich hohlen Splatterplot zu folgen, dann geradezu bedrängend. Opulenz ist eben auch Horror vacui und Vermeiden des Zweifelhaften. Denn offensichtlich wird vermieden, die Frage nach der Gewalt einmal so zu konfontieren, wie sie hier schließlich mit der maßlosen Verstümmelung von Titus‘ Tocher Lavinia und dem schwarzen Sklaven Aaron als Rächer auch jenseits von Splatter zutage tritt, nämlich als politisches Phänomen. Klink hätte sicher nicht „Fall of Rome“ bemühen müssen, um hier weniger stumm zu bleiben.

PS: Zu letzterem sei auf Esther Slevogts sieben Jahre alter Rezension von Gotscheffs Inszenierung des Müllerkommentars zu Titus verwiesen http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=746&Itemid=0

Nächste Vorstellungen am 4., 5. und 6.12.13 um jeweils 19:00 Uhr

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Ein Gedanke zu “Horror vacui – „Titus Andronicus“ auf der Probe der Volksbühne

  1. Ein paar weitere Kritiken zu dem Abend, die ich entdeckt habe:

    „Wirklich schön war nur das Kostüm Lavinias“ urteilt Nikolaus Stein harsch auf dem Müncher Theater-Blog „Theater to go“: http://theatertogo.wordpress.com/2013/11/11/titus-andronicus-volksbuhne-am-rosa-luxemburg-platz-probebuhne/

    „Mordsspaß“ aber viel zu oft eine Unterforderung des Publikums findet Sascha Krieger auf seinem Blog „stagescreen“: http://stagescreen.wordpress.com/2013/11/07/ein-mordsspas/

    Fabien Wallner resümiert im Kurz-Check bei RBB-online, die Regie sei unentschlossen, das Stück aber ein Fest für die Schauspieler: http://www.rbb-online.de/kultur/premieren/kurz-checks/spielzeit-2013-2014/volksbuehne/titus-andronicus.html

    „Fassungslose Heiterkeit“ hat Delia Friess bei den Zuschauern für die „Junge Welt“ beobachtet: http://www.jungewelt.de/2013/11-08/015.php

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