Rixdorfer Posse: „Zum feuchten Eck an der Sonnenallee“ im Heimathafen

Besonders in Bezug auf Neukölln bringt die Debatte um Gentrifizierung ununterbrochen verschiedene Phobien hervor. Gleichzeitig entstehen ungewöhnliche Formen der Solidarisierung und Identifikation: Spanier werden geschmäht, aber Portugiesen sind willkommen, Hip Hop ist Teil der Bezirks-Kultur, Jutesäcke Zeichen feindlicher Übernahme und die Eckkneipe wird Symbol einer vergangenen, goldenen Zeit – so oder so ähnlich tönen z.B. seit längerem Beiträge auf dem Internet-Sender “Freies Neukölln”. Und auch bei der jüngsten Uraufführung von “Zum feuchten Eck in der Sonnenallee” im Heimathafen in der Karl- Marx-Straße geht es vor allem um Identitätsstiftung und Gemeinschaftsgefühl, aber auch ganz nebenbei die Umdeutung des  (schlechten) Rufs von Neukölln.

In der aufgedrehten Musical-Komödie sieht man ein Neukölln des solidarischen weiblichen Proletariats, wobei das schablonenartige Verbraten der Protagonistinnen (die renitente Kneipière, die lüsterne Prostitu­ierte und die naive Putzfrau) an Schlüpfrigkeit kaum zu überbieten ist, wie schon der Titel erahnen lässt. Der Kampf dieser drei um ihre Kneipe gegen einen gierigen Investor, einen unterbelichteten Österreicher und schließlich gegen die Bezirksregierung strotzt nur so vor Sexismen und billigen Kalauern: Gleich zu Beginn gerät das Publikum ins Kreuzfeuer von Witzen über den BER-Flughafen und Angela Merkel. Die Darsteller kommen ihren eigenen Pointen oftmals nicht hinterher, ihr Spiel gerät immer wieder klobig, sie kippen zwischen unsichtbar und überzeichnet. Johanna Morsch sticht (nicht zuletzt gesanglich) heraus, ansonsten ist gerade die Besetzung der männlichen Schauspieler von souveränen Momenten Jörg Koslowskys abgesehen, nicht selten unfreiwillig komisch.

Dennoch schafft das Stück immer wieder überraschende, absurde Momente und schert übermütig aus: Der Investor, der, Inkorporation des Bösen und Lächerlichen zugleich, schief seine eigene Gier besingend die Bühne betritt, präsentiert einen Werbefilm für sein Restaurant-Konzept. “Durst statt trinken”, “Überall auf der Welt trinken die Menschen”, propagieren die unzusammenhängenden Slogans zu gewaltigen Wasserfällen und Überschwemmungen bis schließlich eine Erwachsenenhand ins Bild kommt, die zärtlich einen Baby-Fuß hält. Nachdem klar wird, dass der Investor die Kneipe nicht kaufen kann, geht er in einen Zeitlupen-Prügelei zu Boden und wird schließlich auf allen Vieren krabbelnd ausgepeitscht. Der Abend entfaltet so ohne Scheu seine eigene Logik. Da beginnt eine Liebesgeschichte aufgrund der gemeinsamen Leidenschaft für gelötete Skulpturen, da wird neben Chansons der Comedian Harmonists und Trude Herr plötzlich ein Liebesgeständnis gerappt und das (eher ältere) Publikum brüllt vor lachen.

Das Schöne und Bemerkenswerte an dem Abend bleibt, dass es um ein Neukölln geht, dass es so gar nicht gibt. Das Schließen der Kneipen, dem ein Song gewidmet ist, geschieht im Prenzlauer Berg, Rotlichtmilieu findet man in Mitte und Tiergarten und die alten Eckkneipen sehen anders aus, ja, denkt man die Luftballon-Phalli weg, die überall auf der Bühne hängen, könnte so ohne Weiteres das Intérieur einer der neuen, hippen Bars in der Weserstraße abgeben. Aber gerade in diesem Schräg-Utopischen, das so selbstverständlich hingenommen wird von einem Publikum, das vor allem aus Steglitz und Charlottenburg angereist zu sein scheint, besteht der skurrile Charme von “Zum feuchten Eck in der Sonnenallee”.

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