Zum Abschuss freigegeben – Theater Thikwa mit „Vogelfrei“ beim NO LIMITS

Foto David Baltzer

Aus dem Off eine Stimme. Sie gibt Feldpositionen vor: „3B“, „5A“, „2 grün“, „9A“, „-3“. Bestimmend führt sie ihre Spielfiguren und gibt die Bewegungen vor. Höhnisch lacht sie über die Figuren, wird herrisch, sobald sie das Kommando über die Gruppe zu verlieren scheint: „RUHE!“ Kurze Stille tritt ein, bis aus der Gruppe jemand beginnt mit dem Hocker über das graue Karree der Bühne zu rutschen und die anderen ihm folgen.

Aufstand des Proletariats?

An Lesarten mangelt es nicht, mit denen die neue Produktion des integrativen Berliner Theater Thikwa „Vogelfrei“ aufwartet. In den schwarzen Hosen, grauen Oberteilen und rosa Schuhen huschen sie wie Mäuse über die Bühne. Mäuse, die sich ein riesengroßes Schinkenstück wünschen, um zu einem Stier, einem Helden heranzuwachsen, damit es auch mal der Katze schlecht erginge.  Oder politisch gesehen: Sind es Uniformen der grauen Masse, die sich immer wieder zu einem Chor formieren, um gegen die autoritäre Stimme den Aufstand des Proletariats zu proben? Eine Masse, die wiederum meist einem Impulsgeber folgt, sich aber auch gerne dem Individualismus hingibt? Wobei auch hier das Individuum ihr Verhaltensmuster wiederholt und wie ein Gefangenes in der eigenen Welt wirkt. Die eine kauert am Boden, ein anderer misst laufend den Bühnenrand ab, noch einer versucht sich Gehör zu verschaffen, indem er auf einen Hocker steigt: „Alles hört auf mein Kommando.“ Aber niemand hört ihn.

Ein Hörspiel zum Sehen

Was es zu hören gibt, sind Geräuschlandschaften, auf die es sich einzulassen gilt. Mit nassen Schnapsgläsern quaken. Mit einer Plastiktüte feuerknistern. Mit Mündern eine Symphonie klacken, blubbern, schnalzen, bloppen, schmatzen, glucksen. „Ein Hörstück zum Sehen“ verspricht der Untertitel zu „Vogelfrei“. Gleich zu Beginn ist Vogelgezwitscher zu hören, während die Schauspieler_innen Vogelhäuschen auf die Bühne tragen. Vogelhäuschen, ein doppeltes Sinnbild für Häuslichkeit und Gefangenschaft zugleich. Wie frei ist der Mensch? Wird er nicht wie Schachfiguren umhergeschoben und getrieben von höheren Instanzen? Wie ausgeliefert ist er wiederum den Naturgewalten, während er einen Baum bei Sturmgewitter sucht? Ist das Leben wirklich ein hoffnungsloses Katz und Maus Spiel? Bitterernst, wie die Mienen der Schauspieler_innen?

Kosmos der Sinneseindrücke

Bürsten streichen über ein Kissen; die sanfte Brandung des verebbenden Meeres dringt ans Ohr, während ein Sturm aufzuziehen droht. Ein leises Pfeifen, es zischt und beginnt zu brausen. Nein, es bleibt eine Meeresbrise. Immer wieder führen die Geräusche der Schauspieler_innen mit oder ohne Objekte einen fort, an einen Ort, der nur noch in der Vergangenheit existiert. In die Erinnerungen des Zuhörers. Die Idyllen und erschaffenen Welten im schummrigen Licht des Theater Thikwa/F40 sind manchmal klar erkennbar, aber oftmals wirken sie nur schattenhaft wie ein Traum nach, den das erste Licht des Tages bereits wieder verscheucht.

Die Vielzahl der Klang- und Seherlebnisse, die zusätzlich mit Text erweitert werden, scheinen oftmals konturlos zu verschwimmen. „Vogelfrei“ wirkt mitunter wie überfrachtetes Konzepttheater. Und obwohl das Stück ohne klare Dramaturgie auskommen muss, hält es eine atmosphärische Grundspannung bis zum Ende aufrecht. In „Vogelfrei“ lösen sich die Spielfiguren von der Off-Stimme, schaffen sich dann aber eine eigene Ordnung, auf die man sich als Zuschauer_in einlassen muss. Nur weiß man zeitweise nicht, was das jetzt für eine Geschichte ist, der man sehend lauscht. Muss ich nun zuhören oder zusehen? Muss ich zusehen und zuhören? Welche geheime Botschaft verbirgt sich hinter den gesprochenen Texten? Es drängt sich der Verdacht einer gewissen Willkür auf. „Vogelfrei“ weist in seiner symbolischen Dichte einen Kosmos der Sinneseindrücke auf, der im eigenen Konglomerat aus Wiederholungen und Variationen unterzugehen droht – was beim Verlassen des Theaters zu dem Gefühl führt, dass „Vogelfrei“ schneller vergessen sein könnte, als es einem lieb ist.

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