Eine multimediale Lesung, bei der viel herumgelaufen wird: Büchners „Lenz“ in der Theaterkapelle

Lenz geht ins Gebirg, die Natur und sein Geisteszustand zerfließen im Wahnsinn. Nachdem er Halt sucht in familiärer Alltäglichkeit beim Pfarrer Oberlin, sich vorübergehend sammelt in Gesprächen über Kunst, kurze Erlösung im Masochismus findet, verliert er gänzlich seine Handlungsfähigkeit und wird in die Stadt zurück gebracht. „So lebte er hin“ endet die Erzählung Georg Büchners, die zu inszenieren eine Herausforderung darstellt. Und das gerade wegen ihrer überwältigenden sprachlichen Plastizität, ihrer Konsequenz in der Erkundung psychotischer Erfahrungswelten, die selbst eine Grenzüberschreitung vollzieht. Die Performance des „forum fragile“ in der Theaterkapelle, kommt aber gar nicht dazu, am Text zu scheitern. Sie scheitert am Grundlegenden und an ihrer Unentschlossenheit.

Auf der schmal bemessenen Bühne liefern sich Oliver Gabbert und Klaus Birkefeld die meiste Zeit über ein fruchtloses Hin und Her, nehmen Lenz‘ Wanderung wörtlich und schlurfen unermüdlich vor den Nasen der Zuschauer entlang. Weder diese Laufwege noch die plötzlichen Ausbrüche der Protagonisten erfahren dabei eine Motivierung aus Büchners Text oder der Inszenierung heraus. Die Aktionen stolpern über sich selbst, fast alle Einsätze und Übergänge wirken wie Schnappatmung zwischen zu schnell gehaspelten Phrasen in einer ästhetischen Rumpelkammer. Plötzlich ins Mikro zu brummen, ein paar Mal auf eine Trommel zu schlagen, den Kopf rot anlaufen zu lassen – das reicht nicht um so etwas wie den Sog des Wahnsinns herzustellen, in die Perspektive des Lenz zu schlüpfen.

Das klappt schon beim Vorlesen nicht. Die Akteure hantieren fast die ganze Zeit mit verschieden Skripten, bekommen dabei aber kaum den Kopf hoch, um Kontakt mit dem Publikum aufzunehmen. Sie lesen Wort für Wort im pathosschwangeren Staccato, ohne das ein Flow im Wechsel der Lesegeschwindigkeit entstünde, ihnen rutschen falsche Betonungen raus und wenn sie laut werden, klingt das eher als wären sie verzweifelt, den Text nicht zu beherrschen, es entsteht kein Dialog, aber auch kein glaubwürdiger Diskurs. Das wirkt wie eine erste Leseprobe.

Die Inszenierung versucht eine Art von Kapitel-Struktur, in der einzelne Sequenzen Überschriften bekommen, wie „Wollust“, „Erinnerungen“ und „Langeweile“, eine eher spröde, auschließlich psychologische Herangehensweise anhand von Begriffen. Spannender wäre es gewesen, die Immanenz der Konstellation zweier Akteure mit unterschiedlichem Alter in den Mittelpunkt zu stellen. Der Generationenskonflikt -in den Gesprächen mit Kaufmann, in der Auseinandersetzung mit Oberlin, wenn man so will auch in den inneren Kämpfen Lenz‘- scheint an vielen Stellen auf, beispielsweise in Interview-Situationen, in Kampf und Umarmung der beiden Akteure, wenn der Jüngere dem Älteren in der Kamera-Nahaufnahme das weiße Haar vom Kopf zu fressen versucht, oder wenn am Ende wieder eine kindliche Stimme aus dem Off zärtlich fragt: „Qu’est qu’il y a, mon cher?“. Da ginge aber viel mehr, man vermisst diesen kleinen Jungen auf der Bühne (der nebenbei den Text am besten spricht) und die Rollenwechsel der Protagonisten wirken zu bemüht: Oliver Gabbert bleibt der schlaksige Jüngling und Klaus Birkefeld bleibt die kauzige Autorität, mehr auch nicht.

Die vielleicht spannendste Frage diese Abends lautet: Was haben die Erfahrungen Lenz‘ mit dem Entfremdungsgefühl in der Großstadt zu tun? Wenn Lenz im Affekt die Tür am Ende des Bühnenflurs aufreißt (diese Tür scheint in der Theaterkapelle regelmäßig als Tür zur Vorhölle zu fungieren), blendet ihn gleißendes Licht und mit Qualm vermischt dröhnt ihm lauter, kratziger Rock entgegen, der ihn machtlos zappeln lässt, bis er mit letzter Kraft die Tür wieder zuschlägt. In den Video-Projektionen sieht man in einem düsteren Foto-Album verschiedene Köpfe auftauchen und verschwinden, als habe man es mit einem Alptraum verselbstständigter, untoter Social-Media zu tun, der Begegnung mit anderen nicht unmöglich macht, sondern bei dem man lieber keine Begegnung mit anderen haben will. Daneben erscheinen Ausschnitte aus dem Kurzfilm „KIMUSAWEA„, ein bemerkenswerter, leicht anachronistisch wirkender Film, der in seiner Auseinandersetzung mit urbanen sozialen Strukturen an experimentelle Filme der 20er Jahre erinnert wie etwa „Die Sinfonie der Großstadt“ (bei „KIMUSAWEA“ scheint allerdings dubioserweise auch die Abstiegsangst des weißen Mittelschichtsmannes auf). Lenz auf Großstadtstrukturen anzuwenden, kann wohl nicht ohne Weiteres von diesem Abend verlangt werden. Es ist dieser Inszenierung aber anzurechnen, nicht in die Heimat-, Natur-, Nostalgiefalle zu tappen, die auch fälschlicherweise in dem Text gelesen werden könnte.

Sich auf eine Lesung mit Klang- und Video-Versatzstücken zu beschränken, wäre vielleicht produktiver gewesen. Dazu wiederum braucht es mehr Feingefühl und vor allem Rhythmus, eine Musikalität des Sprechens, die zusammenhält. Ansonsten kann man gleich zum letzten Satz der Erzählung springen: „So lebte er hin“.

blog_sinfonie

Advertisements

2 Gedanken zu “Eine multimediale Lesung, bei der viel herumgelaufen wird: Büchners „Lenz“ in der Theaterkapelle

  1. Liebe Jenny Erpenbeck,
    Sie haben vollkommen recht. Ich habe das Zitat korrigiert. Und ja, Lässigkeit ist ein Problem journalistischen Schreibens und vielleicht auch dieser Kritik. Kritiken sollten nicht durch einen lässigen, abgeklärten Gestus als „fertig“ erscheinen, sondern eher die Aufführung von verschiedenen Seiten auf Augenhöhe befragen, diese sogar u.U. weiterspinnen, denke ich.
    Der selbsterklärten Aufgabe dieses Blogs, auch die Praxis der Theaterkritik zu reflektieren, könnte noch mehr nachgekommen werden.

    Herzlich,
    Clemens Melzer

  2. Der letzte Satz im Lenz heißt „So lebte er hin…“ und nicht „So lebte er vor sich hin.“Kritiker, die so lässig an anderen herumkritisieren, sollten doch besser selbst etwas genauer sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s