Spurensuche im Abwasser: „V“ im Ballhaus Ost

Von einer erhöhten Tribüne aus schaut man auf eine mit Plastikfolie und Neonröhren ausgelegte Bühne, drei mal so breit wie tief. Das Ballhaus Ost scheint dadurch in eine Sportarena verwandelt. Und es findet tatsächlich ein Langstreckenlauf über knapp vier Stunden statt, in welchem Regisseur Daniel Schrader versucht, der Breite und den vielen Nebenschauplätzen von V., Thomas Pynchons Debütroman, gerecht zu werden.

Die Vorteile eines Romans bestehen zuallerst darin, endlos Material schichten und Handlungen gleichzeitig stattfinden lassen zu können, ohne dabei chronologisch vorgehen zu müssen. Mit der Bühne wurde hierauf eine plausible Antwort gefunden. Auf beiden Seiten durch Spiegel eingerahmt, wächst diese aus dem richtigen Blickwinkel unendlich in die Breite. Links und rechts werden die grimassierenden, rumhängenden und knutschenden SchauspielerInnen auf die Wände videoprojiziert. Einen Großteil der Zeit verbringen diese in einem Wohnzimmer, das, hinter Gitterstäben und Gardine versteckt, nur halb einsehbar ist, oder an einer holzgetäfelten Bar in einem weiteren Hinterzimmer. Pynchons archäologisch-kryptischen Trips wird also viel Zeit und viel Raum gewährt. An der Struktur fehlt es aber.

Herbert Stencil kriecht zwischen müden Wasserrinnsälen über den Boden, um schließlich einen aufblasbaren Alligatoren zu fangen, den er nach anfänglicher Angst wütend umherklatscht. Er ist auf der Suche nach V., wobei die Frage, wer oder was V. sein soll, Teil der Suche ist. Diese Suche führt an exotische Orte und zu skurrilen Personen, alles scheint ein Zeichen zu sein: Herbert Stencil stößt auf jesuitische Ratten, schließt sich einer Ägypten-Expedition an, begegnet Schiiten und Psychodentisten und gelangt nach Malta, das sich in Kriegswirren befindet. Benny Profane, der zweite Protagonist, hilft ihm dabei oder schießt ihm in den Hintern. Immer wieder wird das Geschehen von der Kamera aufgesaugt: Man wird Zeuge von Kneipen-Ritualen und einer brachialen Schönheits-Op mit Meißel und Säge. Meist wird jedoch keine spannende szenische Umsetzung für die obsessive Suche nach V. gefunden, vielmehr bleibt es bei Nacherzählungen, die, chaotisch übereinandergehäuft, den Nachvollzug der postmodernen Schnitzeljagd verhindern.

Der Versuch, alles und insbesondere das Abseitige zu lesen, der Versuch, die große Verschwörung im Marginalen zu entschlüsseln, erschöpft sich bei Pynchon nie in der Parodie, sondern bleibt schlichtweg alternativlos. Hier versickert er in Radau, der einer endlosen Youtube-Clip-Session gleicht. Damit geht sehr viel Witz verloren, der durchaus vom Roman auf die Bühne hätte übertragen werden können. Wenn Stencil schließlich auf einer Tafel aus wilden Formeln das wittgensteinsche Diktum, „Die Welt ist, was der Fall ist“ dekodiert, kann einem nach dreieinhalb Stunden auch „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ einfallen, der letzte Satz des „tractatus logico-philosophicus“.

Das eindrucksvolle und mitnichten sprachlose Schauspielerensemble proklamiert hingegen vor allem Freude am Exzess und am Spektakel. Insbesondere Gina Henkel und Claire Vivianne Sobottke lösen sich aus dem Turnus von Apathie und Gezappel spielerisch heraus und beherrschen die Kunst, dem Publikum glauben zu machen, hier sei doch noch was drin. Als nach der Pause zu heroischer Musik Nebelschwaden um ein barock-morbides Festmahl wabern und die dunkel geschminkten Figuren in Reifröcken unter den Tisch krabbeln oder beginnen tranceartig zu tanzen, scheint das Stück an seinem Höhepunkt angelangt. Worauf die konfuse, entscheidungsfaule Inszenierung, gegen spielfreudige Schauspieler und Pynchon gleichzeitig kämpfend, mit dem Bruch antwortet: Kalauer, Tagespolitik und Auspeitschungen. Am Ende gewinnt die Inszenierung.

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Ein Gedanke zu “Spurensuche im Abwasser: „V“ im Ballhaus Ost

  1. Kritik der Kritik: Wahrscheinlich lag Daniel Schrader nichts ferner, als Thomas Pynchon gerecht zu werden. Vielmehr lässt er sich dazu anstossen, eine Pynchonsche Parallelwelt zu entwickeln. Und das gelingt dank der rückhaltlosen Hingabe der Schauspieler vorzüglich. Hier wird Theater gespielt: Lustvoll, undeutsch, ungerecht und bedeutungslos. Wahrscheinlich eingeschnürt von der Aufgabe, später eine Kritik scheiben zu müssen, verpasst der Kritiker, dass hier – selten genug -Schauspieler nicht von ihrem Regisseur gegängelt sondern durch ihn befreit werden. Und dementsprechend entfesselt bis zur Erschöpfung geht es zu. Am Ballhaus Ost tut sich was! Bravo!

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