Wortgewaltiges Kieztheater:„Übergewicht, Unwichtig: UNFORM“ in der Theaterkapelle

„Sucht euch einen Platz am Tresen“ und „Was darf’s denn sein?“; sind die ersten Sätze des Abends. Beim Eintreten in die Kellergewölbe der Theaterkapelle findet man sich nicht im Theater, sondern in einer schummrigen Kiezkneipe wieder.

Ein abgestoßener Holztresen mit roten Wachsflecken; darauf eine zerlesene Bildzeitung; deutscher Schlager läuft im Hintergrund. Einige Gäste sitzen mit dem Feierabendbier am Tresen. Und zwischen den Ankommenden steht die Wirtin und arbeitet sich an dieser irgendwie unpassend wirkenden Menschenansammlung ab. Nein, hier wird kein bürgerliches Erbauungstheater stattfinden; man ist nur in der Eckkneipe gelandet, die schon immer da war, doch nie betreten wurde.

Christina Emig-Könning hat mit „Übergewicht, Unwichtig: UNFORM“ eines der frühen Schwab-Dramen inszeniert, die in den 1990er Jahren Furore machten und dem Grazer Dramatiker Werner Schwab (1958-1994) eine geniehafte Aura verliehen. Komik und tiefe Traurigkeit werden einem brachial aufgetischt und man weiß nicht so recht, wie man sich nun fühlen soll.

„Übergewicht, Unwichtig: UNFORM“ beschreibt einen alltäglichen Abend; sechs Kneipengäste stehen beisammen und erzählen vom Leben. Jürgen, ein Sozialwissenschaftler, dem offensichtlich sein akademisches Umfeld abhanden gekommen ist; Schweindi und Hasi, ein kinderloses Paar, dass sich in obszönen Gebärden gefällt; der grobschlächtige Karli; die von Depressionen gezeichnete Herta und die grotesk-exhibitionistische Fotzi. Dazwischen steht die Wirtin, grob und ordnend. Es ist eine Gesellschaft der Verlierer, gezeichnet von Brutalität und dem permanenten Scheitern der Kommunikation. Schwabs Dramensprache, die auch als „Schwabisch“ bezeichnet wird, ist grob, gewaltvoll und dysfunktional. Es ist eine kaputte Sprache für kaputte Menschen, denen jede Orientierung fehlt. Stammelnd und stotternd klammern sie sich an Werte, die in ihrer Situation ohne jegliche Bedeutung sind. Mit ihnen am Tresen sitzt ein reiches Paar. Die Reichen sind hier die Schönen, die Liebenden, die Erfolgreichen. Zu Beginn kreisen sie schweigend um sich selbst; im letzten Akt hingegen begreifen sie den Kneipenabend als eine Feierabendflucht aus  der alltäglichen Langeweile. Dazwischen werden sie von der übrigen Kneipenkundschaft einverleibt. Schwabs Stück verweigert sich hier jeder linearen Erzählstruktur und spielt stattdessen mit der großen Übertreibung. Es verwertet jedes erdenkliche christliche Motiv und stellt die großen Fragen nach Schuld und Verantwortung ohne – zum Glück – allzu einfache Antworten parat zu haben. Aber der Text ist keine einfache Wohlstands- oder Elitenkritik. Das Anbiedern der Menschen von unten an die da oben, ist schmerzlich anzusehen. Es ist alles so würdelos und auf einmal ertappt man sich bei dem Gedanken von wir und die. Die Reichen sitzen im Publikum. Sie sind das Publikum.

Am Ende ist es dann auch der namenlose Reiche der dem Schauspiel ein Ende setzt: „Zahlen bitte … ein spaßiges Essen, aber eine mittlerweile doch zu traurige Gesellschaft.“ Ein letzter, wirkungsloser Widerspruch: „Wir sind nicht eine traurige Gesellschaft“, bleibt ungehört. Taumelnd, fiebrig-singend und weinend geht dieser große Theaterabend zu Ende.

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