Let’s break free! „Der Firmenhymnenhandel“ im Heimathafen Neukölln

 

In a world of deep confusion theres so much going on, we need a burning vision, a dream to make us strong. […] Are you ready for adventure, are you ready for something strange, are you ready for the future, are you ready for the change.“

—-

„Fun ist ein Stahlbad.“

Wem es abwegig erscheint, eine Verbindung zwischen diesen beiden Zitaten herzustellen, dem ist ein baldiger Besuch im Heimathafen zu empfehlen. Die Zusammenführung von den absurdesten Blüten des kapitalistischen Legitimationsbetriebs1 und Versatzstücken einer kulturkritischen Interpretation derselben2, ist Programm im Firmenhymnenhandel, dem Hybridgebilde aus Theaterstück, Musical und Videoclips von Thomas Ebermann, das am 8., 9. und 10. Dezember in Neukölln seine Berlinpremiere feiert.

Das Stück über die Praxis des Firmenhymnenhandels ist voll von direkten und indirekten Anspielungen auf Theorien der Kulturindustrie, Entfremdung und des modernen Selbstoptimierungsterrors. Die Thematik bietet sich an, um den kreativen Ausverkauf und die Selbstverleugnung des Künstlers (der seine Selbstverwirklichung analog zur Revolution auf den Sanktnimmerleinstag verschiebt) einerseits und die perfide Einbindung in die unternehmerische Identitätsmaschinerie der Arbeitnehmer andererseits, zu veranschaulichen.

Wie man unter firmenhymnen.de ganz unironisch (und deswegen um einiges beängstigender als auf der Bühne) feststellen kann, handelt es sich bei dem  „Popsong für Ihr Unternehmen“ um ein durchaus reales und in seiner Gänsehautproduzierenden-Fremdschäm-Qualität ernstzunehmendes Phänomen. Textzeilen wie „Defining the future, meeting the best. Lets break free – with Südchemie.“ übertreffen die im Stück abgespielten Fake-Hymnen in ihrer Unreflektiertheit und (vermeintlichen) Naivität. Eines der perfidesten Angebote der Hymnenhändler, die sogenannte Fusionshymne „aus Konkurrenten werden Kollegen“ hat es leider auch nicht in Ebermanns Tour de force des A-Z der Entfremdungstheorie geschafft. Die Fiktion bleibt hier hinter der Realität zurück; es gibt anscheinend Grenzen der Darstellbarkeit von Verblendung, eine detailgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit würde als überzogene Künstlerparanoia abgestempelt werden.

Den Zuschauern werden im Verlauf des Abends verschiedenste Typen vorgestellt: der gescheiterte und inzwischen systemkonforme Künstler, der kulturpessimistische Zyniker, der im Endeffekt aber auch nur die Anerkennung des Marktes anstrebt, die Personalmanipulatorin, die ihre eigenen Empowerment- und Individualitätsslogans wahrscheinlich besser verinnerlicht hat, als alle ihre Versuchskaninchen, sowie der altmodische, profitgierige Unternehmer. Die leicht gehässige Hoffnung, dass Robert Stadlober, den man aus Crazy oder Sonnenallee kennt, auf der Bühne enttäuscht, wird nicht erfüllt. Alle Schauspieler überzeugen gleichermaßen, fast so sehr, dass man sich fragt inwiefern sie auch ihre eigene Rolle im Kulturbetrieb auf die Bühne bringen.

Bei all diesen soziologischen und kulturkritischen Anspielungen, den durchaus unterhaltsamen Dialogen und den eingespielten Musikclips der Firmenhymnen3, kommt der/die Berliner Theaterbesucher_in vermutlich nicht umhin an René Pollesch zu denken. In vielerlei Hinsicht erinnert die gehobene Komödie, die sich auf der Bühne entwickelt, der es weniger um Handlung und Charakterentwicklung als um Lacher und Denkanstöße geht, an den Liebling der Berliner Kulturszene. An zahlreichen Stellen bringt der Firmenhymnenhandel es aber auf eine Ebene der Selbstreflexion und -ironie, die Polleschstücken bedauerlicherweise zumeist abgeht. Es ist gerade das ohnmächtige Bewusstsein der in das Selbst verlegten gesellschaftlichen Widersprüche, das im Stück eindringlich abgebildet wird und durch die innige Verwandtschaft zwischen den Charakteren und dem Publikum noch mal an Schärfe gewinnt. Die eklatante Überschneidung zwischen den desillusionierten ehemaligen Revoluzzern auf der Bühne4 und den kapitalismuskritischen Kunstinteressierten im Zuschauerraum, machen das Publikum gleichzeitig zum Opfer sowie zur Komplizin der Gesellschaftskritik. Mehrere Male gelingt es den Schauspielern ein Lachen über die Absurditäten mit einem Ekel nicht nur vor dem Dargestellten, sondern vor allem aber auch vor sich selbst zu verbinden.5

Ob diese Verbindung es auch schafft zumindest in den Köpfen der Zuschauer die unendlichen Spiralen von Selbstkritik, -ironie, -hass aufzulösen, ist schwer zu sagen. Ob es sich bei ihrem Lachen um ein „versöhnte[s] Lachen“, ein „Echo des Entronnenseins aus der Macht“, oder um ein „schlechte[s]“ handelt, das „ zu den Instanzen überläuft, die zu fürchten sind“ ist wohl auch schwierig zu beantworten.

Sicher ist wohl nur eins: „Gelacht wird darüber, daß es nichts zu lachen gibt.“ 6

1 Es handelt sich hierbei um die Hymne der Hypovereinsbank.

2 Dieses Zitat stammt aus dem Kulturindustriekapitel der Dialektik der Aufklärung, dem Ursprung aller Kalendersprüche für Kulturpessimisten.

3 Für welche augenscheinlich die gesamte Hamburger Schule und geistig-verwandte kulturbürgerliche Popgestalten sich hergegeben haben.

4Ein Typ, der dem Grünenaussteiger Ebermann nur allzu bekannt sein dürfte.

5Die sicherlich umstrittene These hier wäre, dass Polleschstücke eher dazu dienen einen Ekel-nach-Unten und ein behagliches Überlegenheitsgefühl zu erzeugen.

6Alle Zitate aus dem Kulturindustriekapitel, unmittelbar vor oder nach dem Stahlbad-Zitat.

Der Firmenhymnenhandel von Thomas Ebermann mit Pheline Roggan, Rainer Schmitt, Robert Stadlober, Tillbert Strahl-Schäfer.

mit Beiträgen auf der Leinwand von Ja Panik, Gilla Cremer, Rocko Schamoni, Bernadette la Hengst, 1000 Robota, Dirk von Lowtzow, Nina Petri, Harry Rowohl u.v.m.

Am 8., 9. und 10. Dezember im Heimathafen Neukölln

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