Schaumstoff-Exotik: „Die Schönen und die Schmutzigen“ von „Das Helmi“ im Ballhaus Ost. Ein Nachruf.

Die Puppenspielgruppe „Das Helmi“ ist spätestens seit Nicolas Stemanns „Faust I und II“ 2011 der Theaterszene ein Begriff. Was Brian Morrow, Emir Tebatebai, Florian und Felix Loyke dabei vor allem auszeichnet: Sie treten als Akteure gemeinsam mit den Puppen auf, sie schustern diese – ganz offensichtlich nicht für die Ewigkeit- aus Müllresten zusammen und es gibt kein Thema, vor dem sie zurückschrecken. Was dabei rauskommt, ist im Falle von „Die Schönen und die Schmutzigen“ im Ballhaus Ost weder Kinder- noch Erwachsenentheater, sondern eher Theater für Infantile jeden Alters (was ja zunächst einmal vielversprechend klingen sollte!).

Jeremy, ein dürrer Roma-Junge aus Schaumstoff, wird vom Jugendamt mitgenommen, nachdem er einen Späti ausgeraubt hat. Zur Entrüstung seiner Familie, allen voran Großvater Grillo, muss er nun in einem Zirkus die Manege fegen. Die Familie versucht mit der Kampagne „Free Jeremy“ den Jungen zu befreien und castet zeitgleich für eine Hamlet-Inszenierung, wobei es darum geht, „echte Gipsies“ zu casten (die mit den Lippen „pff“ machen und bereit sind etwas mit „sex, fire and pussy“ zu performen). Jeremy gefällt es allerdings im Zirkus, obwohl die Clowns dort Nazis sind und der Direktor ein Schwein im wahrsten Sinne des Figurentheaters. Die Geschichte nimmt zunehmend die  Züge einer Sommernachtstraum-Farce an: norwegische Uhren-Igel, kopulierende Pferde und der große Vogel Marabu bevölkern den engen, stickigen Raum unterm Dach zu Revue-Songs und schamlos alberner Improvisation. Am Ende steht der Mitklatsch-Slogan: „Turbo-Folk ist wunderbar!“

Wunderbar ist der schlampige, aber gleichzeitig spielverliebte Umgang mit den Puppen. Obwohl sie meist hässlich aussehen, zum Teil auseinanderfallen, Rumpf oder Kopf verlieren, in den hinteren Bühnenraum geschmissen werden, viel zu groß und viel zu klein sind, haben sie ein Reiz, der jeden Zuschauer zum Schmunzeln zwingen dürfte. Sie verschmelzen immer wieder ohne jegliches Bemühen um Illusion mit ihren SprecherInnen. Die Songs, schrullig bis schief geschmettert, torkeln mit den Figuren durch den Raum und vollenden die leicht psychedelische Party. Dass das Helmi sich es eigentlich ein bisschen zu einfach macht, irgend wann nur noch mehr und mehr aufeinanderhäuft, wäre nicht so schlimm, wenn wenigstens die Luft nicht so stickig wär in dem kleinen Stübchen unterm Dach. Ein insgesamt spaßiger Abend. Wäre da nicht dieser spöttische Exotismus einschließlich haufenweise Z-Wörter. Im Programm steht über Vorurteile: „Die einen kämpfen dagegen an, die anderen versuchen, sie zu erfüllen.“ Ich glaube, was Vorurteile betrifft, gilt zunächst einmal: Die einen reproduzieren sie, die anderen leiden darunter.

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