Eine Frage des Schätzens: „Zusammenstoß“ im Ballhaus Ost

Man mag es als ungerecht empfinden, eine Aufführung auf ihren Entstehungsgrund zu befragen, nur weil das realisierte Stück der klassischen Avantgarde zuzurechnen ist. In Anbetracht der weitgehend konventionellen Spielpläne der großen Theater kommen schließlich auch wenige auf die Idee, der verwendeten Literatur ihre Geschichtlichkeit zum Vorwurf zu machen – dabei wäre sie vielleicht manchen Fällen angebracht. Auf der anderen Seite provoziert natürlich der Name Kurt Schwitters die Assoziation mit der schon lange mythologisierten Revolution in der Berliner Kunst der Zwischenkriegszeit, das sich gerade im Falle DADA den Widerstand gegen jeglichen Kanon, gegen überhistorische Geltungs- und Sinnansprüche im Allgemeinen auf die Fahnen geschrieben hatte.

Auf den ersten Blick legitimiert und beantwortet sich die Frage also von selbst: die Avantgarde lässt sich nicht wiederholen. Im Falle von Schwitters merkt man allerdings schnell, dass seine „Öffnung der Poesie hin zur Trivialität, zur Banalität und“, man staune, „sogar zur Albernheit“ (Bernd Scheffer)1  eine derartige Herangehensweise zunächst, gelinde gesagt, nicht nahelegt. Das scheinen auch die MacherInnen von „Zusammenstoß“ am Ballhaus Ost so gesehen zu haben und inszenieren das Libretto als unterhaltsamen Schwank über den Weltuntergang. Die Gefahr droht von einem grünen Planeten, der – die Berechnungen widersprechen sich – auf dem Potsdamer Platz aufprallen oder auf Höhe des Tempelhofer Feldes knapp an der Erde vorbei ziehen wird. Das hat Konsequenzen für die diversen Mitglieder der Massengesellschaft, denen allesamt, so die Ironie, die Schocktheraphie eines Meteroiteneinschlags nicht ungelegen käme, in Anbetracht ihrer erbärmlichen Verfassung.

Das wird vor allem über die Mittel von Kostüm und Choreographie vermittelt, wie es Schwitters‘ Libretto wohl auch nahelegt. Unter aufwendigen Masken ordnen sich die Schauspieler zu immer unterschiedlichen Konstellationen und besingen in Weillschem Pathos die Apokalypse. Das ist vor allem zu Beginn eindrücklich, verliert allerdings im Laufe der Zeit an Reiz und Spannung. Das mag auch an der Struktur der montagierten Wiederholung liegen, die dann auch die selbst nach dadaistischen Kriterien – und die gibt es sicher – nicht unbedingt außergewöhnliche sprachliche Qualität des Textes enthüllt und damit doch wieder auf die Eingangsfrage verweist. Denn leider vermittelt sich der lakonische Ton nur selten, der tatsächlich eine zentrale und auch über sich hinausweisende Stärke von Schwitters und DADA darstellt. Und damit scheint die Inszenierung letztendlich in die von ihm selbst gestellte Falle zu tappen, Schwitters zu unterschätzen – denn unabhängig davon, inwiefern Dramen, die nach der Form der Montage strukturiert sind, heute eher einer konventionellen Erfahrungsstruktur entsprechen, scheint es vor allem jener Ton zu sein, der dieser Kunst nach wie vor eine Attraktivität verleiht, die nostalgische Projektionen nur verdecken können.

1Bernd Scheffer: Die überschätzte Unterschätzung eines Autors und eines Begriffs. Zu Kurt Schwitters und zur Montage, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik Nr. 12/46.

 

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