Transnationales Aktionstheater: „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ im HAU 1

Marquis: „Geben Sie Gedankenfreiheit“

König: „Sonderbarer Schwärmer!“

(Friedrich Schiller, Don Karlos, 3. Akt, 10. Aufzug)

Neun Männer, in Lumpen gekleidet und mit Duttenkragen, tragen überdimensionale Eier auf die Bühne; die Geuzen (`Bettler`) sind zurück und auf der Theaterbühne soll nun der Aufstand ausgebrütet werden.

Die andcompany&Co. (Karschina/Nord/Sulimma) haben zusammen mit flämischen und niederländischen Theatermachern einen Aufstand des transnationalen Theaters versucht. Ein Aufstand der im doppelten Sinne des Wortes „geprobt“ wird gegen eine neoliberale Kulturpolitik und gegen die herrschende Alternativlosigkeit in Europas Vorstellungen der Zukunft.

Auf Deutsch, Niederländisch und Englisch assoziieren sich neun Männer durch die alltägliche Rettungsrhetorik Europas und kommen doch immer wieder zurück zur niederländischen Kulturpolitik. Durch diese werden die Künstler von heute zu den Bettlern von morgen. Eine Kulturpolitik, die recht schamlos die heutige Kulturlandschaft in Frage stellt und Kulturschaffende als Schmarotzer verunglimpft. Dem billigen Populismus der politischen Elite wird hier ein Aktionstheater entgegengesetzt, das Verbindungen zwischen dem „Kommenden Aufstand“ des Unsichtbaren Komitees von 2007, Texten von David Graeber und Schillers historischer Abhandlung „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“ sieht. Der Abend bietet keine billigen Antworten, beschwört das Anarchische der Kunst und probiert sich in Provokationen. Die Chöre Occupys erklingen hier genauso wie romantisch-revolutionäre Gitarrenmusik; alles in der Ästhetik der 1970er Jahre – also der Aufstandszeit der heutigen Elite – und mit viel Ironie beobachtet. Seine Relevanz wird aber vor allem im niederländischen Kontext deutlich. Die mit Abstand stärkste Szene des Stücks ist das Vorlesen eines Briefes des niederländischen Staatssekretärs für Bildung, Kultur und Wissenschaft Halbe Zijstra (eine Art niederländischer Theodor zu Guttenberg ohne Promotionsvergehen) an die andcompany&Co., in dem er den Theatermachern neben weiteren Respektlosigkeiten vorwirft: „mit dem Rücken zum Publikum und mit offener Hand zum Staat“ zu stehen.

Ironische Perspektiven auf das Aufflackern des Widerstands, recht viel Klamauk und eine eindringliche Kritik an der niederländischen Kulturpolitik: „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ bietet viel Gegensätzliches; und die verkleideten, sonderbaren Schwärmer der addcompany&Co. nehmen sich Gedankenfreiheit.

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