Vom Ballhaus Ost aus „Nach Westen, nach Westen“

„Nach Westen, nach Westen“, antworte ich auf die Frage, was ich mir denn ansehe im Theater. „Klingt nach Osten“, kommt prompt von einem Freund zurück und ich muss lachen. Ja, hier ist sie wieder die altbekannte Zweiteilung. Eine Stunde später sitze ich im vierten Stock des Ballhaus Ost in der ersten Inszenierung des Theaterkollektivs Elefant im Raum, einem Zusammenschluss aus ausgebildeten Schauspielerinnen und der Regisseurin Holle Münster. Mit Betonung auf „ausgebildeten“, denn gleich zu Beginn wird einführend die Authentizität gelobt. Hier wird nicht verkörpert und verfremdet, sondern die Geschichte dreier Frauen erzählt, die (scheinbar) wirklich in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind und bevor sie noch ein richtiges Verständnis für das Ossi-Dasein entwickeln konnten, sich das systemische Blatt auch schon gewendet hatte. Die Stigmatisierung zum Ossi bleibt haften, wird durchgehend persifliert und kulminiert gegen Ende der Aufführung (bereits nach der Wende) in einer Kindertalkshow mit dem wunderbaren Tim Tonndorf, der mit schwäbischem Akzent die Antworten der Kinder veralbert und verdreht. So wird der neuen „Produktvielfalt“, dem „Führungswechsel“ und der „Reisefreiheit“ der Stempel der „Wiedervereinigung“ aufgedrückt. Man ist wieder eine große Familie.

Dem folgt die „authentische“ Inszenierung von Münster nicht. Der Konflikt ihrer Geschichte dreht sich um die Fragen: Wer ist denn mein Vater? Wer ist denn mein Land? Und wer bin ich in diesem Vaterland? Trotz aller anfänglicher Selbstreferentialität auf die Mechanismen des Theaters und der Täuschung, in denen dem Zuschauer unter anderem das Werteurteil über die Aufführung als „bittere Ent-täuschung“ humorvoll ab-, wenn nicht gar weggenommen wird, bleibt Nach Westen, nach Westen immer auch auf einer Metaebene verhaftet, die von den Schauspielerinnen genutzt wird, um die Biografie von einem gewissen Michael Grimm „nachzuspielen“. Michael, der bespitzelte, aufrichtige Ossi-Handwerker. Michael, der unaufrichtige Ehemann, Vater dreier Töchter von drei Müttern. Michael der „unüberzeugte Minimalloyal“. Es ist eigentlich seine Geschichte, die in siebeneinhalb Kapiteln (Herz, Team, Hände, Mauer, ½ Treue, Arbeit, Wende, Handeln) in ständigem Rollenwechsel nacherzählt und nachgespielt wird.

Am Anfang wird der Zuschauer beim Betreten des Aufführungsraums vor die Wahl gestellt auf welcher Seite des Bühnenbildes er_sie Platz nehmen will.  Zwischen den bestuhlten Zuschauerräumen ist diagonal eine Art „Mauer“ mit laminatimitierendem PVC verkleidet eingebaut worden. Die Mauer ist natürlich keine Mauer, sondern kann gesehen werden, als was auch immer man sie sehen will. Denn es kann auch ein Rahmen, der das Theatralische reflektiert, oder ein Fenster mit Vorhängen sein, durch das man rüber sieht auf die andere Seite, zu den anderen Zuschauern. Das Bühnenbild fungiert zudem als ein Laufsteg, der von den Schauspielerinnen genutzt wird zunächst zur Präsentation des Stücks, dann zur Repräsentation. Sie befinden sich sinnbildlich im Dazwischen. Hin und Her gerissen zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Osten und Westen, zwischen Rollenspielen und der Vater-Tochter-Beziehung. Die Schauspielerinnen benötigen keine Mauergrenze mehr, um sich ständig einfühlenden oder bereits verinnerlichten Grenzerfahrungen auszusetzen und das Bühnenbild von Thea Hoffmann-Axthelm funktioniert auf jeglichen Ebenen, die die Inszenierung eröffnet. Auch ihre Kostüme und Requisiten fügen sich zu einem homogenen Ganzen, von Münster geschickt eingesetzt, um den Zuschauer bei der Hand zu nehmen und im ständigen Rollen- und Szenenwechsel ihn nur selten die Orientierung verlieren zu lassen.

Gröbere Schwächen offenbart hier vielmehr der Text, der zeitweise zu explikativ kommentiert, was denn nun gerade wer zu spielen hat, anstatt sich tiefergehend mit den siebeneinhalb Kapiteln der klar strukturierten Inszenierung einzulassen. Vielmehr spielt Nach Westen, nach Westen mit anschaulichen bis ins plakative gekneteten Bildern, um dem Text und vor allem den Kapiteln an ihrer Oberfläche gerecht zu werden, wodurch es die Ostthematik überspitzt ins vergangene humoristische Abseits schießt und Szenen mit Klamauk und Albernheiten anfüllt. Das Premierenpublikum hat sich dennoch amüsiert. Eine gewisse Katharsis muss Nach Westen, nach Westen demnach doch eingeräumt werden, selbst bei einem Nicht-Deutschen wie mir. Zu einem Ossi wird man erst richtig, so lehrt mir die Inszenierung, wenn man einen Wessi trifft. Und als am Ende der Aufführung ein Kind plötzlich die Bühne betritt und sich als vermeintlich vierte Tochter Michael Grimms bezeichnet, überführt Münster das alte Ost-West-Lied endgültig ins Jetzt und durch die Einführung einer Vertreterin der Post-Wiedervereinigungsgeneration zugleich ad absurdum. „Ich bin nicht im Osten geboren“, sagt das Kind und folglich befindet es sich auch „nicht im Westen“. Die Auflösung der alt gewordenen Ost-West-Dichotomie ist ein gelungener Abschluss für eine Inszenierung, die vor allem für jene ein Genuss sein wird, die in Ostalgie baden wollen undoder aus einer 80er-Generation entstammen mit diffusen Grenzerfahrungen.

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mit Anne Grabowski, Ulrike Sophie Rindermann, Janina Rudenska / Regie Holle Münster / Bühne und Kostüme Thea Hoffmann-Axthelm / Künstlerische Mitarbeit Tim Tonndorf / Regieassistenz Julia Jendrossek

Eine Produktion von Elefant im Raum in Kooperation mit dem Ballhaus Ost
Gefördert durch das Bezirksamt Pankow von Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur – Fachbereich Kunst und Kultur und den regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten

Weitere Vorstellungen: 08. / 09. / 11. / 12. Dezember und 10. / 12. / 16. Januar

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