Freiheit und Alltag: „Melodrama“ im HAU1

In Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ berichtet ein namenloser Erzähler von der Maus Josefine, die sich mit großer Sturheit dazu berufen fühlt, vor den anderen als Sängerin aufzutreten – und das, obwohl ihr Gesang nichts weiter ist als das Pfeifen, das doch alle Mäuse ohne darüber nachzudenken von sich geben. Trotz oder gerade wegen ihrer Gewöhnlichkeit jedoch, stößt Josefines Kunst bei den Mäusen auf große Resonanz. Die Gesellschaft der Mäuse versammelt sich in den schwierigsten Zeiten ihres an Belastungen ohnehin nicht armen Lebens, um ihr zuzuhören:

„Hier in den dürftigen Pausen zwischen den Kämpfen träumt das Volk, es ist, als lösten sich dem Einzelnen die Glieder, als dürfte sich der Ruhelose einmal nach seiner Lust im großen warmen Bett des Volkes dehnen und strecken. Und in diese Träume klingt hie und da Josefinens Pfeifen; […] Etwas von der armen kurzen Kindheit ist darin, etwas von verlorenem, nie wieder aufzufindendem Glück, aber auch etwas vom tätigen heutigen Leben ist darin, von seiner kleinen, unbegreiflichen und dennoch bestehenden und nicht zu ertötenden Munterkeit. Und dies alles ist wahrhaftig nicht mit großen Tönen gesagt, sondern leicht, flüsternd, vertraulich, manchmal ein wenig heiser. Natürlich ist es ein Pfeifen. Wie denn nicht? Pfeifen ist die Sprache unseres Volkes, nur pfeift mancher sein Leben lang und weiß es nicht; hier aber ist das Pfeifen freigemacht von den Fesseln des täglichen Lebens und befreit auch uns für eine kurze Weile. Gewiß, diese Vorführungen wollten wir nicht missen.“

Der Kern dieser Fabel – die Überhöhung des Alltäglichen durch die Künstlerin, eine anmaßende Entwendung, deren Inszenierung vom ‚einfachen Volk‘ zugleich geheiligt und belächelt wird und das Alltägliche doch durch die Trennung von seinem praktischen Vollzug überhaupt erst wahrnehmbar macht – trifft exakt das Konzept der Performance Melodrama, die nach Gastspielen an verschiedenen europäischen Theatern nun auch im HAU 1 zu sehen war.1 Die Josefine in diesem Ein-Frau-Stück ist eine doppelte Eszter Salamon. Salamon, das ist zum einen die junge Performerin, die den zweieinhalbstündigen Abend sitzend bestreitet, unterstützt nur von einer Zimmerpflanze und atmosphärischen Musikeinspielungen von Terre Thaemlitz. Sie ist zum anderen jene 62-jährige jüdische Ungarin, die von Salamon der Jüngeren interviewt den Text für die Performance liefert. Dieser besteht aus einer ebenso ausführlichen wie beiläufigen Erzählung ihrer Lebensgeschichte.

Der Kampf mit Armut und Mangelwirtschaft steht darin neben Bürostreitigkeiten der mittleren Beamtenlaufbahn und Anekdoten über die sexuelle Unerfahrenheit ehemaliger Partner, die wirtschaftlichen Liberalisierungen der sechziger Jahre werden erwähnt und als nutzlos abgetan, im selben Atemzug Politik und Automodelle diskutiert, wie auch die Feinheiten der gleichzeitigen Beziehungen zu mehreren Männern. Mit zunehmendem Alter treten die Auseinandersetzung mit der Religion und auch mit der Einsamkeit in den Vordergrund, Salamon meldet sich bei einer Internet-Dating-Börse an und konvertiert zum Judentum, für die Prüfung lernt sie die hebräischen Gebete auswendig, die ihr Vater nicht kennen musste, „weil der ja schon Jude war“. Salamon begegnet dem Zuschauer dabei als selbstbestimmte und scharfsinnige Frau, die sich mit einer lapidaren Munterkeit und Beharrung auf Autonomie durchs Leben schlägt, auch wenn das Geld immer wieder knapp ist und die sexuelle Befriedigung an der Unfähigkeit der Männer scheitert.

Ganz wie in Kafkas Erzählung wird so das intime, gewöhnliche und kleinteilige des individuellen Lebensverlaufs auf der Bühne mit den symbolischen Weihen der Kunst versehen und erweist sich dort als fesselnder Vortrag, der keinen anderen Mitteln der Dramatisierung bedarf, als jenen, die ohnehin verwendet werden, wenn es darum geht, sich über die eigenen Lebensbedingungen Rechenschaft abzulegen. Es wird deutlich, dass der künstlerische Akt nicht darin besteht, die Formen in genialischer Weise aus dem Nichts oder aus sich selbst zu erschaffen. Das Alltagshandeln enthält bereits eine unüberschaubare Vielzahl an ästhetischen Formen und Strategien der Ästhetisierung.2 Bloß können diese nicht als solche erlebt werden, weil sie vorrangig als Teil eines praktischen Kontexts erscheinen und dadurch gewissermaßen ‚entschärft‘ werden.

Eszter Salamon führt in Melodrama durch die einfache Wiederholung des Gesagten auf der Bühne vor, wie klein im Grunde der Schritt ist, der diesen Alltagsformen und -erzählungen zu ihrem ästhetischen Recht verhilft. Zugleich wird jedoch auch klar, wie stark der künstlerische ‚Bruch mit der Alltagswahrnehmung‘ als soziale Grenze funktioniert, zwischen denen, die zum künstlerischen Sprechen legitimiert sind und denen, deren Sprechen im Profanen oder Nischenhaften verbleibt. Salamon die Ältere spricht dies gegen Ende der Performance durch den Mund der Jüngeren aus, wenn sie sinniert, was beiden Salamons gemeinsam sei: Beide hätten wohl Spaß daran, zu spielen. Bloß sei die Performerin auf der Suche nach einer Weise sich auszudrücken, während sie selbst bloß eine Angeberin sei. Es ist das große Verdienst der Performance, diese Teilung aufzuheben, ohne Exotismus und Sozialromantik und überhaupt „nicht mit großen Tönen […], sondern leicht, flüsternd, vertraulich, manchmal ein wenig heiser“.

Melodrama \ Konzept, Interviews & Performance: Eszter Salamon \ Text: Krimerné Dr. Eszter Salamon \ Textbearbeitung: Lindy Annis & Eszter Salamon \ ONLINE UNTER: http://issuezero.org/mi.php?id=10

1Am 28.11.2012. Eine Aufnahme der gesamten Performance ist im Internet verfügbar: http://issuezero.org/mi.php?id=10

2Von denen die allgegenwärtigste wohl eben das Sich-Rechenschaft-Geben ist, das ‚giving an account of oneself‘, in dem die Herstellung von Zurechnungs- und damit auch Handlungsfähigkeit in eins fällt mit dem Finden einer angemessenen Form der Erzählung.

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