Simple Science-Fiction: „Sprachlabor Babylon“ in den Sophiensälen

Headsets und durchsichtige Kugeln mit Mushrooms hängen von der Decke, weiße Plastikstühle sind locker im Raum verteilt, mittig steht eine weiße Säule mit leuchtendem Kopf, sphärische Klänge und Minimal-Musik lullen die Gäste ein und statt auf eine Bühne schauen die Zuschauer auf eine große Schalttafel. Zwei Moderatoren in blauen Anzügen nach Star-Trek-Art, Nina Tecklenburg und Martin Schick, plappern eifrig und wie ferngesteuert über die neuen Sprachprodukte der Firma „Deutsch“: „Hochpoetisch“, „Exzellenzdeutsch“ und „Spardeutsch“.

Kurz zuvor haben die beiden das Paradebeispiel einer überflüssigen Einführung geliefert: Vor allem schien ihnen am Herzen zu liegen, dass es sich um ein „Preenactment“ handelt, das Gegenteil vom Reenactment, da in die Zukunft gerichtet*. Als Höhepunkt dient ein flapsiges „Sag mal, performst Du noch, oder preenactest du schon?“.

Es geht um folgendes Szenario: In der Zukunft sind Sprachen privatisiert und man hat sich die verschiedenen Sprachprodukte wie Deutsch oder Spanisch gegen Geld ins Gehirn runterzuladen. Im postnationalen Zeitalter konkurrie- ren die Sprachen auf einem globalen Markt und müssen sich Extras zulegen wie z.B. Dialekte, auf „Hm“ reduziertes Spardeutsch oder Hochpoetisch, eine Collage kanonisierter Gedicht-Versen usw. Die Zuschauer werden dabei zunächst als „Probanden“ ausgebeutet und sollen das Sprachprodukt weiterentwickeln. Es hat einen tollen Effekt, wenn nach performten Sicherheitshinweisen wie im Fluzeug die Kopfhörer aufgesetzt werden und alle im Raum plötzlich nur noch auditiv dem Geschehen folgen.

Durch die Kopfhörer bittet eine Stimme, Wörter zu erfinden, z.B. für einen Friseurladen oder eine Mischung aus Spaß und Arbeit oder ein zukünftiges Mittel der Fortbewegung. Das wird von einem Techniker, der seitlich hinter einem Schaltpult thront, zu Sätzen zusammengefügt, die dann wiederum von allen angehört werden. Das Konzept ist nur zu loben, was rauskommt sind plumpe, vorgefertigte Sätze. „Energiespeicher“ wird mit einem Glas Sekt als innovative Wortschöpfung gekrönt, eigentlich nur, weil ein Zuschauer „Energiespeicher“ witzig betont hat. Oder die Zuschauer sollen in Zweier-Pärchen miteinander Dialoge führen (Exzellenzdeutsch: „Will er meiner Tochter Klavierstunden geben?“), wobei Ihnen jeweils Frage und Antwort vorgesagt werden. So führen die Anweisungen aus den Mikrofonen bei den Zuschauern meist zu Aufregung und lautem Lachen, das Umsetzen/Anhören der Satz-Collagen bewirkt meist nur ein müdes Lächeln, zwischen wohlwollend und peinlich berührt.

Unabhängig vom erstaunlich lausigen Spiel der beiden sonst sehr schneidigen Performer bleibt der Abend spektakulär unter seinen Möglichkeiten. Aber zwischen den Aktionen immer wieder auf, wie großartig man so etwas schreiben und inszenieren könnte. Eine Voraussetzung dafür wäre, das Thema ernst zu nehmen. Das Konkurrieren verschiedener Ausdrucksweisen, das reziproke Sich-Bedingen von Sprache und Weltwahrnehmung, die Beschäftigung mit Dialekten und Soziolekten vor diesem Hintergrund – Das kann unglaublich spannend sein. Sprachen sind ja tatsächlich lebendig und überschreiten unaufhörlich nicht nur nationale (auch intentionale) Grenzen trotz aller Regulierungsversuche.

Zu diesen Regulierungsversuchen gehört aber leider die Inszenierung mit ihrem naiven Bild von Sprache. Eine Neubearbeitung/-schreibung dieses Stoffes mit ein bisschen Mut zu wirklichem Babylon ist unbedingt nötig. Jedem, der sich so etwas vorstellen könnte, sei also dringlichst zu einem Besuch von „Sprachlabor Babylon“ geraten.

Und noch eine Randnotiz: Die Performer waren noch dabei, eine kurze Pause anzukündigen, da fielen die ersten jugen Leute schon über die Mushrooms her. Noch alarmierender: Als ich letzte Woche die Tanzperformance „Sight“ im Ballhaus Naunynstraße besucht habe, wo überall auf dem Boden Kleider herumlagen, versuchte eine junge Frau allen Ernstes mit einem pinken Adidas-Jäckchen durchzubrennen. Schon Sokrates hat sich ja kritisch zu jugen Leuten geäußert.

________________________

*Das wird auch auf den Websites der Sophiensäle und des Autoren Till Müller-Klug sowie im Programmheft mehrmals betont. Die Gefahr, die Zuschauer könnten die Performance für eine historische Dokumentation halten, wurde also gebannt. Dass die Performance als dröge und zu simpel empfunden werden könnte, hat anscheinend niemanden beschäftigt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s