Ich bin im Himmel und ich bin allein! – “4:3″ zum Abschluss des No Limits-Festivals

Foto: Only The Best

Das Theaterkollektiv Tibaldus en andere hoeren (dt. Tibaldus und andere Huren) und das Theater Stap aus Belgien zeigten „4:3“ zum Abschluss des No Limits-Festivals

Muttergott trägt Gesundheitsschuhe, Bundfaltenhose und einen Wollpulli mit Teddybär drauf. Schwer atmend steht Nancy Schellekens auf der Bühne. Sie ist „Muttergott“, die Übermutter, Mutter aller Menschen. Eine dicke, kleine Spießerin mit Fransenhaar, Lesebrille, Ohrring-Plunder und Plastikdiadem. „Ich bin im Himmel und ich bin allein“ sagt sie und keucht.

„4:3“ ist eine Ansammlung von Götter-Geschichten: Die Götter erzählen, tanzen und singen, mal klar und deutlich, mal unverständlich, wer sie sind und was sie tun. Der Mensch hat es dem Muttergott besonders angetan. „Schöner, wunderschöner Mensch“: das schönste aller Wesen, ein Wunder, ein Held. A propos schön: Der Gott der Schönheit (Guy Dirken) ist ein Vogelmensch – Vogel, weil er zwei grosse Federn schwingt – eine rot, eine pink – lächerlich. „Ich werde für euch singen und tanzen“, nervt er den Muttergott verheißungsvoll. Sein Tanz: ein träges Auf und Ab seiner erbärmlichen Federn, sein Gesang: ein Pfeifen ohne Ton.

Ungreifbar göttlich

Es stellt sich jetzt schamlos der Gott des Todes (Luc Loots) neben Muttergott. Seine Liebe ist kompliziert, so der Erzähler (Jan Goris). Vater Tod kommentiert lakonisch: „Hab keine Angst. Ich bin nur gekommen, um neben dir zu stehen.“ Er lacht und geht ab. Besonders bemerkenswert dann sein Tanz mit dem Menschen (Hans Mortelmans). Schlicht, einfach und sehr ausdrucksstark, wie sich die beiden Körper mal im Gleichschritt bewegen, mal abreiben, mal wegschleudern, blind aneinander drehen, wälzen und umarmen, mal singen und schreien. Eine Amor Fou!

Die Darsteller vom Theater Stap (neben den bereits genannten An Dockx, Seppe Fourneau, Jason Van Laere, Luc Loots, Rik Van Raak, Marc Wagemans) spielen ihre Götterfiguren so menschlich, dass wir sie alle zu verstehen glauben. Dennoch bleiben ihre Geschichten oft entrückt und verwirrend, verschleiert und darum ungreifbar göttlich. Unspektakuläre Götter, unauffällig und uneingebildet. Unter keinem Kostüm oder Make-up versteckt, keineswegs dekoriert  und nur flüchtig ausgeleuchtet. Im Zweifelsfall weglassen und nur das Wichtigste erzählen, so scheint hier das Credo.

Unaufdringliche Komödie

Tibaldus en andere hören (Timeau De Keyser, Hans Mortelmans, Simon De Winne) dampfen Komplexität ein, bis man sie versteht und schreiben so ihre eigene Geschichte – „repräsentatitititive Eindrücke unserer Mythologie“… Und weil sie Geschichten erzählen und keine letzten Wahrheiten, wird viel improvisiert. Nicht nur im Spiel freilich, sondern durch die gesamte Inszenierung hindurch. Die Szenen werden beispielsweise von den Schauspielern selbst belichtet, mit tragbaren Theaterscheinwerfern. Sie verengen das Stück auf Ausschnitte und zeigen nur das, was sie zeigen wollen.

„4:3“ spricht eine extrahierte Theatersprache. Rituell, fast skulptural – sehr unaufdringlich wirkt das, nicht gehetzt, nicht bemüht oder gar anbiedernd.  Nicht zum Schwank verheizt, einfach, ungeschminkt, ein wenig entrückt und leicht verschleiert – nur knapp greifbar statt wie so oft aufgezwungen. Heisst: Keine Materialschlacht, keine verfratzte Pantominik, nix – nur das Wichtigste wird erzählt, destilliert, nüchtern. Und dann noch lustig – unaufdringlicher Klamauk! Tibaldus lässt seinem Schauspiel genügend Raum und alle Zeit der Welt – was dem Stap-Ensemble besonders zu passen scheint. Das Bühnenresultat ist jedenfalls sehr ausgewogenes Theater: langsam, physisch und wohltuend unverkopft – eine Pause für Kopf und Herz.

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