Wohlfühlwahnsinn am Beckengrund: „Kiez Oper: Insanity“ im Stattbad Wedding

Nicht erst seitdem ein bekanntes deutsches Plattenlabel aus dem Bereich der klassischen Musik regelmäßig zu Lounge-Veranstaltungen seiner hochprominenten Künstler in die Berliner Clubs und Bars einlädt, wächst die Nachfrage an vermeintlich niederschwellig angebotener, „ernster“ Musik am ungewöhnlichen Ort rapide. Dabei hat sich eine lebendige Off-Szene meist hochprofessioneller Musiker herausgebildet, die es nicht mehr vorrangig auf die teuren Bühnen von Philharmonie oder Opernhaus, sondern in die Tanztempel, leerstehenden Fabrikhallen, Hinterhöfe und U-Bahnschächte der Hauptstadt zieht. Dass man dabei in der Regel keine Kompromisse eingehen, nicht Lachenmann mit Lady Gaga versöhnen will, wird mit dem gleichen Selbstbewusstsein behauptet, mit dem der sanfte erzieherische Impetus vieler dieser Projekte zwischen den Zeilen der schicken Werbeflyer anklingt: Klassische Musik für ein Publikum, das damit normalerweise wenig in Berührung kommt; reizvoll aufbereitet an den gewohnteren Vergnügungs- oder Alltagsorten der so Angelockten – dies scheint die leise paternalistische Devise zu sein. Dass dann am Ende doch weitgehend dieselbe U30-Fraktion erscheint, die am Abend vorher an den Kassen der Opernhäuser auf verbilligte Restkarten gewartet hatte, mag für beides sprechen: Die Qualität des Angebotenen einer- und die seitens der Veranstalter unvermutete Vereinbarkeit von Philharmonie und Berghain andererseits.

So wunderte es auch nicht, dass manch leere Mate-Flasche am Freitagabend den Weg von der U-Bahnstation zum Stattbad Wedding in der Gerichtstraße wies: Multilingual ist die Menge junger Menschen, die im Eingangsbereich der ehemaligen Schwimmanstalt, die nunmehr als Elektroclub firmiert, auf Einlassstempel und Abendkasse wartet. Drinnen hat die „Kiez Oper“ zu ihrer zweiten Auflage geladen, nachdem das Team um den britischen Produzenten Alex Ecclestone und die an der Staatsoper tätige Sopranistin Rowan Hellier im vergangenen Sommer erfolgreich eine Adaption von Purcells „Dido and Aeneas“ im Club Zur Wilden Renate aufgeführt hatte. Nun heißt die Produktion „Insanity“ und werde entsprechend „darker and more disturbing“, wie der Internetauftritt des Projekts verspricht; außerdem: „Bigger, better and more swimming-pooly.“ Da sucht man sich gerne unter düster-dümpelnden Elektroklängen seinen Platz auf dem schiefen Boden des trockengelegten 25-Meter-Beckens und harrt des Wahnsinns, der da kommen möge.

Oben rechts am Beckenrand hat sich schon ein kleines Barockensemble unter der Leitung des Violinisten Jorge Jiménez aufgestellt, während unten die Sitzenden zum ersten Mal aufschrecken, als eine junge Frau (Hellier) gewaltsam durch die Reihen des Publikums auf die kleine Bühne am tiefsten Punkt des Pools gezerrt wird. Lautes Babygeschrei über die Soundanlage des Clubs. Videoprojektionen an der hinteren Beckenwand markieren, dass wir uns in einer geschlossenen Anstalt wähnen sollen. Über die Lautsprecher erhalten wir Hintergrundinformationen: Eines Verbrechens hat sich die Frau schuldig gemacht, ihr vierjähriges Kind getötet. Die nächsten gut sechzig musikdramatischen Minuten werden wir Zeugen ihres passionsartigen Weges von der glücklichen, aber überforderten Mutter zur Insassin einer Psychiatrie. Deren allzeit abwaschbares Funktionsinterieur wird denn auch an den gekachelten Wänden des Schwimmbads beinahe greifbar. Leider jedoch ist die Begegnung von Kachel und Augustinerflasche eher geräuschintensiv, sodass es fast fortwährend klirrt, klappert und scheppert, wenn mal wieder ein Bier umgestoßen oder ein Weinglas fallengelassen wird.

Das ist schade, denn es wird auf gutem Niveau musiziert. Die Instrumentalisten spielen warm und rund, wenngleich unverstärkt etwas leise in der undankbaren Akustik der hohen Halle; der Chor, der zumeist als wild um sich schlagende Masse der Mitinsassen durchs Publikum stolpert, singt gut balanciert, sauber und auch ohne einen (sichtbaren) Dirigenten oft erstaunlich präzise, während die Arien der Solisten, die von Händels unvermeidlichem „Lascia ch’io pianga“ bis hin zu Auszügen aus der „Matthäus-Passion“ beinahe alles enthalten, was das Publikum unter gediegener Trauer erwartet, trotz verzeihlicher kleiner Intonationsschwächen klangschön den Abgrund zwischen 1,50- und 3-Meter-Marke füllen.

Dass der Abend dennoch enttäuscht und teilweise an den Rand des Ärgerlichen rückt, liegt im Wesentlichen an seiner grundsätzlichen Anlage: Regisseur Andy Staples fasst die Geschichte der allmählichen geistigen Umnachtung einer Frau nicht nur als opheliahafte, letztlich reichlich kitschige Romantisierung „schönen“ weiblichen Wahnsinns, sondern er unterlegt ihr auch nahezu jedes greifbare Klischee der psycho-sozialen Pathogenese: Vom frühen Freitod der Schwester, über den gewalttätigen Kindsvater bis hin zur sexuell übergriffigen Anstaltsschwester ist alles dabei, was die dunklen Abgründe der Seele im Lichte der Erklärung heller und weniger erschreckend werden lässt. Das ist weder sonderlich „dark“, noch über die Maßen „disturbing“, sondern vor allem berechnend in seinen Effekten und im schlimmsten Fall ausbeuterisch, weil hier im fast ausschließlichen Verlassen auf den immensen Wohllaut der barocken Musik alles Leid sublimiert und zur Dekorationsgrundlage eines ziemlich weltvergessenen, kunstsinnigen Ästhetizismus wird.

Am Ende mischt sich dann auch in den Beifall ein einzelnes, aber gellendes Buh von weit hinten. Das ist nur treffend, denn wer die Oper von ihren Bühnen auf die Tanzflure des Nachtlebens ziehen will, der muss damit rechnen, dass wenigstens ein Teil ihres nicht gerade meinungsschwachen Publikums mitzieht. Das ist aber kein Problem, gehen doch eh alle Reaktionen in der sogleich wieder eingeschalteten Clubmusik unter. Hier kriegt man noch jeden „Wahnsinn“ kleingekocht.

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