Kekse, Tee und Rüschen: „Bunbury“ im Stadtbad Steglitz

Jack und Algernon, zwei Lebemänner in weißen Rüschen, sitzen vor einem Gemälde, das einen Aristokraten mit seinen Hunden bei der Jagd zeigt, und streiten um Butterschnittchen. Ein Butler tritt ein, erwischt die beiden bei Tanz und Po- Gewackel, geht wieder raus, um noch mal anzuklopfen, die Hacken zusammen zu schlagen und zu kreischen, dass Lady Bracknell und ihre Tochter Miss Fairfax zu Besuch kommen. Im nächsten Moment sieht man Jack und Algernon dabei, wie sie die Frauen umgarnen, sich dabei gegenseitig die Stühle wegnehmen und sich zuschielen. Lady Bracknell verlangt herrisch nach Gurkenschnittchen, der Butler, der per Zeichensprache signalisiert bekommt zu sagen, Gurken habe es nicht gegeben, denkt, es ginge um Bananen, Miss Fairfax, mit Vornamen Gwendolen, füßelt mit Johns Strumpfhalter, was John in erregten Zustand versetzt.

„Bunbury“, die erfolgreiche Komödie von Oscar Wilde, bietet alles, was es zum theatralen Anachronismus braucht: Liebe, Lügen, Verwechslungen, happy end. Und die Regisseurin Beatrice Murmann hat im Stadtbad Steglitz dafür gesorgt, dass die Zuschauer auch ja die volle Ladung an vorausschaubaren, bieder-boulevardesken Theatermitteln abbekommt, die scheinbar dazugehören müssen: Da wird sich (fast) am Tee verschluckt, mit den Augen gerollt, in vollendeter Affektiertheit rumgeschäkert und -geschmollt, da werden die geheimen Gedanken zum Publikum geflüstert und ständig dreht sich jemand erschrocken auf dem Absatz um. Das einzige, was fehlt, sind Ohrfeigen und verrutschte Toupées.

Und darum geht es: John und Algernon führen ein betrügerisches Doppelleben. So behauptet Jack einen Bruder namens „Ernst“ zu besuchen, sobald er in der Stadt weilt, wobei er sich in der Stadt selbst „Ernst“ nennt. Einen „Ernst“ zu heiraten ist das Lebensziel von Gwendolens, um deren Hand er anhält. Nie könnte sie dieselben Gefühle für ihn aufbringen, wenn er einen anderen Namen trüge wie z.B. „Jack“, also beschließt Jack sich nochmals taufen zu lassen. Den gleichen Plan, sich „Ernst“ taufen zu lassen, verfolgt Algernon, der sich bei einem Besuch von Johns Landhaus in dessen Mündel Cecily verliebt und sich ihr gegenüber als Jacks Bruder „Ernst“ ausgibt, um dann mit ihr im Nebenzimmer zu verschwinden. Als Jacks Fiancée Gwendolen auftaucht, führt das natürlich zu Streit zwischen den beiden, da sie meinen, die jeweils andere habe ihr „Ernst“ ausgespannt. Kaum ist die Verwechslung aufgeklärt, tritt die strenge Lady Bracknell auf, die Gwendolens Heirat mit Jack verbietet, da dieser als Säugling in einer Reisetasche auf dem Bahnhof gefunden wurde.

Die sechs Schauspieler brauchen Zeit, um sich warm zu spielen. Rob Wyn Jones als Algernon beherrscht die alte Schule der Komik, kann die Augenbrauen in alle beliebigen Winkel ausrichten, winseln und mit einem britischen Akzent, der ihm sehr zu Gute kommt, herumröhren. Trotz Reaktionsschnelle und Präsenz braucht sich sein Repertoire während der anderthalb Stunden ein wenig auf. Jack, den Yuri Garate verschmitzt übers Parkett tänzelt, wirkt daneben zunächst leise und verhalten, setzt dann mit subtilen Momenten Pointen, nie werden die Gags aber ganz den Muff, einstudiert auszusehen, los. Unter den Frauen sticht Julia Thurnau als Lady Bracknell hervor, selbst mit einer herausgepressten Träne bleibt sie jedoch statisch. Mehr scheint das enge Korsett von Text und Regie nicht herzugeben. Das Publikum wird in verschiedene Räume des Stadtbads geführt (leider nicht in die ehemalige Schwimmhalle selbst), die Protagonisten singen halbherzig und tanzen halbherzig der Übergänge wegen, ein Ventilator kommt zum Einsatz und lässt die Haare flattern – Mut, Witz, Innovation zeigt die Inszenierung nicht.

Auf wundersame Weise bekommen die Männer am Ende doch noch ihre Frauen, was mit einer beträchtlichen Hinterlassenschaft zu tun hat und damit, dass Jack eigentlich doch „Ernst“ heißt und Lady Bracknells Neffe ist. Jack hat also die ganze Zeit statt zu lügen die Wahrheit gesagt. „Über die Bedeutung ,Ernst‘ zu sein“, wie der zweite Titel lautet, meint also vor allem: Es gibt richtige Namen und falsche Namen. Es gibt die richtigen Aristokraten und die falschen. Auch die feine Gesellschaft, die sich selbst inszeniert und dabei vor allem trottelig wirkt, hat ihren wahren Kern in Erbfolge und Geld. Das Programmheft ist nichtdestotrotz optimistisch, hierin finde sich irgendwo Bezug zum „noch-nicht-so-spiessigen“ Berlin und Sozialkritik: „Besonders aktuell ist die Beobachtung des Abstiegs vom höchsten ethischen Anspruch in die Niederung des Finanziellen“. Niederungen ja, höchster ethischer Anspruch eher nicht.

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