Das Wieder(er)finden von Erinnertem: „O Jardim / Der Garten“ im HAU 2

Mit O Jardim / Der Garten feierte die brasilianische Cia. Hiato ihre Europapremiere (29.11.12) im HAU 2. Die Cia. Hiato agiert als ein Kollektiv, das mit ihrem 28-jährigen Regisseuren und Dramaturgen Leonardo Moreiro bereits jetzt in ihrer erst dritten Inszenierung zu einer aufsteigenden neuen Theatergeneration in der brasilianischen Kulturlandschaft gezählt wird.

Die Sprache des portugiesischen Stücks mit deutschen Übertiteln erweist sich über weite Strecken als eine Barriere, was besonders an den simultanen Geschehen und der narrativen Zeitstruktur liegt. Selbst für mich, der zumindest portugiesische Grundkenntnisse besitzt und nicht zwangsläufig von den Übertiteln abhängig war, erschlossen sich erst nach und nach die themenbezogenen Motive, die perfekt aufeinander synchronisiert sind, ohne dass der große technische Aspekt der Inszenierung jemals in seine Einzelteile zerfällt, sondern wie aus einem Guss wirkt. Je weniger die Sprache sich für die Zuschauer als Hürde erweist, umso mehr fügt sich die Geschichte zu einem Ganzen. Dies ist unerlässlich für das Gelingen und den Erfolg von O Jardim. Denn alleine können die drei simultan dargestellten Episoden nicht bestehen. Sie verkommen vielmehr zu einem uninspirierten, dramatischen Dialogisieren über erfundene, wiedergefundene und vergessene Erinnerungen, die gerade dadurch lebendig werden und sich zu einem Ganzen fügen sollten durch das eigene Sich-Erinnern der Zuschauer.
Was nun folgt, will ich als Spoileralarm kennzeichnen, was der Inszenierung ihre narrative Spannung nimmt, aber unumgänglich für eine Kritik ist. Interessant daran alleine das Spoilern, welches doch eher ein Phänomen der Filmkritik ist und nicht von Theaterkritiken. Hier zerstört es die ungewöhnliche kognitive Leistung des Sich-Erinnerns, welche alleine dem Zuschauer überlassen werden sollte, und worin sich O Jardim im Besonderen auszeichnet. Das Stück entwickelt einen faszinierenden Sog, der über die Aufführung hinausgeht und andauert – sofern man bereit ist sich zu erinnern.

Spoiler-Zone

O Jardim steht im Zeichen einer Dreiteilung. Den Zuschauern stehen drei Tribünen zur freien Auswahl, auf denen sie Platz nehmen können und zugleich die Chronologie bestimmt, mit welcher sie die jeweils drei Episoden aus drei unterschiedlichen Zeitepochen: 1938, 1979 und 2011 vorgeführt bekommen, die am 22. August spielen, dem Geburtstag der Hauptfigur Thiago. Die Episoden spielen alle gleichsam in einem imaginierten Garten. Die zu Beginn offene Bühnensituation wird von den Schauspielern_innen durch Pappkartons unterteilt in drei getrennte Räume, die zwar die Sicht auf das simultane Geschehen in den zwei anderen Räumen beinahe gänzlich verwehrt, jedoch durch die durchdringende Geräuschkulisse und Bezugnahme der Schauspieler_innen auf die Nachbarn_innen eine gemeinsame Narrative offenbaren, die besonders durch die verschobene Zeitlichkeit zu spannenden Irritationen führt. So befand ich mich zu Beginn mit dem Jahr 2011 konfrontiert, ohne zunächst die ungewöhnliche Narrative der Zeitstrukturen durchschaut zu haben. Aline, die Enkelin Thiagos, versucht zusammen mit der Hausangestellten Paula Gegenstände (Fotos, VHS, Kassetten, Schallplatten, Opas Rasierer, Pullover, Armbanduhr und Schuhe, etc.) vor den polnischen Hausbesetzern zu retten, die nebenan ein Gebrüll veranstalten und zu guter Letzt sogar den Geburtstagskuchen klauen. Die Episode 1938 löst dann die inneren narrativen Zusammenhänge zu der vorangegangen Szene auf. Hier stehen Thiago und Fernanda am Ende ihrer Ehe, auf der Schwelle in einen neuen Lebensabschnitt für den neuerfundene schöne Erinnerungen geschaffen werden sollen. Eine Szene, in der sich Tuscho zu Thiago verwandelt, seine polnischen Wurzeln endgültig ablegt und verschwinden lässt, sodass seine Enkelin 73 Jahre später die Polen zu Fremden erklärt, wohingegen sie lediglich ein Erbe auf den Besitz ihres Vorfahren erheben. Im Jahre 1979 ist Thiago ein Greis, der an Alzheimer und Demenz erkrankt ist, und am Tag seines Geburtstags von den Töchtern Mariah Amélia, die schwanger mit Aline ist, und Luciana ins Altersheim gebracht werden soll. Auch hier befindet sich die Familie in einem Aufbruch und es fehlt nicht daran sinnstiftende Zusammenhänge zu erzeugen, in denen vergessene Erinnerungen wiedergefunden werden wollen und der Greis Thiago sich apathisch, lebensfern plötzlich an den Brüsten der Tochter festhält. Der Zuschauer begreift gleichzeitig die Sehnsucht, die den Greis nach der Exfrau Fernanda erfüllt, vor der er sich vor genau 41 Jahren getrennt hatte. Damals führte sie seine Hände an ihre blanken Brüste in einem Akt der Verzweiflung und der Angst vor dem Verlust ihres geliebten Ehemannes.

Spoilerfreie Zone

Dies sind nur kleine Einblicke in O Jardim, die aber zugleich die starke konzeptionelle Idee aufzeigen. Der Umgang der Cia. Hiato mit Formen des Erzählens im theatralen Kontext stellen – zumindest für mich – eine erfrischende, spannende Innovation dar, die nicht weniger mutig sind, nur weil sie einem relativ klassischen Theaterverständnis folgen, das sowohl im Schauspiel und als auch der dreiaktigen Dramenstruktur ersichtlich wird. Es ist jedoch gerade die Zeitlichkeit, die den Zuschauer dazu zwingt zwischen den Episoden in einem Prozess des Erinnerns hin und her zu schweben, weil sie nie explikativ sind, weil sie in ihrer zeitlichen Paradoxie gleichzeitig erfahrbar werden, aber Jahrzehnte zwischen ihnen liegen.
Das Bühnenbild von Marisa Bentivegna, bestehend aus Pappkartons, zeigt nicht nur sinnbildlich wie Erinnerungen angehäuft und in Umzugskartons gepackt und vergessen werden können, sondern auch dass es die spezifischen Inhalte sind, die sie beherbergen, die wieder ausgepackt werden können und neu sortiert werden. Am Übergang zu einem neuen Lebensabschnitt werden nur jene mitgenommen, denen eine bedeutsame Erinnerung zugeschrieben und für den Umzug wieder eingepackt werden, um der Geschichte einen neuen Verlauf zu geben und weiterzuziehen – vor die nächste Zuschauertribüne.

Die Arbeitsweise der Cia. Hiato erweist sich als ein ungewöhnlicher Hybrid zwischen einem traditionellen Dramenstück, das Theater als Sinnbild des menschlichen Lebens versteht, und einer zeitgenössischen performativen Ästhetik, in der sich die Zuschauer im unaufhörlichen Übergang zwischen dargestellten und eigenen Erinnerungen befinden. Das Gesehene verwandelt sich in Erinnerung, die sich sogleich wieder transformiert und eine Unsicherheit zurücklässt, ob im fiktiven Garten das Gesehene noch das ist, als was man es sieht und gesehen hat, ist es schon wieder vorbei oder ist es überhaupt jemals wirklich so gewesen. Symptomatisch für die Zeitlichkeit steht bereits der Name der Cia.: Hiato. Ein Hiatus ist eine Öffnung, ein Spalt, der sich zwischen den Dingen auftut. In diesem Sinne wird auch der Zuschauer zum Beteiligten an der Aufführung, in dem er gezwungen ist zwischen den drei simultan dargestellten Geschichten Verbindungen zu schaffen und – so abgelutscht theaterwissenschaftlich dies auch klingen mag – die Aufführung somit erst selbst hervorbringt durch die erfahrenen Erinnerungen.

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