Jenseits von Intimität: „I hope you die soon“ im HAU 1

Das Wummern setzt ein, schwillt an, ergießt sich durch die Zuschauerreihen im kargen schwarzen Raum, und verebbt. Der Tinitus bleibt.

Zu Beginn von “I hope you die soon“ liegen die beiden Körper von Angela Schubot und Jared Gradinger nahezu regungslos nebeneinander; eine pulsierende Halsschlagader ist der Hauptdarsteller dieser ersten Minuten.

Minimalbewegungen beginnen sich zu entfalten, wie in close-ups verfolgt man gespannt die kleinsten Zuckungen, Impulse der Gelenke und Fingerspitzen, einzelne Körperteile führen eigenständige Choreographien auf.

Ein Zittern und Vibrieren beginnt durch die Körper zu gehen, nicht changierend zwischen, sondern sexuelle Extase, Verzweiflung und medizinisch bedenklicher Zustand in Einem. Rhythmische Kontraktionen gehen wie Wellen durch beide Körper hindurch, wobei Ursprung und Ende der Bewegung nicht mehr feststellbar sind. Die beiden Körper verwandeln sich in ein Knäuel von Gliedmaßen, das Betasten des eigenen Körpers wird mit derselben Fremd- und Vertrautheit ausgeführt wie das des jeweils anderen.

Das Formenrepertoire vervielfältigt sich allmählich, die Körper durchlaufen während des Krabbelns, Untertauchens, Aufeinanderliegens, verschiedene Stadien des Zusammenseins und Auseinanderdriftens. Die Verbindung wird aber zu keinem Zeitpunkt gelöst, das Wort Berührung wäre ein völliges Understatement.

Es ist jedoch nicht primär die Originalität der Bewegungssprache, die das Auge des Betrachters an die beiden Tanzenden fesselt. Die beiden Performer nehmen sich für jeden Ablauf so viel Zeit, dass selbst Bewegungsfloskeln wie das Festkrallen in den Fußboden oder Umarmungen dem Klischee entrissen werden und sich in ihrer ganzen Vieldeutigkeit entfalten können. Auch wenn die Langsamkeit beizeiten quälerische Züge annimmt, ist sie notwendig um Spannungen auf- und abzubauen und Bewegungen in ihrer ganzen Komplexität zu erforschen.

Die beiden Körper verweisen dabei auf nichts außerhalb ihrer selbst, sie sind nicht Bedeutungsträger von ausgelutschten kulturwissenschaftlichen topoi über Tod, Zweisamkeit und Sex. In ihrer Schlichtheit und unaufdringlichen Präsenz eröffnen sie gänzlich unmetaphorisch ein reichhaltiges Arsenal an Empfindungen.

Wer oder was hier stirbt, verschwindet, endet (zwei Körper gemeinsam, die Grenzen zwischen ihnen, ihr Zusammensein), ist so wunderbar mehrdeutig wie nur möglich. Es kann und soll gar nicht gesagt werden können, ob die Zuschauer Zeugen werden von vielen gemeinsamen Toden, ob sich hier kleine orgasmische Tode oder große, endgültige Tode abspielen, zusammen oder ineinander verschwunden wird.

Die Musik zu Beginn und Ende des Stückes ist ein spannender Versuch Stille akustisch umzusetzen, was passiert wenn alle Musik aufhört zu spielen? Der Großteil des Stücks kommt aber ohne Musik aus den Lautsprechern aus, der Soundtrack sind die Verdauungs- und Räuspergeräusche aus dem Publikum und ab ungefähr einem Drittel des Stücks das Atmen der Tanzenden. Der außergewöhnliche und extreme Einsatz der Atmung hätte auch lediglich eine Überspitzung von Tanzaufwärm- und Yogaübungen bleiben oder sein Gehalt sich in dem sprichwörtlichen Ein- und Aushauchen des Lebensodems erschöpfen können.

Aber auch hier gilt, dass die Konsequenz und der Mut mit der sich der Atmung, dem Hauch, dem Austausch von Atemluft gewidmet wird, die aufdringliche Einladung des Klischees und des Kitsches ausschlägt und dieses zentrale Element des Tanzes und der Körperverständigung in all seinen Tiefen und Untiefen ausgelotet werden kann.

Obwohl die Thematik geradezu nach großen Gesten schreit, gelingt Schubot und Gradinger eine Auflösung in einen nicht vertrauten Kosmos von Mikrobewegungen, die sich so sorgfältig und kleinteilig abwickeln, dass eine simple Zuordnung zur symbolischen Metaebene schlicht unmöglich gemacht wird.

Ein Gefühl, das sich mehrfach einstellt und veranschaulicht wie gut es den beiden Choreographen gelungen ist ihre Thematik umzusetzen, ist ein spezifisches Gefühl der Scham, ein peinliches Berührtsein angesichts der unglaublichen Intimität, die sich auf der Bühne abspielt. Die Großstadtbewohnern vertraute Empfindung, die sich einstellt wenn man ungewollt in die Intimsphäre eines anderen Menschen eindringt, wird hier auf die Spitze getrieben. In „I hope you die soon“ gelingt Angela Schubot und Jared Gradinger was zunächst unmöglich erscheint: Das Publikum ist dabei wenn zwei Körper sich vereinigen und sterben. Dennoch ist das, was sich auf der Bühne abspielt, nie anzüglich oder plakativ sexuell. Der Unterschied und die doch untrennbare Einheit von Intimität und Sexualität wird in jedem Moment eindrücklich verkörpert.

Kreisförmig endet das Stück mit der Nichtmusik von Tian Rotteveel. Die Zuschauer werden brutal auf sich selbst zurückgeworfen, finden sich im eigenen pulsierenden Kopf wieder.

Die Dunkelheit lässt die Körper verschwinden.

In dem nächsten Teil der Reihe Les Petites Morts “all my holes are theirs“, betritt ein dritter Körper, der der kanadischen Videokünstlerin Aleesa Cohene, die Bühne.Damit setzen die beiden Choreographen ihre Bearbeitung der Auflösung der Grenzen des Subjekts durch Intimität zwar fort, gehen aber das gewagte Experiment ein, ihre geübte Zweisamkeit aufzubrechen. „All my holes are theirs“ wird vom 7-10.2 um 20 Uhr in den Sophiensälen aufgeführt..

I hope you die soon ist noch heute und morgen jeweils um 19:30 im HAU1 zu sehen.

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