NO LIMITS – Internationales Theaterfestival. Ein Porträt.

Foto: DenisDarzacq

In unregelmäßigen Abständen werden hier vereinzelte Beiträge zum NO LIMITS-Festival erscheinen. Die volle Ladung an Berichterstattung findet ihr auf dem offiziellen NO LIMITS-Blog. Zwei mitschreibende Unruhe-Autoren erdreisten sich und stellen hier gleichzeitig ihre unzensierten, unredigierten Artikel online.

NO LIMITS – Ein Porträt

Das internationale Theaterfestival NO LIMITS mit Künstler_innen mit und ohne Behinderung ist gestern in die sechste Runde gegangen. Seit 2005 findet das Festival alle zwei Jahre statt. Das Ziel? „Uns abzuschaffen.“ Sagt der Festivalleiter Andreas Meder gebetsmühlenartig seit 1997, dem Beginn seiner Arbeit im Feld integrativer Theaterfestivals. Sein Augenzwinkern nicht zu vergessen, da es ein beliebtes und oft das einzige Zitat sei, dass es in eine Berichterstattung schafft.

„Hätte ich eine Vision zu Beginn formulieren müssen, dann wäre es gewesen: Wir machen das, damit es uns nicht mehr braucht. Aber davon sind wir weit entfernt.“ Folgert Meder. Denn im Mainstream mögen zwar einige Blitzlichter kurzzeitig angekommen sein, aber wenn das Kriterium sein soll, Künstler_innen mit Behinderung als einen selbstverständlichen Bestandteil des Kulturlebens anzusehen, „dann dürfen wir das Festival noch bis zur Rente machen. Keine Frage.“

Eine Behindertenleistungsschau?

1995 fragte der Landesverband Lebenshilfe Rheinland-Pfalz bei Meder an, ob er nicht eine Kulturwoche mit Künstler_innen mit Behinderung machen wolle.  Einer Zeit, in der über Menschen mit Behinderung als Kostenfaktor diskutiert wurde und dem entgegen gezeigt werden sollte, dass sie auch im kulturellen Bereich viel beizutragen haben. Bis heute sind es mittlerweile an die 100 Festivals, die von Meder (mit)organisiert wurden. Zielsetzung war es dabei immer, einem regulären kulturinteressierten Publikum, die künstlerische Arbeit von Menschen mit Behinderung nahezubringen.

Selbst wenn es laut Meder nach Außen hin nur bedingt klappt,  war es immer auch ein Anliegen „nicht als Behindertenfestival oder Behindertenleistungsschau oder eine große Behindertenmesse angesehen zu werden, sondern grundsätzlich als künstlerisch spannendes, vielfältiges  Theater-, Tanz- und Performancefestival, auf dem sich  wie selbstverständlich behinderte und nicht behinderte Künstler im Programm auf der Bühne treffen.“

3 plus 11 gleich 200?

Bei NO LIMITS ist der Titel Programm.  NO LIMITS löst Grenzen auf, ohne Unterschiede verschwinden zu lassen, sondern sie gleichbedeutend miteinander auf eine Bühne zu stellen. Der Kreis der Vielfalt wird erweitert. Mit über 200 Künstler_innen aus Europa und Übersee ist das Programm so voll wie noch nie. Es verspricht in seiner künstlerischen und interaktiven Vielfalt (Theater, Tanz, Performance und Konzerte; Workshops und ein Symposium) sich gleichsam auch mit dem Bild der menschlichen Vielfalt zu verbinden. Es ist weder nur das eine (Theater mit Menschen mit Behinderung) noch das andere (Mehrheitstheater).

Verwundern dürfte bei der Programmfülle, dass keine Institution hinter der Organisation steht, sondern ein freischaffender harter Kern aus Andreas Meder und Marcel Bugiel, die in der Endphase Verstärkung durch Silke Schmidt erhalten. Drei Menschen. 200 Künstler_innen. Elf Tage kompaktes Programm, mit einer Werkschau aus Arbeiten, die es laut Meder „ansonsten nicht zu sehen gibt, und die es aber sehr zu sehen lohnt.“

Grenzenlos ohne Geld?

NO LIMITS zu organisieren ist auch beim sechsten Mal kein Selbstläufer. Es beginnt mit dem Geld und damit steht oder fällt das Festival.  Die Anträge, der künstlerische Wert und gedankliche Zusammenhang des Festivals werden wertgeschätzt. Dennoch bleiben institutionelle Förderungen aus. Dem Berliner Kultursenat fehlen selbstredend die Mittel. Ohne wesentliche Beiträge von Aktion Mensch und der Deutschen Kassenlotterie würde es keine sechste Ausgabe NO LIMITS geben.

In Sachen Überzeugungsarbeit hat sich in den letzten Jahren dennoch definitiv etwas geändert. Die Berliner Kunstszene ist immer offener geworden. Mittlerweile sind auch Spielorte wie das HAU und die Sophiensaele viel interessierter daran etwas mit Künstler_innen mit Behinderung auf der Bühne zu präsentieren, die mit nichtbehinderten Performancegruppen in Kooperationen treten. Man erinnert sich nur etwa an Monster Trucks und Thikwas gemeinsame Völkerschau-Parodie „Dschingis Khan“. Oder auch das Eröffnungsstück der neuen HAU-Intendantin Vanackeren mit „Disabled Theater“, was ein Statement für sich war.

Kooperationen dieser Art sind jedoch keine Selbstverständlichkeit. NO LIMITS fehlen zwar die finanziellen Mittel, Produktionen in Auftrag zu geben, aber es dient anderen Künstler_innen als ein Netzwerkaufbau, die sich teilweise auch schon verselbstständigt haben. Mit „Das Prinzip Struwwelpeter“ (10 Theaterkollektive zeigen je 30-minütige Theaterskizzen) fanden sich etwa Monster Truck und Thikwa. Und so hat es gar nichts Überhebliches mehr, wenn Meder sagt, dass „ohne die Festivaltätigkeiten und Initiativen, es viele neue grenzüberschreitenden Zusammenarbeiten nicht geben würde.“ So ist NO LIMITS auch stets auf der Suche nach nichtbehinderten Künstler_innen, die „unsere Arbeit schätzen und zu uns passen, die Grenzgänger sind wie wir und nach neuen, bereichernden Erfahrungen suchen.“

Weitermachen!

Es geht NO LIMITS nicht darum, dass Menschen mit Behinderung einbezogen werden in den Kunstbetrieb, sondern zuallererst darum, was denn Einzug finden soll? „Nur weil per se Menschen mit Behinderung auf der Bühne stehen, heißt das nicht, dass es gut ist. Es muss sich ja immer wieder über die künstlerische Qualität beweisen. Ich mach mal was mit drei behinderten Künstlern, ist noch kein Qualitätsmerkmal!“ sagt Meder. Das Wesentliche an professionellem Theater, ohne die diskriminierende Bezeichnung „Behindertentheater“ verwenden zu müssen, ist „das Selbstverständnis Künstler zu sein und sich intensiv an etwas abzuarbeiten.“ „Behindertentheater“ als Genre gibt es nicht, genauso wie Inklusion ein lebensweltlicher Begriff ist.

Was zählt, ist und bleibt der künstlerische Wert und darin sieht Meder auch die Daseinsberechtigung von NO LIMITS, ohne die Fragestellung aufkommen zu lassen: Müssen wir das überhaupt noch weitermachen.

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Vom 7.-17-11-2013 hat jede_r Kulturinteressierte die Möglichkeit die öffentliche Wahrnehmung zu weiten, anfängliche Scheu zu überwinden, sich vom sozialen Gedanken zu befreien und Teil von Kunstsituationen zu sein, in der sich behinderte und nichtbehinderte Künstler_innen sowie Zuschauer auf Augenhöhe begegnen.

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