Schutzraum? Und wenn ja, wie viele? „Schwarz tragen“ im Ballhaus Naunynstraße

„Ich spiele jetzt in so einem Film mit!“ berichtet Joy euphorisch am Küchentisch. Der dauere zwar nur fünf Minuten, aber sie habe sogar Text: „Hilfe! Hilfe!“und „Ich liebe dieses Land!“. Sie solle eine Asylbewerberin spielen. Sie lacht und fragt in die Runde: „Wie kann man das Land lieben, wenn man es gar nicht kennt?“ Nach dem teils gefälligen, teils bitteren Theater-Abend im Ballhaus Naunynstraße , an dem Alltagsrassismus beim Frühstück besprochen wird, lässt sich diese Frage in verschiedene Richtungen wenden, auch in diese: Wie kann man als weiße_r Deutsche_r Berlin lieben, wenn man es gar nicht kennt?

…zumindest nicht aus der Perspektive der Schwarzen WG aus Elisabeth Blonzens „Schwarz tragen“ in der Inszenierung der Filmemacherin Branwen Okpako kennt.

Eine WG mit fünf sehr unterschiedlichen Bewohner_innen: Der vernünftige Cyrus (Thomas Hoffmann), der die WG gegründet hat und zusammenhält, Viktoria (Sheri Hagen), die vorm Frühstück betet und Karriere als Bundesrichterin macht, Macho und Schuhmodel Eric (Ernest Allan Hausmann), der im Single-Chat 30000 Likes hat und Joy (herausragend gespielt von Thelma Buabeng), die Schauspielerin werden möchte, naiv und albern zugleich und Frank (Tyron Ricketts), der plötzlich tot ist und als Geist Ratschläge von der Leinwand gibt. Zwischen Espressomaschine und Laptop sprechen sie über den alltäglichen Rassismus, über Berufschancen, Sex und Klamotten. Dem Kammerspiel unterlaufen immer wieder Anflüge von Fernsehserie, die aber mit theatralen Mitteln gebrochen werden.

Das Bühnenbild und Kostüm von Arianne Cardoso befindet sich permanent im Wandel. Die WG-Küche auf Rädern stiftet Gemeinschaft, bildet Fronten, mit ihr werden Streits ausgetragen, sie dreht sich im Kreis und formiert sich zum gemütlichen Abendessen. Treten die Figuren zu Beginn in weißer Kleidung auf, das Weiß der weißen Projektionen, das Weiß der Amnesie und spielen mit Klischees, sind sie kurz darauf schwarz gekleidet, das Schwarz von Trauer und Widerstand, das Schwarz der Black Panther und mit einem Monolog Viktorias über rassistische Demütigung und Vergewaltigung einer Kollegin tut sich ein Abgrund auf, der allerdings mit den Worten: „Lass uns über was anderes reden“ bald wieder geschlossen wird. Mit der Unentschiedenheit, was zu (er-) tragen ist, verbinden sich ganz unterschiedliche Versuche, in Gesten Halt zu finden, auch die Posen, die eingenommen werden, erscheinen wie Kostüme. Die Figuren, zunächst statisch erscheinend, entfalten sich im Laufe des Abends in verschiedene Richtungen, werden in ihrem Hin- und Her-Gerissensein gezeigt, im Schwanken zwischen den alltäglichen Darstellungsmöglichkeiten.

Die WG als Schutzraum innerhalb der weißen Dominanzgesellschaft wird plötzlich in Frage gestellt, als Joy den Vorschlag macht, einen Weißen als Nachfolger des verstorbenen Frank aufzunehmen. Ein Vorschlag, der Streit auslöst und das Gefüge innerhalb der WG ins Rutschen bringt. Die Community muss sich öffnen. Und tut dies schließlich, in dem sich jeder einzelne ein bisschen öffnen, in dem sozusagen jeder noch einmal aufgenommen wird. Joy und Eric bekommen ein Kind, Viktoria legt ihre christliche Verkrampftheit ab, Cyrus outet sich als schwul (und bekommt dafür zu hören: „schwul – ist das denn politisch korrekt?“), die vier tragen jetzt unterschiedliche, bunte Kleidung, die Möbel werden neu im Raum geordnet.

Mit „Schwarz tragen“ als Teil des Black Lux-Festivals legt das Ballhaus Naunynstraße unter der Intendanz von Tunçay Kulaoğlu und Wagner Carvalho einen vielversprechenden Start in die neue Spielzeit hin, in der der Schwerpunkt auf Schwarzen und Afrodeutschen Perspektiven liegen wird. Während „Verrücktes Blut“, die Inszenierung, die dem Kreuzberger Theater viel Aufmerksamkeit eingebracht hat, nun auf der großen Bühne des Maxim-Gorki-Theaters seine Aufwartung macht, öffnet sich das Ballhaus weiter und bleibt eine der wichtigen Adressen fürs Theater-Berlin. 

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2 Gedanken zu “Schutzraum? Und wenn ja, wie viele? „Schwarz tragen“ im Ballhaus Naunynstraße

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