Braunes Nirwana: „Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ im Ballhaus Naunynstraße

„Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ soll BKA-Chef Jörg Ziercke 2006 als Ermittlungsergebnis des NSU-Untersuchungsausschusses bekannt gegeben haben. So Mely Kiyaks Notizen, die als Material für die gestrige Uraufführung des neuen Stücks von Marianna Salzmann und Deniz Utlu dienten. Die Zuschauer erwartet aber kein Re-enactment und keine dokumentarisch Besonnenheit, sondern sie werden mit opulent-verspielter Fiktion beschossen, die jäh bricht und Hilfe im Appell sucht.

Die Zuschauer sitzen in schräg in die Ecken gedrückten Rängen und schauen auf ein ovales Bassin mit braunem Matsch. Alle sitzen sie drin, im widerlichen, braunen Matsch: Die FDP-Abgeordneten bei ihrer Tagung, der NSU-Untersuchungsausschuss  und sowieso die sächsischen Nazis im Wald. Der klebrige Schlick schmatzt und rülpst bei jedem Schritt, den Catering-Leiharbeiter Andreas tut, stets bemüht nichts falsch zu machen. Aber schon im Gespräch mit dem FDP-Abgeordneten geht alles schief: Andreas wird erst gefragt, ob er schwul sei und muss sich von Schwulen mit Nazi-Fetisch erzählen lassen. Als er fragt, ob der Abgeordnete das mit dem Fetisch von Westerwelle habe, droht der ihm mit Anzeige wegen homophober Äußerungen, um ihn gleich darauf als schwule Sau zu beschimpfen.
Es ist das Verfahren des Abends: Formen von Diskriminierung werden zusammengegrabscht, durchgeschüttelt und in ein zynisches Tableau geworfen, in dem die Kontingenz ihrer Verwendungsmöglichkeiten sichtbar wird. Die haben da aufgehört, wo Leas Bekannter mit Seitenscheitel aus braunem Schlamm und Hitlerbart jammert, man halte ihn für einen Nazi. Und das Verfahren versagt schlussendlich, wenn die Schauspieler das Handtuch werfen, sich als Schauspieler zu erkennen geben und abgehen. Eine ganze Reihe von Fragen war aber schon vorher offen.

Andreas hat Lea gebeten ihm zu helfen, da er illegal „Deutschland schafft sich ab“ heruntergeladen hat und 800,- Euro aufbringen muss, worauf sie ihm Bekannte vorstellt, die einen Überfall auf Ausländer planen. Andreas ist entschlossen mitzumachen, auch wenn der Plan sich ständig ändert, u.a. ein Fernseh-Sender und ein Rabbi dazukommen sollen, wobei niemand sich besonders viel von der Aktion erhofft, außer Andreas. Die Fragen nach deutschem Eis im Stadion, der NSU-Untersuchungsausschuss, wo ein Hammelsprung gemacht wird und niemand an ein rechtsextremistisches Motiv glaubt („Wir waren in der Türkei und haben ermittelt, aber da war nix“), die Geliebte, die statt zu knutschen über die „krassen Morde“ reden will, die rhetorisch kraftstotzende Hohlheit der Neo-Nazis (die eher die Rolle der harmlosen Idioten innhaben), die Erinnerung an einen vom Smog getöteten Dackel – das alles wird zu viel für Andreas, der ein absolutes Gedächtnis besitzt und eigentlich Imker ist. Er dreht durch und erschießt die deutsch-nationalen Jugendlichen, mit denen er Ausländer überfallen wollte, kommt vor Gericht und wird in rassistischen Verhören verdächtigt, Islamist zu sein.

Der dramatische Text strotz vor Ideen, hat witzige Momente, kluge Einfälle, tolle Dialoge. Er scheitert aber an seiner thematischen Überfrachtung und dem unbedingten Wunsch, einen Plot mit einem halben Dutzend unerwarteten Wendungen zu konstruieren. Da hilft weder die Regie Lukas Langhoffs noch der Kniff, am Ende in ätzende Selbstreferentialität zu switchen. Vielleicht könnte der plötzliche Bruch, das Bekenntnis zum Scheitern Werkstatt-Charme haben, ohne die Didaktik: Statt zuhause DSDS zu schauen, solle man auf die Straße zu den Demos gehen. Ja, natürlich muss das man. Aber im Ballhaus Naunynstraße steckt doch mehr als eine plumpe, moderate Aufforderung zu zivilbürgerlichen Engagement. Das Ballhaus Naunynstraße sollte ein Ort sein, an dem sich Gegenkultur radikal und selbstsicher konstituiert, gleichzeitig wirklich hinterfragt und Formen nicht-diskriminatorischer Performanz entwickelt. Wenigstens ab und zu. Das passiert nicht, wenn sich das Premierenpublikum auf die Schulter klopft und auf die Belehrung hoffentlich verblödeter, DSDS-schauender Jugendlicher in zukünftigen Vorstellungen spekuliert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s