Im Meskalinrausch von Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit“

Foto Michael Bause

Ohne irgendwie das Bedürfnis zu verspüren, Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit!“ intellektualisieren zu wollen, gar zu müssen, fiel im kurzen Plausch mit Musiker Sébastien Alazet (deluxe!) der Name William Blake. Eigentlich benötigte ich dringend Hilfestellung, die Musik zu beschreiben. Gib mir ein Genre! Ich bekam Blake. Aber beginnen wir von vorne.

Gott benötigte sieben Tage, um die Welt zu erschaffen. Bruno Dumonts brauchte quälend langsame 148 Minuten, um vergebliches Hoffen in seinem preisgekrönten Film „L‘Humanité“ zu zeigen. Agathe Chion reichen 40 Minuten, um den Geist der Zuschauer_innen von beiden zu befreien.

Rotwein und Schokolade

Humanismus und Christentum. Engstirnig betrachtet nichts weiter als Worte, die eine Vorstellung davon bereithalten wie der Mensch sein soll. Im Körper sitzt das Böse, in der Seele das Gute. Seit Menschengedenken: Normativer Ordnungswahn.

Kerstin Grassmann (grandios! Rotwein Reserva, trocken) mit überdimensionierter Lametta-Bobfrisur gibt die Erzählerin und lässt den Wilden Jean-Benoît Ugeux (lieblich!) im weißen Lendenschurz seine ersten Worte sprechen. „Erzähl den Leuten was du von mir gelernt hast – auf Deutsch.“ Wiederholtes Ich-Gestammel bis es klappt: „Ich bin gesund.“ Norbert Müller (Weißweinschorle, spritzig) knipst angetan Fotos. Ugeux steigert sich zu „Ich kann gefallen.“ Was Grassmann lakonisch übersetzt mit: „Ich zeige mich von meiner Schokoladenseite.“ Die Sprache ist geboren, lasst die Schöpfungsgeschichte beginnen.

Klares und Diffuses

Packt man Theater an seinen Extremen, dann gibt es zwei Arten von Theater. Es gibt Theater, dass nichts verschweigt und geordnet vor einem liegt mit Text und Handlung, ohne dass sich dahinter noch eine tiefere Ebene befindet. Daher setzt man oft an, um darüber zu sinnieren und dem Gesehenen einen Mehrwert zu geben. Wie etwa „Qualitätskontrolle“ von Rimini Protokoll. „Qualitätskontrolle“ ist eine klare Arbeit. Sie verschweigt nichts, sie macht ihre Mittel sichtbar, sie macht ihre Leihen-Protagonistin zu etwas Realem. Darin besteht der Reiz. Im Glauben etwas Wirkliches zu sehen und dem nun beiwohnen zu können.

Es gibt aber auch Theater, bei dem ich mir die Frage stelle, ob ich das Ganze verstehen will. Muss ich Norbert Müller mit weißem Schnauz und unverständlicher Berliner Schnauze verstehen? Brauche ich seine Figur, den neuen deutsche Poeten Bruni Dumonti, damit ich erfassen und analysieren kann, was da vorne auf der Bühne passiert? Muss ich nun alles entwirren, was an diesem Abend bei Agathe Chions „Ich liebe dich du teure Freiheit!“ verknotet vor mir liegt und eigentlich nur die Genesis klar erkennen kann, der man sich andererseits nihilistisch verweigert im diffusen Nebel der Humanität.  Brauche ich William Blake dazu, der schon für Aldous Huxley und The Doors bewusstseinserweiternd war? Folge ihnen im Meskalinrausch?

Die Pforten der Wahrnehmung

„Ich liebe dich du teure Freiheit!“ erinnert an eine Manege ohne Sand. An eine Kuriositätenshow des Spätkapitalismus, an eine romantische Kabinenparty. An die Poesie in der Sprache, die Wirklichkeit im farbigen Schwarzweiß. In Agathe Chions Inszenierung will ich noch bevor der Vorhang aufgeht, dahinter schauen können. Tropical Synthie-Sound schlägt in bunten Lichtstrahlen durch den kleinen Saal im Ballhaus Ost. Gibt den Beat des Abends vor. Ein energiegeladenes Fest der Phantasie, dass näher an Wirklichkeit dran ist, als Theater der Kategorie Eins. Es gibt nichts zu erwarten, nur das Unerwartete. Das Erwartete kennen wir Zuschauer_innen.

Frei nach Blake, werden hier die Pforten der Wahrnehmung gereinigt und alles erscheint plötzlich, wie es ist: unendlich, unendliche Freiheit. Chions Inszenierung berauscht unseren Geist, erweitert das Bewusstsein und als wir am siebten Tag „von unserer Humanität erlöst“ werden, denke ich nur eines: Ich brauche mehr von dem Zeug!

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Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit!“ läuft heute (14.11.) sowie 15.-16.11. jeweils um 19.15 und 21.30 Uhr im Ballhaus Ost.

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