Der Schmerz und das bekiffte Plenum: „Zeig doch mal positiv, wie du mit Schmerz umgehst“ im Theaterdiscounter

Wie mit dem Schmerz umgehen? Wie dem diffusen Unbehagen eine Form geben, der Unbehaustheit oder der Ahnung, dass mein Leben auf etwas angewiesen ist, über das ich keine Verfügung habe? Wie mit der Dürftigkeit dessen, was mich in meinem Alltag umgibt? Und weil ja alle depressiv oder prä- oder post-depressiv sind, auch kollektiv gesprochen: Wie können wir füreinander einen Schmerz so durchspielen, dass er eine Form annimmt, in der wir Gemeinsames vorfinden? Was ist die dem Leiden eigene Schärfe des Blicks, die zutage fördert, was auch gültig bleibt, wenn wir wieder sicher ins Normale eingelassen sind? Und in welcher Form kann der Ausdruck von Schmerz zwischen uns mehr sein, als Anlass für mitleidende Bevormundung oder schlichte Peinlichkeit – vielleicht stattdessen eine Art von Euphorie, die wir gebrauchen können, um das abzuschaffen, worunter wir leiden? Wie können wir füreinander sorgen?

Diese Fragen stellen den Kontext des Stückes „Zeig doch mal positiv, wie du mit Schmerz umgehst“ von Malte Schlösser, das am 24.1. Premiere im Theaterdiscounter hatte, und es braucht kaum den Hinweis, dass es sich dabei um hochrelevante Fragen handelt. Dies gerade in einem politischen Kontext (in dem das Stück auch verstanden werden will), weil es dabei durchaus um eine Form kämpferischer Solidarität geht, bloß eben nicht in der Form der Mobilisierung, aufbrausende Geste des starken Arms, sondern als Gesten der Reproduktion und der Sorge um das gemeinsame Leben, in seiner schadhaften, bedürftigen Form. Das Stück fokussiert den Schmerz, um den neoliberalen Formen von Herrschaft beizukommen, die die Erfahrung gesellschaftlicher Widersprüche in eine des individuellen Scheiterns zu verwandeln sucht.

So weit, so wohlbekannt von Pollesch und Konsorten. Die gute Nachricht ist nun, dass es dem Stück tatsächlich gelingt ein eigenständige Form zu finden, die es mit dieser Komplexität und Dringlichkeit aufnehmen kann und zugleich ästhetisch interessant ist. Die schlechte ist, dass dies nur in etwa fünf der fünfundsiebzig Minuten gelingt. Gemeint ist eine traumartige und nur mit Musik unterlegte Videoeinspielung gegen Ende des Stückes, in der (der in einer vorangegangenen Sequenz bereits vorgestellte) Thomas Schmidt im Vordergrund des Bildes thront, während acht bis zehn andere DarstellerInnen hinter ihm in wechselnden Positionen und Kostümen Kerzen schwenken. In einem Bild formieren sie sich dabei hinter einem Vorhang mit Lichtern und erhobenen Fäusten zu einer Art Revolutionsgemälde, im nächsten Moment stieben sie auseinander und durcheinander, während Schmidt enigmatisch, zugleich traurig und souverän in die Kamera blickt, dann wieder füttern sie ihn und umzüngeln ihn orgienhaft mit ihren Armen, gegen die er sich lachend wehrt. Irgendwann erscheint fast beiläufig ein Schild mit der Aufschrift “Fürchtet euch nicht”.

Eine ganze Bandbreite von Darstellungsformen, in denen des Verhältnisses eines hervorgehobenen Einzelnen zur Gruppe zum Ausdruck kommen kann, wird so durchgespielt, ohne dass sich dies – trotz deutlicher Anleihen bei römischen Kaiser- oder Götterposen – in ein einfaches Rollenverhältnis rückübersetzen ließe. Vielmehr gerät die Lust an der Verausgabung und Verschwendung sozialer Energie in den Vordergrund, die sich von der Gruppe ausgehend im Einzelnen bündelt und diesen durch reine Anerkennungsakte mitsamt seiner Traurigkeit und Beschädigung zu einem temporären König macht. Das rätselhafte, nicht-repräsentative, das dieses Spektakel kennzeichnet und durch die Abwesenheit von Gesprochenem betont wird, die spielerische, angstlose Art, mit der die Dialektik von Gruppe und Einzelnem nicht verneint, sondern in wechselnden Konstellationen bewältigt wird, wie auch die hedonistische Wendung der Sorge füreinander in ein lustvolles, exzessives Füttern – all das sind Formen einer praktischen Antwort auf die eingangs gestellten Fragen und gehen vielleicht in die Richtung dessen, was einmal mit Queer gemeint war.

Umso enttäuschender ist quasi der gesamte Rest des Stückes, besonders was den Text angeht. Dieser erschöpft sich in recht ungeniertem Pollesch-Epigonentum, von der theatralischen Form der beim Zusehen schmerzhaften Selbstbezichtigung (‚Ich merke ja schon gar nicht mehr, wie ich in all das eingelassen bin‘) bis in die sprachlichen Formen des repetitiven, scheinalltagssprachlichen Lamentos (“Wo sind denn die Tränen, die Tränen, die brauche ich doch, die Tränen…” usw.). Dabei bleibt die Kopie aber notgedrungen hinter dem Original zurück: Forciert Pollesch eine Reflektion der Produktionsbedingungen des Theaters, erschöpft dieses Moment sich bei Schlösser in studentischen Schlaumeierei à la “Wir wissen schon, dass wir hier nur Theater machen, wir haben die Sekundärliteratur gelesen”, als ob das bereits eine Aufhebung garantieren würde. Was bei Pollesch die Dekonstruktion pseudo-emotionaler, identitärer Eigentlichkeitsgesten ist, verkehrt sich hier in einer ebenso banalen wie verkopften Selbstdementierung des Sprechens in sein Gegenteil: „Ich kann nicht denken, wie ich mich denke. Wer bin ich denn eigentlich?“ – Phrasen, die selbst passionierte Hasser der Postmoderne sich als umzuschiessenden Pappkameraden nicht klischeehafter hätten ausdenken können.

Dementsprechend verkommen auch die im Prozess des Stückes vermeintlich selbsterschaffenen oder improvisierten Formen der Subjektivierung, die ja als Ausgangspunkt der kritischen Bewegung dienen sollen, zu sterilen, monologisch-geleierten Anwürfen, der Schmerz wie auch die Kritik werden durch den Versuch, sie tatsächlich in den auf der Bühne präsentierten Körpern aufzufinden, theatralisch im schlechtesten Sinne. Was stattfindet, ist nicht eine Kritik der Personifizierung gesellschaftlicher Zustände, sondern eine Personifizierung der Kritik. Dadurch, dass dies auch noch sprachlich nicht sehr gekonnt verarbeitet wird, ist der Effekt am Ende der eines bekifften Plenums um 2 Uhr nachts, in dem alle in protestantisch-verwirrtem Gestus brainstormen, was ihnen zum Thema Schmerz so einfällt. So springt der Text völlig unverbunden zwischen Versatzstücken soziologischer Analyse und subjektivistischer Anrufung, der Schmerz ist Mal historisch-politisches Symptom, mal existenziell-ontologische conditio humana.

Diese Konzentrationsschwäche könnte man vielleicht selbst als politisches Symptom deuten – etwa so, wie man jede Äusserung auch als soziolinguistisches Material verstehen kann – gelungen ist deshalb noch lange nichts. Das eigentliche Problem des Stückes, dämmert es einem gegen Ende der Aufführung, ist vielleicht gar kein politisches und auch kein subjektives, sondern schlichtweg das Problem einer formalen Unausgereiftheit, die verhindert, dass die wirklichen Probleme überhaupt in den Blick kommen. Dass sie dadurch nicht verschwinden, sondern nur umso unumschränkter wirken können, macht die weitere Suche nach der richtigen Form natürlich umso notwendiger. Ein Nachvollziehen des umfassenden Scheiterns, wie auch der kurzen Momente des Gelingens von Schlössers Stück können hierbei sicherlich dienlich sein.

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5 Gedanken zu “Der Schmerz und das bekiffte Plenum: „Zeig doch mal positiv, wie du mit Schmerz umgehst“ im Theaterdiscounter

  1. Linus, Deine Kritik klingt klug, aber nicht wirklich in Resonanz mit dem Stück, es klingt eher so, als hättest Du das Stück als Steilvorlage genommen, um Deine zwar klugen, aber dem Stück nicht gerechtwerdenen Aussagen ausprechen zu können, also leicht narzisstisch. Genau das kann von Schlösser nicht behauptet werden, er wollte wirklich was und wagt…

    • hallo mara, kannst du benennen, inwiefern die kritik dem stück nicht gerecht wird? denn das war natürlich schon mein anspruch.

  2. ich war in der premiere und mag deinen kommentar zu dem film im stück und glaube auch, dass da eigenständige formen zu sehen waren, stimme aber nicht deinem schluß zu, dass das nur in diesen abgekapselten 5min passierte, sondern gerade auf der grundlage von der diskursiv verhandelten paradoxie zwischen soziologischer zurichtung und existenzieller verzweiflung. es ging sozusagen mit pollesch über pollesch hinaus, oder mit soziologischen problemen über sie hinaus, so wie die nachtkritik das auch schön formuliert: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7678%3Azeig-mir-doch-mal-positiv-wie-du-mit-schmerz-umgehst-&catid=38%3Adie-nachtkritik&Itemid=40

    ich denke zwar auch, dass schlösser formal noch mehr reifen kann, so dass das eigene noch deutlicher hervorsticht, aber es stimmt ja gerade nicht, dass er die kritik personifiziert, sondern ständig die doppelte verzweiflung kritisch formuliert, das schmerz auf diesen beiden ebenen gewissermaßen liegt: in personifizierten gesellschaftlichen zuständen und existenziellen ängsten, darin unterscheidet schlösser sich gerade von pollesch, dass er die „großen fragen“ auch noch formulieren möchte, trotz der zurichtungen, dafür muss er aber „die zurichtungen formulieren“, soweit das überhaupt geht. das aufgreifen von verweisen ist daher kein epigonentum, ich finde gerade die weiterentwicklung von diskurstheater interessant, das muss man nicht pollesch allein überlassen. da sollten wir u.a. schlösser im auge behalten.

    • hallo julian, schön, dass du eine rückmeldung gibst, die nachtkritik hat schon recht, wenn sie schreibt, dass es ein stück ist, über das sich gut auch weiterführende diskussionen führen lassen. in diesem sinne also mehr so aus anlass deines kommentars:
      ich glaube zu verstehen was du mit einer „doppelten verzweiflung“ meinst, die sowohl historisch-spezifisch ist, wie auch ‚dahinter‘ immer noch allgemein-menschlich. tatsächlich scheint das auch bei schlösser das modell zu sein. ich muss aber sagen, dass ich diese vorstellung für falsch halte. jede selbstvergewisserung ist auf eine form angewiesen, die historisch-spezifisch ist und in einem sozialen kontext auf bestimmte weise eingesetzt wird. die idee des allgemein-menschlichen ist selbst eine dieser formen, mit ihrer eigenen geschichte, deren ideologische seite in der moderne kurz gesagt in der verallgemeinerung des männlichen, bürgerlichen, westlichen rechtssubjekts zum menschen schlechthin besteht. eine reihe von infragestellungen, von denen die bedeutendsten sicherlich feminismus und arbeiterbewegung waren, haben das hervorgekehrt und eine abschaffung der ideologischen rhetorik gefordert. das führt in der heutigen zeit zu einer form von selbstreflexivität, in der zumindest deutlich sein könnte, dass die großen fragen nicht an sich groß sind, sondern es erst durch die art, wie sie inszeniert sind, werden. nicht woher wir kommen und wohin wir gehen sind die relevanten fragen, sondern wer, wie und mit welcher autorisierung diese fragen stellt und welche art der selbstvergewisserung wir uns verschaffen, wenn wir akzeptieren, dass die fragen in dieser form gestellt werden. in den augen des stückes scheint in dieser relativierung von objektivität ein problem zu liegen, eine eigentlichkeit ist verloren gegangen und muss durch den bezug auf das unhintergehbare erlebnis (schmerz) wiederhergestellt werden. bei aller selbstreflexivität (und paradoxerweise gerade durch ihre zurschaustellung) versucht das stück deshalb, immer und immer wieder an den punkt zurückzukommen, an dem das sprechen seine uneigentlichkeit abstreift und ehrlich wird. dass diese art des sich-wehrens vergeblich bleiben muss, weil hierin natürlich wieder nur eine kulturelle form vorliegt und nichts an sich menschliches oder unmittelbares, ist dann anlass für eine selbstdementierung des sprechens und eine politisch oder generationenmäßig inszenierte verzweiflung oder orientierungslosigkeit. was ich dazu auch in der rezension bloß sagen wollte, ist dass beide reaktionen (die ja auch ‚die zeit‘ o.ä. gerne in so generationen-artikeln kolpotieren) sowohl politisch als auch individuell/generationell überflüssig sind, weil das problem überflüssig ist. es handelt sich um ein scheinproblem, das nur daraus erwächst, dass eine darstellungspraxis ihre eigenen historischen und formalen bedingungen nicht versteht. die radikale relativierung sowohl der objektivität des gegebenen wie auch der subjektiven eigentlichkeit des empfindens („transzendentale obdachlosigkeit“) sind nicht nur nicht hintergehbar, sie sind vor allem überhaupt erst die grundlage für politisches handeln in der kultur. es gibt da nichts zu betrauern, denn genau an dieser stelle wird die frage und die politische auseinandersetzung um die kulturelle schöpfung von realität überhaupt erst virulent. und in dieser auseinandersetzung ist die erzählung der post-postmodernen rückkehr zu den großen fragen bzw. ihr scheitern in der figur der ‚verwirrten jungen generation‘ zwei schuhe, die ich mir einfach nicht anziehen lassen möchte.

      • ich stimme dem bedingt zu, guantanoma funktioniert ja nur, weil es bestimme komponenten gibt, die mit der endlichkeit zu tun haben, auch du musst irgendwann schlafen und essen. das ist doch nicht mit ideologie zu relativieren und schlösser hat doch genau diese paradoxie seine darstellerInnen immer wieder formulieren lassen: „ich bin traurig, auch wenn das nur gespielt und verabredet ist“ oder irgednwas mit: „ich kann das gefühl gar nicht denken…“ usw. das war doch ein interessanter widerspruch, der doch grade im sprachlosen kreis und film und klavier und vogelfinale endete, mit dem denken über das denken hinaus. das ist für mich eine umwertung der großen fragen in neue große fragen, was du ja auch machst, dass du sagst, die großen fragen sind einzig die, die das eigentliche als bedingt entlarven. von welcher position sagst du das? das spannende an schlösser ansatz fand ich den mut etwas als große frage angehen zu wollen und dabei die ganzen paradoxien aufzuzeigen ohne nur im witz und der ironie zu enden, wie heutzutage so oft. so zumindest verstehe ich das stück, wenn immer behauptet wurde: schmerz ohne drama, verdächtige meinen schmerz nicht auf irgendwas z.b. großes oder kleines hin. aber leugne auch nicht postdramatisch, dass ich z.b. traurig bin oder müde oder hungrig. diese spannung denke ich gilt es zu verhandeln, sonst müsste sich ja jeder deine „ideologie“ der nicht-ideologie anziehen… oder?

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